kaiwai 04.03.2018, 16:40 Uhr 22 9

Die Kuschelnutte

Nacht. Alkohol. Ein Mann. Eine Frau. Und wie schon damals im Grundkurs Mathe muss ich feststellen: Es ist komplizierter als es aussieht.

Es gab mal einen Mann in meinem Leben, der die Ziellinie einer Beziehung fast überschritten hätte. Sporttaucher, Motorradfahrer, Bart und abenteuerlustig. Und nicht nur das, wir lernten uns in der unperfektesten Situation kennen, die sich ein weiblicher Single vorstellen kann.

Nach einem versackten und viel zu langen Abend in unserer Bar, verraucht, verkatert und mit drei Stunden Schlaf viel zu übermüdet fand ich mich zwischen im Halteverbot parkenden Autos und Umzugskartons in der Innenstadt in der schlimmsten Szenerie eines Samstagmorgens wieder: der Umzug. Ich helfe, wie es meine gute Freundin auch bei mir getan hat. Ob ich aus dem Bett gekrochen und Hosen angezogen hätte, wenn sie mir vorher gesagt hätte, dass sie in den 5. Stock des imposanten Altbaus zieht, weiß ich nicht. Aber ich bin da, wenn auch mein Körper mir mehr als deutlich klar macht, dass die halbe Tasse Kaffee beim Zähneputzen nicht annähernd ausreichend war.

Hier kommt er ins Spiel, ebenfalls ein Freund der Freundin. Ich finde ihn süß, mein Unterbewusstsein hat den Kampf gegen meinen Kater aber noch nicht gewonnen, also halte ich vorsichtshalber die Klappe, bevor ich mich brechend vorstelle. Abends erhalte ich eine Nachricht meiner Freundin, er hätte nach mir gefragt, findet mich süß und will mich kennen lernen. Wie geht das bitte? Da verbringe ich Stunden im dm-Markt und anschließend Monate meines Lebens, mich auf alle Eventualitäten eines Abends vorzubereiten und dann findet er mich an diesem Tag, der Gosse mit einem Haar entkommen, süß. Na gut, ich fühle mich geschmeichelt und die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Warum es letztendlich mit uns nicht geklappt hat kann ich gar nicht sagen. Warum der Hefeteig mal aufgeht und mal nicht ist meiner Meinung nach auch eine Sache des Universums. In dem Kampf, so etwas wie eine Beziehung zu zu lassen kann ich mich nur noch an den Satz erinnern: „Eigentlich will ich mich austoben bis ich dreißig bin, dann komme ich wieder von den Reisen in die Welt zurück und werde sesshaft.“ Und da: Er hat seinen Plan im Kopf und es wäre schön, wenn ich noch da wäre. Eine Riesterrente für das Herz quasi, Idiot. Wir haben das mit den Gefühlen gelassen, auch wenn das Essen bei seinen Eltern sehr nett war. Kurze Funkstille, dann, ein halbes Jahr später, wieder vagen Kontakt mit viel Ironie und Sarkasmus.

Vor nicht all zu langer Zeit war die ganze Gruppe unterwegs zum feiern, ich stoße bei einer gepflegten Runde Gin Tonic dazu. Er hat Vorlauf, begrüßt mich herzlich mit einer langen, festen Umarmung und einem Kuss auf die Backe. Ich bin irritiert, mache das Spiel aber mit. Da ich wusste, dass er da sein wird, wurde ich mir zum Glück vorher klar, was ich möchte. Beziehung? Nein, das wollte er nicht und jetzt will ich nicht mehr. Austoben aber nicht von mir lassen können, neinnein mein Freund, die Entscheidung nehme ich dir lieber ab. Sex? Da ich das mit Gefühlen für mich geklärt habe, warum eigentlich nicht. Funkstille? Hatten wir schon, über diesen Punkt sind wir hinaus. Gefestigt in meinem Kopf, meinem Bauch und meinem Herzen stoße ich also in dieser Runde mit meinem bitteren Getränk an und gebe in Gedanken meiner inneren Dreifaltigkeit ein High-Five, dass sie sich endlich einig ist und meinem Kopf mal eine kurze Pause gönnt.

