ohmonika 09.02.2012, 14:13 Uhr 3 0

Die Verwandlung

Ein paar Gedanken über Insekten, Picasso und morgendliche Übelkeit. Und dass es manchmal klüger ist, sich zwischen Alkohol und Sex zu entscheiden.

Einen Moment nichts denken. Einen Moment später ist es schon vorbei. Morgen kann ich sagen, es war gestern. Morgen ist alles anders. In einer Minute ist es bereits Vergangenheit.

Ich atme ein. Es fühlt sich nicht besonders an, wenn man die Augen geschlossen hat. Atme bewusst. Was auch immer das ist.

Die Luft kommt rein, so oder so.

Bei den Nachbarn fällt die schwere Tür ins Schloss. Die Kopfschmerzen sind hochgeschreckt und in meinen Schädel gekrochen. Die Knie könnten verletzt sein. Das Atmen ist nicht meines.

Mein Körper verfällt in angespannte Stille.

Das Atmen ist da.

3… 2… 1…

Flip Flops im Mülleimer. Bier und Schnaps in gleichen Teilen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob es gesondert ausgeschenkt wurde. Getanzt wie früher mit 20. Wildes Gezapple und zuckende Beats. Schweißgetränkte Shirts. Klebrige Haare. Verlaufenes Make Up.

Ich stelle den Kopfschmerzen einen Berechtigungsschein aus.

Das Atmen.

Kratziges schlecht rasiertes Kinn. Wiegende Hüften in engen Jeans. Noch mehr Drinks.

Auf dem Heimweg stellt sich mir eine Parkbank in den Weg. Blutige Knie. Hemmungsloser Sex.

Im Nachhinein betrachtet, eher der Schnelldurchlauf von 77 Stellungen in 25 Minuten. Wobei einige nur halb ausgeführt wurden. In der praktischen Umsetzung des Kamasutra ist Alkohol nur bedingt hilfreich. Manchmal geht das Ziel schon während der Vorbereitung verloren.

Ich kann mich an seinen Geruch erinnern.

Ohne den erhofften Applaus und einen Blick auf das Atmen zu werfen, transpondere ich mich ins Badezimmer.

Der Spiegel bestätigt mir den grausigen Verdacht.

In diesem Moment danke ich Gott, dass er die meisten Männer mit dem Fluch des Langschläfers belegt hat.

Unvorstellbar wenn man erwacht und sich neben einem gerade Gregor Samsa in ein überdimensionales Insekt verwandelt. Kein Mann wünscht sich einen kafkaesken Moment im Bett. Weder frühmorgens nach einer durchzechten Nacht, noch sonst wann.

In diesem kafkaesken Moment befinde ich mich eben jetzt gerade. Ganz für mich allein.

Leicht angewidert und doch belustigt, betrachte ich dieses Werk, das eindeutig aus Picassos rosa Periode stammen könnte. Und das bedeutet noch nicht, das jemand es rahmen und an die Wand hängen sollte.

Abermals bedauere ich das Unvermögen der Kosmetiker und Wissenschaftler, eine Pille zu entwickeln, die mich morgens heller strahlen lässt als die Sonne. Und das, noch bevor ich auch nur eine Wimper bewege.  Abermals bedauere ich, nicht die Haut der Frau aus der Parfumwerbung zu haben. Die Zähne eines Hollywoodstars.

Ich rede mir ein, alles wäre anders wenn… wenn ich perfekt wäre.

Zumindest könnte ich mir diese Prozedur des Maskierens ersparen.

Ich entledige mich mit Wasser und Seife der verstrichenen Stunden und trage Schicht für Schicht den neuen Tag auf.

Das einstudierte Lächeln auf die Lippen getackert und los.

Das Atmen wird zu einem Röcheln.

Ich sitze steif im Bett und warte auf Beifall von nebenan.

Er hustet und gähnt lautstark. Nein, es ist vielmehr ein Schreien.  Möglicherweise ein Ruf, der allen anderen mitteilt, dass sich hier ein richtiger Mann aufhält. Eine Warnung an alle Kontrahenten. Die in Horden vor meiner Tür Balztänze aufführen und Testosterondämpfe absondern, um die Stimmung anzuheizen. Beinahe täglich kämpft sich die Postbotin mit halsbrecherischen Akrobatikeinlagen zum Briefschlitz durch. Gottlob war sie in jungen Jahren als Schlangenmensch mit dem chinesischen Nationalzirkus unterwegs.

