HerrDiesinger 04.12.2012, 20:24 Uhr 50 43

Die große Freiheit.

Sie will etwas von mir, das man mit Liebe nicht kaufen kann – Geld. Hier ist die Würde des Menschen für 50€ eben doch betastbar.




Das zerbrochene Herz im Altglascontainer. Die Trümmerfrauen aus dem Freundeskreis am Wiederaufbau meines Selbstvertrauens. Und die Liebesbriefe voller Meineide sicher schon graues Recycling-Klopapier.

Es wurde langsam auch Zeit, denn meine eigentlich gefühllosen Geräte begannen mitzuleiden. Die Tastatur ächzend unter der Last der emotions-überladenen Worte. Und auch meinem Handy ging ich wohl langsam auf den Sack mit meiner Jammerei. Warum sonst, sollte es aus meinen „Schachtelsätzen“ „Schwuchtelscheiße“ machen?

Ich war innerlich tot. Wanderte die Nulllinie von Nord nach Süd und sonnte mich im weißen Licht. Spielte mit dem Sensenmann Schach am Strand und wir einigten uns auf ein vorläufiges Remis. Gott hat sich lange nicht bei mir gemeldet. Keine Ahnung ob er überhaupt noch lebt. Auch regelmäßiger verbalen Aderlass, und eine Kneippkur mit Wechselbädern zwischen Selbstmitleid und einer Wanne voll schäumender Wut bringen keinen Erfolg. Ich verpuppe mich in einem Kokon aus Hirngespinst und hänge in der Luft meines neumöblierten Sterbezimmers.

Doch ich hab mich herausgekämpft aus dem Nimbus. Bin dem Albtraum im Traum entwacht. Neugeboren unter einem schlechten Stern. Die Zeichen stehen auf: Trinker, Aszendent Raucher.

Die große Hure Babylon. Wollüstig liegt sie vor mir und empfängt mit gespreizten Beinen jeden, der nirgendwo das Glück fand und es hier geschenkt zubekommen hofft. Taumelnde Zwillingstürme zu Babel haben sie aus Glas errichtet, zu derren Füßen sich Astra, Weib und Gesang verphallustieren in einem Garten Eden, surreal wie ein Hieronymus Bosch.

Ich flaniere auf der sündigen Meile, die noch nicht mal einen Kilometer lang ist. Hans Albers’ Lied hat bis heute Gültigkeit. Doch als Mann nachts um halb eins, alleine über die Reeperbahn zu bummeln ist in etwa so spaßig, als pflücke man Erdbeeren auf einem Mienenfeld im Jemen.

Es packt mich etwas am Arm, das ich nicht mal blind vom Alkohol ansatzweise schön, geschweige denn menschlich finde und nennt mich Süßer. Eine Frau aus der Rumpelkiste mit der Aufschrift: haart aber herzlich. Sie heißt nach eigenen Angaben Jasmin, duftet aber bestialisch nach künstlicher Vanille. Durchdeklinierte Corporate Identity bis zum Geruch haben eben doch nur Werbehuren nötig.

Sie will etwas von mir, das man mit Liebe nicht kaufen kann – Geld. Hier ist die Würde des Menschen für 50€ eben doch betastbar. Man merkt ihr sofort an: der Körper ist willig, aber der Geist ist schwach.

Hier aufm Kiez wurde der intimste Moment zweier Liebender heruntergebrochen auf eine Dienstleistung. Sexuelles Entertainment mit der Taktung einer treibgesteuerten Fließbandmaschine. Hier wird Liebe handgemacht. Das Geld liegt auf der Straße und es gibt genug, die sich dafür bücken. Frischrasierte feuchte Männerträume bieten ihre Fotzen feil, die, mit der von Gott handgeformten Kathedrale des Lebens nichts mehr gemein haben. An Stelle einer Scham findet man zernarbte Seelen mit dicker Hornhaut über den Gefühlen. Frauen abgenutzt wie S-Bahnsitze.

Es gibt hier an Perversionen wohl nichts, das es nicht gibt. Wer auf St. Pauli nach einer minderjährigen Thailänderin sucht um von ihrem rasierten Venushügel Koks zu ziehen, der wird fündig. Würde mich nicht wundern, wenn man an Heilig Abend zum Nillekäsfondue lädt.

Seemann deine Braut ist die See. Aber die fickt dich nur mental. Darum braucht es St. Pauli. Ein Stadtteil so berühmt berüchtigt wie die Piraten der Südsee. Liegt es an den Tattoos, der Mentalität oder den rotbeleuchteten Schaufenstern – wann immer ich mich zwischen den von Auswärts angereisten Hausfrauen durchdrücke, die in Penis-Strohhalmen und Geschlechtsverkehr für 39,90, die sexuelle Revolution zu erkennen scheinen: ich muss an alte Jahrmärkte denken. An einen ungarischen Wanderzirkus, in dem man für einen Schilling die bärtige Frau, den stärksten Mann der Welt oder die Dame ohne Unterleib begaffen kann. Lug und Trug treffen Fantasie und Neugier. Wahrsager, Feuer, gestreifte Hosen, Zylinder und gezwirbelte Schnauzbärte. All das rieche ich, wenn ich auf dem Spielbudenplatz einatme. Aber auch Urin, Kotze und sexuelle Frustration, noch konzentrierter als bei Nanu-Nana.

