derHalbstarke 27.11.2012, 13:44 Uhr 53 20

Der Netzficker

Für Paul ist das Internet wie eine Selbstbedienungstheke. Und die Ware ist weiblich.

Und er weiß sich zu bedienen. Irgendein Dating-Portal anklicken, zum x-ten Mal registrieren und das Profil möglichst interessant ausfüllen, dazu ein ansprechendes Bild hochladen und schon kann der Jäger auf seine Beute warten. Und wenn sie Paul nicht finden, so hilft er ihnen auf die Sprünge. Den Frauen. Klickt sich durch die Profile der Altersklassen irgendwo zwischen 20 bis Mitte 40 und je nachdem, wonach ihm gerade ist. Ein paar nette Worte hier und ein paar nette Floskeln dort und schon hat er Erfolg. Heute ist es Sanne. Sie ist 37 Jahre alt und ihr Nickname ist bescheuert, aber sie hat was und ihre Titten sind nach seinem Geschmack, auf den Bildern in ihrem Profil. Wenn es nicht mal wieder ein Fake, ein Vortäuschen ist, wie so oft. Das mag er gar nicht.

Sie mailt, dass ihr Pauls lockere Art gefällt und dass er schöne Augen hätte. Und er merkt an ihrer Art, dass sie mehr möchte als nur ein schnelles Abenteuer, dass sie einsam ist und geliebt werden will und mit jemandem einträchtig auf der Couch sitzen möchte. Am Liebsten für immer. Paul ist das egal, ihn interessiert nur, dass sie laut ihrem Profil für One Night Stands nicht zu haben ist. Sanne kennt ihn noch nicht und wie genau das ihn so sehr reizt. Er plänkelt mit ihr in den Mails, erzählt, plaudert, sagt nichts vom Telefonieren, von einem Treffen darin und bekommt sie wie erwartet von ihr, diese Mail mit ihrer Telefonnummer und dem zaghaft schüchternen Verlangen nach einem persönlichen Kennenlernen, wenn er will. Er will Sanne, aber er lässt sich ein paar Tage Zeit mit einer Antwort. Paul wartet darauf, dass sie nicht mehr klar denken kann, dass sie nur noch an ihn denkt, an ihn und das, was kommen wird, wenn er bei ihr ist und ihn rein lässt, in ihre Wohnung.

Das Date steht. Natürlich. Paul setzt sich in sein Auto und das Spiel kann beginnen. Sein Spiel, das er mit seinem Anruf schon längst gewonnen hat. Wieder mal. Wieder hat er geplaudert und geplänkelt, am Telefon. Wieder hat er es gekonnt vermieden, seine Nummer geben zu müssen, wieder die gleiche, immer wirkende Masche. Dass er für Wochen geschäftlich im Ausland wäre und dass er sie, Sanne, vorher noch gerne treffen würde. Wieder mit diesem Unterton, mit diesen versteckten Andeutungen, dass sie und nur sie die Frau sei, für die sich der weite Weg von ihm zu ihr lohnt. Paul spürt mit jedem ihrer Worte Sannes Erwartungen, die natürlich ganz andere sind als seine. Er will sie nur ficken, so wie jede andere die er so kennen lernt. In den Weiten des Internets. Paul macht sich dabei nur Gedanken, wie viele Kondome er mitnehmen soll. Manche Weiber kriegen ja nie genug.

Geil ist er, als er vor ihrem Haus parkt und klingelt und sie ihn mit einem bezaubernden Lächeln und dezent geschminkten Lippen hineinbittet. Sanne hat gekocht, hat überall Teelichte entzündet und ein Essen serviert, das besser und verdaulicher ist als ihre lausige Lebensgeschichte. Immer der gleiche Scheiß und immer dann seine Frage, ob eine Hure nicht günstiger, unkomplizierter wäre. Aber wo bliebe dann der Reiz? So eine wie Sanne würde sich nicht mal bezahlt lohnen. Das weiß Paul. Er kennt solche wie sie und genau das ist, was ihn anmacht. Die Hoffnung in ihren Augen, wenn er über sie rutscht und sie fickt, das ist mit keinem Geld zu bezahlen. Das ist sein Kick, den er braucht und den ihm so eine Professionelle niemals bieten kann. Aber eine wie Sanne.

