misspringle 10.01.2009, 14:01 Uhr 96 42

Der Ohrenschlecker

oder »Hast du mal ein Handtuch, bitte?«

Es gibt da eine Date-Regel, an die man sich immer eisern halten sollte. Unbedingt küssen, bevor man mit irgendwelchen weiteren Aktivitäten fortfährt, aus denen man dann sich nicht so leicht herausreden kann. Ein Kuss gibt Aufschluss über die Liebhaberqualitäten eines Menschen, und wenn einen da schon das kalte Grausen packt, kann man sich immer noch mit einem freundlichen Lächeln verabschieden, ohne das Gesicht zu verlieren.

Neulich hatte ich Pech. Aufgrund des gesteigerten Alkoholpegels hatte ich den Überblick über die korrekte Choreographie verloren. Wir waren bereits ohne Einleitung zum Befummeln übergegangen, als ich mit Schrecken feststellte, dass ich eines der ungeliebtesten Exemplare der Sorte Mann erwischt hatte: den Ohrenschlecker.

Was zum Teufel daran scharf sein soll, wenn einem die Ohrmuschel ausgeschlabbert wird, das klitschnasse Körperteil dann auch noch von heißem Atem gestreift wird, sodass man nicht vor Lust, sondern vor Kälte und Grauen erzittert, ist mir schleierhaft. Männer sollen ja darauf stehen, weil irgendwelche Nervenenden am Ohr direkt mit ihrem Lustzentrum verknüpft sind, aber auch umgekehrt habe ich wenig Freude daran, mich ausgerechnet auf diesen Teil des Kopfes zu stürzen. Ich lutsche ja auch nicht an irgendwelchen Nasen rum.

Auch nicht schön: wenn einem der Kerl seine Zunge wie einen toten Fisch in die Mundhöhle parkt und darauf wartet, dass man mal macht. Zum Küssen gehören zwei, zum Gut-Küssen gehört eine gewisse Motivation. Genau so, wie einen ein labbriger Waschlappen zwischen den Zähnen anödet, stören auch diese hingehauchten Küsschen um die Mundwinkel, die wohl der Spannungssteigerung dienen sollen, aber nach ein paar Minuten einfach langweilig werden.

Grandios und nicht wenig verbreitet sind Testosteronbolzen, die bereits beim Knutschen zeigen wollen, wie sie gedenken beim Liebesspiel zu verfahren. Das gibt dann ein wildes Rein und Raus, bei dem der Erstickungstod droht, hat man nicht rechtzeitig die Technik des Deep-Throatens gelernt (die man sich ja eigentlich für, äh, später aufsparen wollte).

Wia man es nun richtig macht? Natürlich hängt das immer davon ab, es gehören zwei dazu, blah blah blah, weiteres Gesäusel kommt dann sicher noch in den Kommentaren. An dieser Stelle jedoch wollen wir mal Grundsätzliches festhalten.

Es gibt zwei Arten von Küssern: die Nassküsser, bei denen immer genügend Taschentücher/Küchenrollen/Handtücher in Reichweite sein sollten, will man nicht mit verschmiertem Lippenstift und gänzlich aufgeweichtem Make-Up dastehen, und die Trockenküsser. Trockenküsser werden von der Mehrheit der Menschen, die ich kenne, bevorzugt, weil unkomplizierter. Hier gilt natürlich: Gleich und Gleich gesellt sich gern, aber wenn Trockenküsser auf Nassküsser stoßen, wird es unangenehm.

Dann sollte man natürlich seine Zunge auch bewegen, und zwar nicht in rhythmischen Stößen. Hier heißt das Zauberwort: spielerisch. Etwas Fantasie ist natürlich gefragt, gleichförmiges Umkreisen der gegnerischen Zunge wird auf die Dauer etwas monoton. Der Mund darf weder weit aufgerissen sein wie beim Zahnarzt, noch müssen die beiden Öffnungen so zusammenpappen, dass ein Vakuum entsteht. Halb geöffnet ist ideal für einen zärtlich verspielten Zungentanz.

Die Arme sollten dabei auch nicht untätig sein und liegen bevorzugt um die Schultern des Kusspartners, so dass man mit den Händen durch die Haare fahren oder sonst was Nettes anstellen kann. Kein Begrapschen von Busen, Arsch oder sonst was bitte. Jedenfalls nicht sofort. Küssen erfordert Konzentration.

Beißen kann sexy sein, erfordert aber eine gewisse Feinfühligkeit. Man will ja am nächsten Tag nicht mit geschwollener Oberlippe oder zerkauter Zunge dastehen. Ein frisch rasiertes Männerkinn birgt bei längeren Kussorgien immer auch das Risiko von aufgeschürften Kinnpartien weiblicherseits (was uns aber in den meisten Fällen nichts ausmacht, ganz so zickig sind wir dann auch wieder nicht). Knutschflecken sind ein No-No, nicht nur weil ungesund für die Haut, sondern auch wegen der psychologischen Komponente (was macht er/sie da, Revier markieren?).