Da ich dachte, das Thema Beziehung sei für uns erledigt, staunte ich nicht schlecht als er mich zur Seite nimmt und mir nochmals sagt, wie gut ich aussehen würde und wie sehr er sich freut, mich wieder zu sehen. Sein Blick ist vielsagend und geht fast in Starren über. „Ich denke sehr oft an dich.“ Aha. Als ich nackt in deinem Wohnzimmer stand und dich fragte, ob du mit mir duschen gehen willst, konntest du mich nicht mal anschauen, als du nein gesagt hast. Aus Angst vor deinen Gefühlen hast du dicht gemacht und mich nicht an dich rangelassen, in welcher Form auch immer. Und jetzt, wo ich mir meiner Gefühle im klaren bin, machst du die Tore zur alteingesessenen Burg auf? Na vielen Dank für das Timing.

Ich spiele dieses Spiel ein wenig mit, bewahre aber die nötige Distanz. Komischerweise scheint das seinen Magnetismus anzuschmeißen: er versucht mich zu küssen. Hä? Also hätte ich damals nur abweisend sein müssen, um sein Herz für mich zu gewinnen? Herrje wie kompliziert. Bevor seine Lippen das Ziel erreichen weiche ich aus und beginne diesmal, ihn anzustarren. Ohne darüber nachzudenken, welche Reaktion ich durch meine Worte hervorrufen könnte, mache ich ihm klar, dass er alles von mir haben kann, außer meinen Gefühlen. Mein Vorschlag: Ich gehe mit ihm Heim, wir verbringen eine tolle Nacht, dann bin ich weg. Entweder das oder garnichts. Und auf einmal wird sein Blick weich und ich erkenne etwas, was ich bei einem Macho wie ihm nie erwartet hätte: Traurigkeit und Enttäuschung. „Du bist an meiner Einstellung nicht ganz unschuldig mein Lieber. Überleg es dir.“, sage ich und ihm wird klar, dass meine Entscheidung, ein ja zu Sex und ein nein zu Gefühlen, steht.

Trotz dieses Emotionsgulaschs sitzen wir am Ende des Abends im Taxi auf dem Weg zu seiner Wohnung. Warum ich mitgegangen bin kann ich nicht sagen. Vielleicht der Wunsch nach gutem Sex, ich weiß ja, was mich mit ihm erwartet, vielleicht, weil es so unkompliziert ist. Ich habe ihm ehrlich klar gemacht, was geht und was nicht. Er hat unterschrieben ohne ein heimliches Abo bestellt zu haben, keine versteckten Fallen. Wir beide feiern, so blöd alles im vergangenen Jahr ausgegangen ist, ein kleines Klassentreffen zu zweit.

Es wird heiß. BHs kann er immernoch mit einer Hand öffnen, das Bett ist immernoch bequem, er fühlt sich immernoch gut an. Ich fühle mich großartig. Doch je länger das Vorspiel geht, umso mehr wird mir klar, dass ein Detail fehlt. Meine Versuche, ihn in die richtige Stimmung zu bringen und zu einem Aufwärtstrend zu bewegen, schlagen alle fehl. Egal was, es regt sich nichts. Ich fühle mich wie ein Kind, das mit Schlittschuhen an einem See steht und beinahe anfängt zu weinen, weil das Wasser kein Eis und somit nicht hart genug zum fahren ist. Als Frau ist man in solch einer Situation hilflos, überall muss man sich in Sekundenschnelle entscheiden. Versuche ich es weiter und stelle ihn mit jeder Minute mehr bloß, wenn es nicht klappt oder bin ich so egoistisch und drücke behutsam seinen Kopf nach unten, ein weiblicher Blowjob-Move quasi? Oder stelle ich die Fragen aller Fragen in der ich das Problem anerkenne und jedwede Hoffnung auf Sex zerstöre: Liegt es an mir? Er nimmt mir die Entscheidung ab und spricht es direkt aus: „Ich weiß nicht was los ist, es tut mir leid.“ Wie bitte was? Zusammenfassend für die kleinen Neurotischen: Ich habe mich ihm vor einem Jahr auf dem Serviertablett mit all meinen Macken und Gefühlen hingegeben und er hat sich wie ein ängstlicher Hund bei Gewitter hinter dem Ofen verkrochen. Jetzt habe ich die Gefühle ausgeblendet und biete ihm Sex ohne Verpflichtung und dann geht es nicht? Ich fühle mich wie bei meiner ersten Steuererklärung: Alles, was man mir in der Schule beigebracht hat und was ich bisher gelernt habe, war hier so ziemlich für den Arsch. „Okay, dann ist es so.“, sage ich. Er versucht mit allen Mitteln, den fehlenden Grund für Kondome auszugleichen. Es ist schön, kommt dem, was wir erwartet haben, allerdings kaum nahe.

