TilmannKleye 29.12.2012, 13:13 Uhr 0 2

Der Königin Niedergang

Eine Parabel.

Und es geschah, dass die Königin einen weiteren Jüngling aus ihrem Harem zu sich führen ließ. Doch anders als sonst nahm sie ihn sich nicht zum raschen Vergnügen, um ihn abzugeben in die dunkle Finsternis der Nacht, wo er in Unfreiheit sein Leben fristen sollte.

Nein, dieser Jüngling war ihr eine besondere Grille wert. Denn das Blitzen und Glitzern in seinen Augen versprach ihr ein Glück, das sie nicht kannte, eine Regung, die sie auf später verzögern wollte, weil sie in ihrem tiefsten Inneren spürte, dies sei, wonach ihr dürstete. Und die Königin merkte, dass sie selbst mehr und mehr Lust durchfuhr, umso mehr sie ihn reizte, mit gewagten Berührungen und dann doch mit herablassenden, gewaltigen Worten und Gesten, die klar bewiesen, dass sie in diesem Land Königin war und kein Mann ihr gefährlich werden konnte. So reizte sie ihn, länger und länger, bis der Glanz in seinen Augen nichts als Tier wurde, er das nachtfunkelnde Zepter vom roten Samt neben dem Diwan riss und es der Königin schmerzhaft und in blinder Wut unzählige Male tief in den Bauch rammte.


Draußen graute der Morgen und der Jüngling war sich nicht sicher, ob diese Bluttat richtig war. Zumindest tat sie richtig gut. Er trat aus dem Nachtgemach und rief mit einem Rest Zweifel in der Stimme:

„Die Königin ist gestorben. Ich bin jetzt König!!!“

Man verlachte ihn und glaubte ihm kein Wort. Die Leibgarde war sich noch kaum sicher, ob sie ihn jetzt köpfen oder bis ans Ende seiner Tage in ein feuchtes, dunkles Verlies sperren solle. Nicht nur, dass da ein Junge aus dem Harem behauptete, er sei König, nein: das Unglaubliche war, dass im Reich der Königin nie zuvor ein Mann den ersten Regenten stellte.


Doch als er, mit dem Zepter in der Hand, einige Schritte tat und die Königin aus dem Lustzimmer eilte, nach dem Jungen griff und ihm befahl, er solle mit zurück zum Bette kommen, lachte er sie nur aus vollem Bauch aus, dass alles ringsum Angst bekam – vor ihm und vor allem jedoch, dass sich etwas Mannigfaltiges geändert haben musste, dort drüben hinter verschlossenen Türen durch den Jungen aus dem königlichen Harem. Die Königin bettelte den Mann, der sich als neuer König ausgab, schon dass es auf alle Wächter und gar die Leibgarde erbärmlich wirken musste. Doch nur umso mehr amüsierte es den König, dass ihm der einst mächtigste Mensch auf Erden nun vom Fußboden aus – ja, sie kniete sich vor ihm nieder und bettelte ihn mit süßesten Worten, er solle wieder ins Lustgemach kommen, zum hörigen Knecht wurde. Die Männer, die ihre Waffen zum Schutze der Königin trugen, blickten sich entsetzt und schon bald überzeugt an, dass dieser sich windende Wurm nicht länger Königin sein durfte.


So sagte der neue König:

„Nehmt die Metze von mir und werft sie zu den anderen! Von heute an bin ich der Kopf des Reichs und mein Wort ist Gesetz.“

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