Die Gründe für diesen langen Artikel?

Liebe Männer: Gute Küsser sind selten. An gute Küsser erinnert man sich noch lange. Bei guten Küssern drückt man ein Auge zu, wenn sie optisch nicht dem Traumtypen entsprechen. Gute Küsser punkten ungemein bei Frauen.

Liebe Frauen: Jetzt könnt ihr euch irgendwelche zeitraubenden, abtörnenden mündlichen Anleitungen oder frustrierendes stilles Leiden ersparen, diesen Text ausdrucken und dem Typen einfach in die Hand drücken, bevor er loslegt.

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96 Antworten

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    Hehehe, sehr lustig, wenn auch nicht wünschenswert :)
    Was noch negativ ist, wofür aber keiner der beiden Kusspartner was kann, ist, wenn sich beide vor lauter Eintracht für die selbe Seite entscheiden und die Nasen eine schmerzhafte Begegnung machen, oder wenn man die Lippen auf der selben Höhe hat, Mund aufmacht und die Zähne kollidieren.
    Alles andere grenzt an inakzeptabel.

    31.07.2009, 18:13 von ally_alert
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    Sehr treffend.

    Gute Küsser sind sehr selten-leider leider, dabei ist Küssen doch sowas schönes....

    27.06.2009, 00:46 von KathiErnie
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      @KathiErnie Eklig sind auch die "Du stehst bestimmt drauf wenn ich anfange deine Mundwinkel mit der Zunge zu bearbeiten und dir anschließend wie ein freundlicher Hund, am Besten noch schwanzwedelnd, mit der ganzen Waschlappenpracht über die Backe schlatze"

      Am besten einfach einmal übers ganze Gesicht, dann passt die Sache :-D

      09.07.2009, 16:07 von FrauSepia
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    An die guten denkt man gerne und die schlechten...die gehen nicht ohne Grausen und Schütteln aus dem Kopf

    Sehr treffend :)

    27.06.2009, 00:42 von KathiErnie
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    ich danke für einen text der es mal wieder auf den Punkt gebracht hat!!! Männer dürfen sich auch mal gedanken machn was sie da machen und ich ahb den Text wirklich ausgedruckt und nem Kumpel hingelegt von dem ich weis das es schlecht küsst :D also llt klppts mit ihm ja auch noch :D
    LG Steffi

    26.05.2009, 00:04 von Steffschge
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    schon mal ne frau gekuesst?;)

    24.05.2009, 03:00 von Nicole.
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      @Nicole. oft und gerne. funktioniert meist auf anhieb besser. is aber nicht halb so scharf... :(

      24.05.2009, 18:40 von misspringle
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    Ich bin jetzt seit einem Vierteljahr Single... und sowas hab ich gebraucht... man vergisst gern was Frau will und
    Man(n) kann bzw. wie es Frauen gerne haben.....
    Der Text hat sich in mein Gedächtnis gebrannt....

    Und was lernen wir daraus??
    Testostron kann so unsexy sein... XD

    01.04.2009, 11:38 von Candytoe
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    Ich spar mir einfach mal die zig Kommentare die vorher geschrieben wurden. Hab heut abend ja möglicherweise noch was vor..

    Finde jegliche "Regeln" fürs Küssen (oder sonst etwas in die richtung) festzulegen vollkommen sinnfrei. Gefragt ist Kreativität! Wer immer das gleiche Programm durch zieht, seine Zunge als Kreisel oder ähnliches benutzt, der ist doch so oder so selber schuld. Das hat dann auch nichts mit Mann oder Frau zu tun. Es kann doch nicht jede Frau gut küssen? Nenene.. soo toll seid ihr dann auch wieder nuischt ;).

    PS: Selbst, wenn jemand formal perfekt küsst.. wenn er das nicht ernst meint wird es auch wieder "schlecht".

    27.03.2009, 21:04 von LaserJenensus
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    iuh!
    schon alein die vorstellung dieser kusstypen ist ekelerregend=)
    sehr lustig sich das durchzulesen!!!!

    25.03.2009, 18:11 von nagerin
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    danke danke. das war echt mal notwendig, ein ehr aufschlussreicher artikel. ich möchte noch den rührer mit einbauen. ein typ, der den mund aufreißt und dann 20 minuten nur de zunge im kreis dreht. ganz schrecklich. bitte bitte, beim küssen geht es um das richtige verhältnis von lippen- und zungenarbeit und das verhaältnis kann den verschiedenen charakteren natürlich beliebig aufgeteilt werden.

    danke!

    20.03.2009, 12:01 von die_louise
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    haha, aber wahrscheinlich wahr. mehr fällt mir dazu nicht ein :]

    28.02.2009, 22:40 von Der_Muenzer
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