Paul hört ihr zu. Während er sich ausmalt wie sie ihm einen bläst, nickt er hier und da interessiert, berührt ihre warme, nervöse Hand. Strahlt sie an, sieht ihre Vorfreude auf das, was kommen wird und lässt sie zappeln. Sanne ist nicht sein Typ. Ein wenig zu aufgesetzt, ein wenig zu jugendlich. Aber ihre Titten sind so geil und prall wie auf den Profilfotos. Paul macht auf charmant, auf edelmütig. Gibt zu erkennen, dass er nicht so ein Typ für eine Nacht ist, dass er Sanne will, dass er nur sie begehrt und dass er sie wiedersehen will. Später, wenn er zurück ist. In ein paar Monaten. Und wieder notiert er Siegespunkte in diesem Spiel. In seinem Spiel. Sanne will nicht, dass er geht. Einfach so. Sie will, dass Paul sich an sie erinnert und sie anruft, wenn er wiederkommt. Nach Monaten. Innerlich grinst er, als sie ihn zu sich auf die Couch zieht und ihm ihre Lippen, ihren verlangenden Körper übergibt. Für das, was kommen wird und nur für das, um was es Paul geht. Er küsst sie erst zart, dann fordernd. Spürt Sannes Erregung und will jetzt haben, was ihm diese Frau bereit ist zu geben. Die in ihrem Profil nichts von One Night Stands hält und jetzt durch seine geschickten Hände so nass und aufgegeilt ist wie eine läufige Hündin. Diese einsamen Schlampen sind doch alle gleich. Gut so, denkt Paul, als er ihr ins Schlafzimmer folgt.

Das Grauen in Kleinmädchenpracht. Paul kann diese Art Frauen nicht ausstehen, die ihr Schlafzimmer so niedlich-verspielt gestalten. Aber das hat auch immer was nuttig Billiges und das mag er wiederum, das ist, was ihn scharf macht. Wie Sanne sich da erwartungsvoll auf den Laken mit dem Lilienmuster räkelt. Ihr Mund so heiß und verlockend. Ihr Blow-Job so langweilig wie ihre Lebensgeschichte, die er sich beim Essen anhören musste. Sanne ist Wachs in seinen Händen, stöhnt immer wieder laut auf, so wie Paul auch seine Zunge geschickt einzusetzen weiß und sie in Rage leckt. Sie riecht besser als die von vorgestern. Er mag den Duft der Frauen, Paul mag es, wenn er fast in ihren nassen Fotzen zu ersaufen droht. Allein dafür lohnt sich so manch weite Fahrt ans Ziel.

Sein Ziel, das er bei ihr wie bei allen vorher auch bekommen hat, als sie sich erschöpft und selig flüsternd seinen Namen keuchend an ihn schmiegt und er sie anlächelt, sie betrachtet, als könne er sich nicht an ihr sattsehen und zärtlich mit seinem Zeigefinger über ihr immer noch erhitztes Gesicht, über die Linien ihres Alters fährt. Paul bemerkt diesen ganz bestimmten, hoffenden und ihm so bekannten Blick in Sannes Augen, den die Frauen alle drauf haben und der ihm jedes Mal signalisiert, dass es Zeit für ihn wird. Noch eine Weile, dann ist sie eingeschlafen. Mit einem Lächeln und ihrer Hand in seiner, die er sacht wegschiebt, als er vorsichtig aufsteht und keine drei, vier Minuten später leise die Wohnungstür hinter sich ins Schloss zieht. Auf der Straße schaut Paul hoch zu ihrem Fenster, grinst, weil sie nicht bemerkt hat, dass er gegangen ist und steigt zufrieden in sein Auto. Keine Adresse, keine Telefonnummer, genauso wie er es will und plant, wenn er zur nächsten Frau fährt, morgen oder übermorgen. Immer die gleiche Masche, immer der gleiche Kick den Paul so sehr braucht. Dafür nimmt er gerne hin, dass er sich danach jedes Mal ein Stückchen leerer fühlt, wenn er sich von diesen einsamen und so leicht zu habenden Frauen davonschleicht. In der Dunkelheit der anonymen Nacht und mit diesem Gefühl.