Vorsichtig drehe ich das zurechtgemachte Köpfchen, um zu sehen, was sich das Schicksal für mich ausgedacht hat.

Bei solch kräftiger Stimme kann es sich nur um einen wahren Prachtkerl handeln.

Zwei braune Augen… ich schiebe das dezente Schielen auf den vorabendlichen Alkoholkonsum. Manchmal dauert es etwas länger, alles wieder zurechtzurücken. Nun gut, es sind zwei Augen. Immerhin.

Er grunzt, kratzt sich irgendwo in tiefer gelegenen Regionen, die ich nicht genau lokalisieren möchte und fasst mit ebendieser Hand nach meiner.

Der Versuch, sie rein zufällig vorher unter die Decke zu stecken, misslingt.

Geschockt muss ich mitansehen, wie dieser riesige behaarte Kerl zuerst verträumt an seinen Fingern schnuppert und anschließend meine mit seinem Duft markiert.

Wäre ich im Film, würde es in just diesem Moment der Protagonistin wie Schuppen von den Augen fallen. Das schnapsgetränkte bis dato kurze Leben blättert sich durch wie ein Daumenkino. Die Erleuchtung folgt prompt.

Ich wäge meine Möglichkeiten ab.

Der Neandertaler in meinem Bett richtet sich auf und grinst unverschämt. Dabei sieht er aus, als ob er auf Applaus warten würde. Er.

Standing ovations wird wohl keiner von uns beiden bekommen.

Auf seinem Kopfkissen breitet sich langsam ein feuchter Fleck aus.

In Gedanken bin ich schon an der Waschmaschine.

Ich tätschle ihm bestätigend die schwammige Schulter.

„Es war ja gaaanz gaaanz großartig mit dir.“ Ich klinge wie ein Teenager.

Und dann versucht die vergangene Nacht nicht in Vergessenheit zu geraten. Mein Magen krampft sich zusammen. Ich schlucke das Gemisch aus Bier und Galle wieder hinunter. Der Geschmack erinnert mich an meinen 16. Geburtstag. Grüne Witwe aus Halbliterplastikbechern und Bananenkuchen. Am Ende war ich da, wo ich jetzt bin. Das kommt mir merkwürdig vor. Man könnte meinen, ich hätte mich 18 Jahre lang nicht bewegt.

Neuerlich findet eine Transformation statt.

Die heißen dunstenden Körper und pseudoerotisches Ringen mit einem Homo Sapiens Neanderthalensis verschmelzen zu einem bräunlichen Brei. Mit einem Knopfdruck befördere ich den Teil meiner Vergangenheit in den Abfluss… in die Kanalisation… um dort unbemerkt zu verrotten.

Später verlasse ich die Toilette, um fest zu stellen, dass mein Beischlafgegner die Flucht ergriffen hat.

Jetzt setzt der herbeigesehnte Applaus ein.

Wie war das noch!?

Einen Moment später ist es schon vorbei. Und morgen erinnert sich keiner mehr daran. Morgen ist alles anders. Übrig bleibt etwas zwischen Picasso und Kafka mit aufgeschlagenen Knien.

Ich fürchte, keiner kann mir sagen, wie lange ich das noch ertragen muss.

3 Antworten

Kommentare

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    "Ich rede mir ein, alles wäre anders wenn… wenn ich
    perfekt wäre."

    Denkt sich das nicht jeder von uns immer wieder?
    Sehr treffend der Text sag ich dir als 20-jährige. Ist teilweise wirklich so wie du es beschreibst

    20.02.2012, 10:54 von U
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    Flip Flop Flip Flop Flip Flop Flip Flop Flip Flop Flip Flop Flip Flop Flip Flop Flip Flop... mag ich, liest sich wie schlechte Schminke, die gut aufgetragen wurde, oder umgekehrt

    09.02.2012, 23:45 von EliasRafael
    • 0

      im Übrigen taucht der Text nicht bei den neuen Texten auf, oder?? Wäre schade, wenn ihn daher keiner liest, nochmal neu einstellen, nur so'ne idee.

      09.02.2012, 23:50 von EliasRafael
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