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Die Hobbyhure

Isabel findet, dass sie den besten Studentenjob hat: Er bringt viel Geld und viel Bestätigung - Isabel arbeitet als PROSTITUIERTE.

Blass und dünn ist Isabel, sie trägt ausgewaschene Röhrenjeans und weiße Turnschuhe. Stricherschick? Nein, so läuft zurzeit halb Berlin rum. Als wir uns auf einen Kaffee in Mitte treffen, um über ihren Text für NEON zu sprechen, fällt sie nicht weiter auf. Wie die Studentin, die sie tatsächlich ist, sieht Isabel aber auch nicht aus. Die 24-Jährige wirkt viel jünger – auch weil die Begeisterung, mit der sie von ihrem neuen Nebenjob erzählt, so grenzenlos, fast naiv ist. Seit drei Monaten arbeitet Isabel als Prostituierte. Ihre Freier sucht sie über ein Sexportal im Internet aus. Wie vermeintlich leicht sie so ihr Geld verdient, findet Isabel immer wieder faszinierend. Deshalb hat sie auch allen ihren Freunden davon erzählt – und einen Text geschrieben, den sie unangefordert an NEON geschickt hat. Hier ist er.

Seit drei Monaten habe ich einen Nebenjob. Ein Selbstversuch? Längst mehr als das. Schließlich bin ich süchtig danach, nach Anerkennung, süchtig danach, begehrt zu werden, das Geld zwischen den Fingern zu spüren, es am nächsten Tag für schönes Essen auszugeben – den Groß teil jedoch aufs Bankkonto zu legen, schließlich hab ich mich unter Kontrolle. Der Bankangestellte müsste mich allmählich schon kennen, noch lässt er sich nichts anmerken, noch ahnt er nichts. Wieso auch? Ich sehe unschuldig aus, das ist schon immer mein Bonus gewesen, beim Spicken, beim Klauen – nun eben Prostitution. Wer ahnte was? Beim Stehlen bin ich erwischt worden, beim Spicken so - wieso. Dass ich mich prostituiere, verhehle ich nicht, wenn man mich fragt, was machst du so die Abende, woher hast du das viele Geld? Allein, meine Eltern sehen nicht, dass ich abends fortbleibe, von Wildlachs und Biofleisch lebe. Auch meine Professoren nicht. Obwohl ich im Internet frei zugänglich, für jedermann sichtbar bin.

Viel Zeit geht für Planung drauf, ich suche mir meine Freier sorgfältig aus, via Internet, lasse mir Fotos schicken. Bewerbungsfotos. Wer ficken will, muss freundlich sein? Bei mir gilt: Wer ficken will, muss einstufbar sein auf einer Skala von notgeil bis traurig, damit es zu keiner – schon gar keiner bösen – Überraschung kommt. Überrascht bin ich häufig, wenn ich den Mann in natura sehe. Doch ich kenne kein Zurück, das Geld ist schon in mein Hirn eingeschrieben, schwer da wieder auszurubbeln, alle Planung wäre umsonst gewesen.

Am schönsten ist die Erleichterung, wenn es zu Ende ist. Du willst mich ein zweites Mal treffen? Innerlich kotze ich. Die Tür ist zu, das Geld ist mein, ich bin froh, drehe Musik auf und tanze … fünf Minuten, dann fass ich mich wieder, sonst folgt Depression darauf.

Ich koste einhundert Euro die Stunde, manchmal einhundertfünfzig, je nach Lust, nach Laune; je schöner der Mann, desto billiger bin ich. Ich bin nicht kalt, ich habe Gefühle – wer sie weckt, darf mich kostenlos vögeln.

Das Geld souffliert mir, dass ich einen Wert besitze – ob ich selbst daran glaube? Schwer zu sagen. Würde ich mich kaufen, wenn ich ein Mann, sexuell unausgelastet wäre? Uns Frauen soll Sex nicht so wichtig sein – stimmt nicht, aber einhundert Euro dafür zu bezahlen?

Warum mögen mich meine Freier so gerne? Weil ich schüchtern bin, vor jedem Treffen Herzklopfen kriege – freilich, nicht so schlimm wie beim ersten Mal. Weil ich versuche, das Schöne im Mann zu entdecken, im Hässlichsten, Stinkendsten? Jeder Mann soll ein Recht darauf haben, eine junge Frau zu ficken!

Denke ich an die Ehefrauen? Ich tu es nicht, sie sind mir egal, wie mir die Männer egal sind. Ihre Sache. Ich will das Geld; ist es verwerflich, verheiratete Männer zu ficken? Ich verführe niemanden, sie kommen alle freiwillig, das Ziel steht fest, bevor wir uns begegnet sind. Und trotzdem die Angst, jedes Mal, er könnte mich nicht mögen, meinen Körper hässlich finden. Bisher ist nie eingetreten, was ich in den Minuten vor den Treffen für möglich halte. Am Anfang musste ich mir noch Mut an - trinken. Champagner, versteht sich. Ich fühle mich hübsch, spätestens wenn er mein Top auszieht, meine Schultern streichelt; vielleicht auch schon früher, wenn das Geld in meine Börse gleitet. Ich tue, als zählte ich’s nicht.