Ich liege da und denke nach. Fahre ich nach Hause, denn es war ja der Deal, dass ich nach dem Sex verschwinde. Wann fährt eine Bahn? Kann man im Taxi mit Karte zahlen?

Dann kommt mir ein Gedanke. Er hat mich letztes Jahr benutzt wie einen Geschmacksverstärker. Er wollte das Beziehungsding ausprobieren und es hat ihm nicht geschmeckt. Ich dachte, dass er jetzt der perfekte Kandidat für zwanglosen „Bei-Anruf-Sex“ ist. Und nun? Mir wird klar, dass seine Reaktionen letztes Jahr nicht an mangelnden Gefühlen lag sondern an dem typischen Zwanziger-Syndrom: Was wann wo mit wem und warum nicht das andere? Je mehr ich ihn verstehe, umso mehr Riegel schließen sich an meinem eigenen Tor. Mir wird klar, dass er, wenn er nicht zu seinen Gefühlen stehen kann, nicht der Mann ist, der in meinem Kopf so lange präsent war.

Anstatt mich anzuziehen drehe ich mich zu ihm und schaue ihn an. „Lass uns schlafen, halt mich fest“, sage ich. Was sollte ich sonst tun? Draußen ist es kalt, Sex gibt es eh keinen mehr und wenn schon mal schöne, behaarte und starke Arme neben mir liegen, kann ich das auch ausnutzen. Ich war sein Beziehungs-Testobjekt aus der Versuchsreihe: wie gestalte ich meine Zwanziger. Jetzt habe ich beschlossen, dass er in dieser Nacht für mich ebenfalls von Nutzen sein kann mit etwas, für das ich nicht in die Knie gehen muss: als Kuschelnutte. Wenn er schon mal da ist kann man auch das beste daraus machen.

Nächsten morgen fahre ich bei Tageslicht nach Hause und fühle mich gefestigt. Keine Gedankenpendelei und Gefühlsauswertung. Einfach nur ein Gefühl von Geborgenheit, wenn auch nur für eine Nacht. Manchmal muss man als Single einfach nehmen, was man kriegen kann.

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22 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Mir wird
    klar, dass seine Reaktionen letztes Jahr nicht an mangelnden Gefühlen
    lag sondern an dem typischen Zwanziger-Syndrom: Was wann wo mit wem
    und warum nicht das andere?

    Ich mache immer mehr die Erfahrung, dass dieses angeblich typische Zwanziger Syndrom nicht nur eher typen- als altersabhängig ist, sondern zeitlich auch allerhöchstens auf die frühen Zwanziger und ab und zu auf die mittigen Zwanzigern beschränkt ist. In meinem Freundeskreis (alle um die 30) sind viele, die jetzt den Sack zumachen, sprich heiraten, mit ihren Partner kurioserweise bereits seit 5-8 Jahren zusammen. Das wiederum bedeutet, dass sich viele potentiellen Ehepartner bereits mit Mitte 20 finden. Also im Prinzip ganz anders als die Medien oder solche Texte hier weismachen wollen.

    08.03.2018, 15:24 von mirror87
    • 1

      Diese Erfahrungen habe ich auch gemacht. ich bewege mich aber (auch zum Glück) in einem Kreis von menschen, denen es ähnlich geht wie mir. Ich habe viele verschiedene Lebens"muster" um mich herum, ganz alleine bin ich aber mit meinen Erfahrungen nicht.

      21.03.2018, 11:38 von kaiwai
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  • 2

    Hört sich ganz nach mir an, also die Typ - Perspektive. Außer das ich mir das alles schon so gedacht hätte und mir darum garnicht erst gestattet hätte Dich süß zu finden. Achso und das mit dem Reisen passt natürlich auch nicht, weil ich das Haus nie verlasse, aber sonst gut getroffen, alles andere...undso

    08.03.2018, 11:40 von chiral
    • 2

      Draußen ist auch schön. 