Das so leer ist wie sein Profil, wenn Sanne es morgen früh anklicken wird.


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53 Antworten

Kommentare

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  • 0

    interessant fand ich, dass es offenbar typen gibt, die diese "strapazen" auf sich nehmen, nicht, um zu vögeln, sondern nur, um diesen hoffnungsvollen blick zu bekommen?

    10.12.2012, 17:39 von laylalani
    • 0

      die person würde es nicht strapazen nennen, es ist teil des Spiels... teil der Idee.

      Es ist wie eine Belohnung dieser Blick, diese Verzweiflung in dem anderen, umso härter der Fall desto grßer das Gefühl der Belohnung :)

      13.12.2012, 17:37 von what_else
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  • 2

    Die Psyche des Pauls ist sehr gut beschrieben! Es geht ihm nicht um Sex, Befriedigung, Lust.... es geht ihm um Macht, alles nur ein Spiel. Er hat sich auf dem Gebiet perfektioniert. Hat was Psychopathisches! Toller Text!

    05.12.2012, 23:14 von what_else
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  • 4

    hier fehlt kein "was will uns der Autor sagen",
    hier fehlt der Abspann in rot, gelb, blau :
    "mein RTL"

    29.11.2012, 20:27 von schauby
    • 0

      ...also wenn schon, dann aber mindestens RTL II Nachtprogramm, du schwächelst, Schauby. ^^

      29.11.2012, 20:54 von derHalbstarke
    • 0

      ich kenn mich da nich so gut aus wie du, aber wenn es der Autor schon versäumt, schlage ich vor, alle Pauls und Sannes getrennt voneinander solange im mentalen Vollwaschgang zu spülen, mit bspw. dieser akustischen Unterstützung, bis RTL und seine Inhalte arbeitslos geworden sind.

      29.11.2012, 21:26 von schauby
    • 0

      ...ich finds klasse, Schauby, dass du immer noch Jener bist den ich hier in den Neon-Jahren zur Genüge kennengelernt habe - spätestens beim 1. Re-Kommentar hat der nix mehr mit dem Text zu tun, und du wirst persönlich, herrlich. ^^

      29.11.2012, 22:13 von derHalbstarke
    • 0

      ??
      warum du dich lieber angriffen fühlst, als zu verstehen was Leute sagen, ist das einzige was eingefahrene Vorstellungen selbsterfüllend prophezeien.

      29.11.2012, 22:59 von schauby
    • 1

      Ich fühle mich mitnichten angegriffen, ich habe lediglich festgestellt, lieber Schauby. ^^

      29.11.2012, 23:04 von derHalbstarke
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  • 2

    Nicht nur Paul ist primitiv, sondern auch der Text. Sorry. Mir fehlt da einfach ein wenig Qualität, Sprache, Spannungsbogen etc. Oder irgend so eine Kleinigkeit von Literatur.


    Sicher, es mag sein, dass die moderne Prostitution im dig. Zeitalter so funktioniert, aber füllen kann man solche literarischen Räume besser.

    29.11.2012, 19:44 von marco_frohberger
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  • 2

    Uninteressant.

    29.11.2012, 17:04 von Jimmy_D.
    • 0

      Danke, freut mich. ^^

      29.11.2012, 17:18 von derHalbstarke
    • 1

      Vll. doch noch ne kurze Erklärung, weil so klingt das doch ziemlich schroff: Titel schraubt Erwartungen hoch, Text selbst lässt die Kurve in den Keller und durch den Boden krachen.

      29.11.2012, 17:27 von Jimmy_D.
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  • 1

    Die schmutzigen Triebe des Mannes bringen sein Hirn auf Hochtouren. Vielleicht eine überaus interessante Analyse des männlichen Jagdinstinkts, wenn er weiss, dass er schwächer ist und deshalb nur mit Lust und Cleverness seine Beute erlegen kann. 