Ich bin erschöpft vom ständigen Ausweichen und Wegstoßen der Touristen, die mit offenem Mund durch die Gegend stapfen, als hätte sie der Johanniterbus gebracht. Aus einem dröhnenden Laden dampft der Schweiß. Wie ein Arzt zum blutigen Motorradfahrer am Alleebaum, kämpfe ich mich durch die Menge zur Bar vor.

Showtangotucken zwischen Tanzstil und epileptischem Anfall hüpfen um mich herum. Nicht, das Undercut-Heten, die alles mit Doppel-X-Chromosomen, die schmächtige Macht ihres Gemächts vorführen, besser wären. Aber warum findet man die Sexpressionisten so oft am anderen Ufer, dort wo das Wasser wärmer ist?
Ich bestelle einen Cuba Libre und stoße auf die fidele Freiheit an. Hiermit ist der Punkt überschritten an dem mir auch nur irgendwas nicht wurst ist. Ich grabe eine Brünette an, die den Fehler macht in der gleichen Bar wie ich zu stehen. Den Drink für sie bestelle ich. Zahlen soll die Emanzipation. Sie stößt dankend mit mir an, während ich Interesse vorschiebe um eine bedeutungslose Nummer nachzuschieben. Ich ziehe die Nullnummer und beschließe Heim zu gehen, bevor mich der Aggrobarmann zur geschlossenen Tür hinausbegleitet.


Nichts ist so ehrlich wie 4-Uhr-Früh, wenn der Himmel seinen Suchstrahler aufgehen lässt. Da dämmert den meisten das eigene Elend und das Morgengrauen wird sichtbar. Ich bin ordentlich angezündet und meine Kippe tut es mir nach. Als ich in die kleine Freiheit abbiege sehe ich eine Barbiepuppe in der Gosse liegen. Ihr zerrissenes Kleid entblößt die harten Brüste, formgebend für ein Schönheitsideal, das über den Lebensunterhalt der Mädchen zwei Straßen weiter entscheidet. Das rosa Polyesterkleidchen ist nach oben gerutscht und gibt die nicht vorhandene Scham preis. Ein Anblick so enttäuschend wie die letzte Nacht. Auch dieser Männertraum hat kein Happy End. Das Gesicht beschmiert mit Dreck, und doch ist ihr Grinsen wie gemalt. Da liegt sie, die gestürzte Prinzessin, ein Sinnbild für die begrabenen Träume kleiner Mädchen. Doch wer schon mal in einem Stripclub saß, der weiß – Adams Äpfel befinden sich in den Händen Evas. Der Mann denkt, ER habe die Macht jede Frau zu besteigen, die er auswählt. Doch SIE ist es, die abkassiert und ihn auf das Animalische erniedrigt. Jeder Geldschein ein Eingeständnis, anders nicht zum Stich zu kommen. Die Pforte zur Hölle liegt eben doch zwischen zwei Schenkeln. Aber es wäre falsch zu sagen St. Pauli wäre gottlos, wo doch an jeder Ecke Eros kleine Tode geopfert werden.


Ich wanke nach Hause, denn ich bin müde vom ich selbst sein.

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50 Antworten

Kommentare

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    Bitte mehr, bitte bitte mehr!

    19.12.2012, 23:35 von sellardore
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    Gekonnt! Aber was Nanu Nana - falls du damit den allbekannten Dekoladen meinst - da drin macht, frag ich mich...

    14.12.2012, 01:55 von Ni_Na_No
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    Nichts ist so ehrlich wie 4-Uhr-Früh, wenn der Himmel seinen Suchstrahler aufgehen lässt ... wie wahr, sehr schön!

    11.12.2012, 17:18 von Bonny.Snow
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    KOMPLIMENT!! Deine Art zu Schreiben gefällt!
    Deine Texte kann man fühlen, riechen, schmecken. Ob man das in dem Moment will oder nicht, wie auch hier, wenn man beim Lesen das Gefühl hat, der Kiez stöhne einem obszön ins Gesicht.

    Dafür gibts ein Herz!

    11.12.2012, 14:02 von Hobson
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    haart aber herzlich.
    Hier wird Liebe handgemacht.
    Das
    Geld liegt auf der Straße und es gibt genug, die sich dafür bücken.
    Frauen abgenutzt wie S-Bahnsitze.

    - herrliche Wortwahl!

    07.12.2012, 17:13 von schnutopard
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    etwas viel...aber trotzdem sehr gut!tja ja der geliebte kiez gut getroffen!

    07.12.2012, 12:59 von CurlyKatha
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Is mir oft zu viel bei Deinen Texten.

    06.12.2012, 20:11 von RAZim
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    Wer sich noch im Überlebenskampf befindet, fickt sich so durch, wer wirklich im Leben angekommen ist sehnt sich nach Liebe, ein kleiner aber gravierender Unterschied der es manchen unmöglich macht Mitleid für diese Welt zu empfinden...

    06.12.2012, 14:25 von RazthePutin
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    wow!

    06.12.2012, 13:35 von beccilein
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  • Make some noise peeps!

    Prinz William und Kate Middleton lernen bei einem Besuch in Australien das DJ-Handwerk - und sie sind nicht allein. Eine Auswahl des Grauens.

  • Wie siehst du das, Jörg Brüggemann?

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