Das Geld, was ist nur an dem Geld? Liest sich wie ein Matheheftchen, meine Einnahmenliste: einhundert, zweihundert, dreihundertfünfzig – abstrakte Begriffe. Fühlbar sind die Schuhe, die ich gekauft habe. Ich trage sie nie. Trophäen. Gut, dass ich nur sie gekauft habe. Die Jeans aber – die trage ich jeden Tag, sie werden halten, zwei Jahre. Ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein. Ich habe abgenommen seitdem, esse weniger, achte jetzt auf meine Gesundheit.

Profitiere ich allein? Habe ich nicht Dutzende Männer glücklich gemacht? Noch jetzt schreiben sie mich an, weil sie nicht vergessen können. Wie schön es war. Für sie – für mich nicht. Aber das spielt keine Rolle: Qual, nicht Spaß soll ich haben. Ich spüre mich, wenn ich Ekel empfinde, schließe die Augen, bin ganz bei mir; wer unter mir ist, das spielt keine Rolle. Ich möchte benutzt werden. Masochismus. Bezahlter.

Fakt ist, dass es mir nie besser ging. Der Schriftsteller Max Frisch sagt: Weiblich ist das Widerstandslose, Willige, Hurenhafte, der Drang, zu sein und sich darzustellen. Er wird es wissen. Ich liebe meinen Job, ehrlich, auch wenn ich ihn manchmal furchtbar finde. Ich fühle, dass ich dankbar bin. Womit hab ich das verdient, das viele Geld? Hab ich’s mir erarbeitet oder gestohlen, dem Mann aus der Tasche gezogen im Moment seiner Schwäche für mein Fleisch? Ich bedauere nichts, kann’s nur immer noch nicht fassen. Jahrelang an der Kasse gestanden, Eisen gehärtet – war das besser, ehrlicher? Nein, ich bin kein Metaller, keine Warentippse, bin eine Faule, Genusssüchtige – warum machen’s nicht alle so wie ich? Meine Kunden: Juristen, Ärzte, Steuerberater – so fern von mir und dadurch reizvoll; sie, die ihr Geld »legal« verdienen. Ich kann es nicht, bin immer untüchtig gewesen, ohne Ehrgeiz, wahrscheinlich liebte ich Geld zu wenig. Und nun das: Geld in rauen Mengen, alles meins; die Furcht, es zu verlieren, dass mir das Geld durch die Hände rinnt, durch die Ritzen des Kontos sickert, unsichtbare Fugen zwischen Bankauszügen, Angst, am Ende wieder da zu stehen, wo man am Anfang gestanden hat, mit leeren Taschen, verprasst das Ganze.

Hart verdient? Leicht verdient? Schnell verdient. Und doch kann eine Stunde langsam vergehen. Wenn der Mann dick ist, aus dem Gaumen stinkt. Alles schon gehabt. Mich selbst dabei bemitleidet und nachher erlöst gefühlt, das Geld doppelt genossen. Trotzdem mag ich meine Kunden – solange sie mich mögen, sonst fürchte ich sie: War ich nicht gut? Mein Körper nicht richtig?

Und dann ist da das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn man nicht sofort den nächsten Freier vögelt. Ich spüre mich nicht mehr, muss neue Kunden aufgabeln, es ist ein Teufelskreis, schwer, ihm zu entrinnen. Es geht so weit, dass ich mich missbraucht fühle, wenn ich normalen Sex habe, benutzt, weil ich nichts als körperliche Befriedigung dafür kriege.

Warum fühle ich mich cool, kann’s kaum erwarten, jedermann unter die Nase zu binden, womit ich mein neues Geld verdiene? Lust zu schockieren – DU eine Nutte?!?! Schon immer gewesen, wusstest du’s nicht? Ich habe Spaß daran, ich vögele gerne; kalt sein, keine Gefühle, die ja verderblich sind, bloß nicht lieben – hassen, verachten! Nüchtern sein, berechnend. Angst vor Gefühlen und ergo Enttäuschung. Ich tu’s auch, weil ich einsam bin. Wenn ein Mann mich fickt, fühle ich mich aufgehoben. Und er ist glücklich, wenn ich Lust empfinde, mal echte, mal falsche, mit mir selbst Spaß habe – der Mann ist bloß die Beigabe, die die Kohle liefert. Er erkauft sich Zuneigung, ich kriege sie gratis, das Geld obendrein, das schimmelt auf meinem Konto – will es langsam ausgeben, jeden Cent spüren, den ich mehr in der Tasche habe, nur nicht fahrlässig werden, muss mich quälen, um dauerhaft Glück zu empfinden.

Und die Zukunft? Natürlich werd ich versuchen, auf andere Weise Geld zu verdienen – und einen Bruchteil meines Nuttenlohnes kriegen für Arbeit, die nur Geist erfordert. Bis ich davon leben kann. So lange will ich Nutte bleiben. Oder länger. •

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