    Interessant. Wenn auch schmutzig und uncharmant.

    29.11.2012, 16:58 von See_Emm_Why_Kay
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  • 2

    ...und Sanne denkt sich: " Interessant. Die Masche funzt echt! Einfach einen auf lieb und bedürftig machen. Auch wenn Paul nicht ganz so gut war wie Tom letzte Woche. Naja, zumindest war das Essen noch nicht schlecht, und ich musste nicht frisch kochen. Was dem selbsternannten Gourmet selbstverständlich nicht aufgefallen ist. Bei dem Großkotz muss ich mir auch keine Gedanken machen, dass er mich wieder anschreibt...." ; )

    29.11.2012, 15:59 von neu-rennt
    • 0

      Klasse, danke, darauf hab ich gelauert! ;-)

      29.11.2012, 17:09 von derHalbstarke
    • 0

      Da nich' für! : )

      30.11.2012, 12:59 von neu-rennt
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  • 2

    Der Protagonist ist mir zu primitiv. Besagter Paul hätte irgendwann auf seinem Lebensweg vielleicht mal etwas lernen sollen. Aus Fehlern, aus Erfahrung. Ich dachte immer wir Menschen sind lernfähig aber der gute Paul hier scheint niemals über die Pubertät hinaus gekommen zu sein. Irgendwann lernt man eigentlich den Unterschied zwischen der anspruchslosen Befriedigung des physischen Bedürfnisses und dem Einbezug des Psychischen als das, was die Sache erst erfüllend macht.

    28.11.2012, 19:47 von music_and_coffee
    • 0

      Natürlich ist Pauls Verhalten primitiv gar asozial.

      Die Frage ist doch vielleicht vielmehr, weshalb das so ist. Sag ich mal so. ^^

      28.11.2012, 19:50 von derHalbstarke
    • 0

      Ich fand es an sich Interessant zu lesen nur ist für mich dieses Verhalten zu..simpel. Natürlich kann ich mir denken weshalb sich Paul so verhält und nicht anders und was es ihm im Endeffekt gibt aber irgendwie stößt es mich auch ab. Weil ich kein Verständnis für ein solches Verhalten hätte und kein Gefühl dieser Welt es rechtfertigt so mit Menschen umzugehen.

      28.11.2012, 19:54 von music_and_coffee
    • 0

      Es gibt so Vieles was nicht rechtfertigt so oder so mit anderen Menschen umzugehen, da stimme ich dir zu. Und natürlich ist sein Verhalten auch simpel, vermeintlich geht's ihm nur ums Ficken, da braucht's keine Komplikationen.

      Und, gäbe es nicht immer wieder die passenden "Gegenstücke" wie Sanne, sähe Paul ziemlich alt aus - oder ginge endlich mal zu nem Therapeuten. ^^

      28.11.2012, 19:58 von derHalbstarke
    • 0

      Was sagt das "Paul" diesen Unterschied nicht kennt? Was besagt das er nicht sehr genau weiß,was er da tut? Es gibt Menschen denen das schlichtweg egal ist.Dafür gibt es nie eine Rechtfertigung,aber immer einen Grund. 

      29.11.2012, 22:51 von Myselfandme
    • 1

      Die Psyche spielt ja durchaus eine Rolle: nur, daß dieses Bedürfnis hier, sagen wir mal, paranormal ist. Das Spiel ist ein klares Machtspiel und ich könnte mir gut vorstellen, daß es zur Kompensation von Ohnmacht in anderen Lebensbereichen funktionieren soll. "Soll", denn die "Leere" zeigt das Gegenteil.


      03.12.2012, 16:38 von LudwigMartin
    • 0

      Der Ludwich iss ja auch noch da, wie schön! ;-)

      03.12.2012, 16:45 von derHalbstarke
    • 0

      :-)
      Die Freude ist ganz meinerseits - allerdings mußte ich erst nachschauen. Bin aber nicht oft hier, nur bei interessanten Texten... ;-)

      03.12.2012, 16:49 von LudwigMartin
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