      08.03.2018, 20:43 von Bergfenster
    • 0

      Sagst Du...

      09.03.2018, 01:22 von chiral
    • 1

      Das Haus nie verlassen bewahrt wahrscheinlich vor negativen Erfahrungen, aber auch vor den Guten ;)
      Ja er hätte es sich wahrscheinlich besser auch verbieten sollen, mich nicht loszulassen. Der Kopf hatte recht, das Herz hat dann doch gewonnen. Eine Erfahrung reicher.

      21.03.2018, 11:40 von kaiwai
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  • 2

    Habe mal wieder einen Text vollständig gelesen und es war nicht die Werbung für den Katzenblog. Flüssig geschrieben ohne große Ausflüge in herzschmerzende Befindlichkeiten, was ja auch selten ist. Ich habe es in den 20igern ähnlich gehalten und lieber getestet, Flucht und Abweisung genutzt und bin nun sehr froh, dass es nicht mehr so ist. 

    07.03.2018, 20:05 von Bergfenster
    • 0

      Dann habe ich ja Hoffnung dass dieses Gefühls- und Andeutungsgulasch kein Dauerzustand ist ;)

      21.03.2018, 11:40 von kaiwai
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  • 3

    Liest sich ein bisschen wie der Fahrplan für die Groko.

    05.03.2018, 13:55 von EliasRafael
    • 1

      Hab mich auch ein wenig wie ein SPD-Parteimitglied gefühlt im letzten Jahr ;)

      05.03.2018, 15:09 von kaiwai
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  • 3

    nuschelkutte?

    05.03.2018, 10:21 von ga
    • 3

      Nuschel-kutte, die // Ein bis zu der Nase eines menschlichen Kopfes hochgezogenes, braunes Gewand aus schwerem Leinenstoff, welches die verbale Kommunikation eines Homo Sapiens mit Seinesgleichen drastisch erschwert.

      05.03.2018, 12:25 von kaiwai
    • 3

      ein verbot des tragens des kleidungsstückes im öffentlichen raum wird daher in erwägung gezogen.

      05.03.2018, 15:58 von ga
    • 1

      hihi

      05.03.2018, 21:44 von Gluecksaktivistin
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  • 1

    Vor ein paar Jahren wäre der Text von einem Mann geschrieben worden. Sowas kommt halt bei raus, wenn sich Rollenmodelle ändern.

    04.03.2018, 20:47 von eszett
    • 2

      Warum Rollenmodelle? Ist ein Mann automatisch härter und eigensinniger und eine Frau von Anfang an weicher? Ich denke es ist Charaktersache. Auch wenn ich nie damit gerechnet hätte, dass ich meine Gefühle doch so gut ausblenden kann, tat es mir gut, mal eben nicht das schwache Geschlecht zu sein und dabei trotzdem kein Arschloch. Eine Nacht der verschwimmenden Grenzen quasi ;)

      05.03.2018, 12:22 von kaiwai
    • 0

      Vor ein paar Jahren war das medial vorherrschende männliche Rollenbild doch noch das des harten Kerles, das der Frau das der weichen Undurchschaubaren, die aufgrund von dem Mann unbekannten Gefühlen immer nur kuscheln statt Sex will.

      Ich persönlich finde es ja gut, wenn sich Sachen bewegen. Nach dem Kuscheln kann man ja immer noch Sex haben, zum Beispiel früh unter der schön warmen Decke, wenn es draußen kälter ist und man eng zusammenflrutscht, oder?

      05.03.2018, 22:52 von eszett
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  • 2

    Fluffig geschrieben! Auch wenn ich persönlich, vielleicht in dieser Situation anders gehandelt/gedacht hätte, sehr nachvollziehbar beschrieben. Ich habe es  sehr gerne gelesen! ;)

    04.03.2018, 17:39 von Fin_Fang_Foom
    • 1

      Vielen Dank für das Kompliment! Ja, die Ereignisse dieser Nacht haben in mir auch ganz neue Seiten geweckt. Und komischerweise ging es mir gut damit. Wäre aber ja eigentlich auch schlimm, wenn man sich nicht mehr überraschen könnte ;)

      05.03.2018, 12:20 von kaiwai
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      Schade, dass du es so siehst. Aber danke für deinen Kommentar!

      05.03.2018, 12:18 von kaiwai
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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