Alida.Montesi 12.02.2017, 20:13 Uhr 12 15

Der erste Satz

Du wurdest an einem Freitag den 13. gezeugt.

Du wurdest an einem Freitag den 13. gezeugt. Das Kondom war gerissen, die Pille danach kam zu spät. Man könnte sagen, es war das perfekte Timing. Es war so unwahrscheinlich, dass ich Zeit brauchte, bis ich es verstand. Es war so auf den Punkt, dass ich tagelang wie gelähmt war und fürchtete, ich könnte nie mehr eine freie Entscheidung treffen. Der Grund war eine kleine zeitliche Lücke im Konzept der Notfallverhütung: Der Eisprung hatte bereits stattgefunden. 

Dunkel und schaumig sah er aus. Er war heiß, er dampfte etwas und als ihn die Verkäuferin auf den Tresen stellte, strömte ein herber, anregender Geruch in meine Nase. 
“Hat dir meine Schwester alle Dokumente geschickt?”, fragte Remy und reichte mir den Kaffee.
“Ja, ich hab alles bekommen”, sagte ich und warf mein Smartphone zurück in die Handtasche. “Es waren so viele Informationen, Stoff für einen ganzen Roman. Aber ich fand es trotzdem schwer. Ich hatte das Gefühl, die Rede steht und fällt mit dem ersten Satz.” 
“Wie lautet der erste Satz?”
“Nein, ich glaube du solltest den Text im Ganzen lesen. Du musst dich darin wiederfinden können, es muss deine Stimme sein.”
“Bin gespannt”, sagte Remy leise und zeigte mit seinem Kaffeebecher auf einen freien Platz in der Ecke. Wir gingen rüber und setzten uns zusammen auf eine Couch. Ich erinnerte mich daran, dass wir schon mal hier gesessen und gefrühstückt hatten. Remy hatte Cappuccino, ich Milchkaffee. Oder umgedreht? Wer kann das so genau sagen?

“Ich muss es nochmal sagen, Alida. Danke, dass du das für mich gemacht hast. Ich hab nicht mehr richtig funktioniert.”
“Schon gut”, sagte ich und nahm Remy in den Arm. Wir hielten uns eine Weile. Er fühlte sich sehr warm an und er atmete ungewöhnlich flach. Ich fragte mich, ob er womöglich weinte. 

Die Situation war mir unangenehm. Denn was ich nicht gestanden hatte war, dass mit der Arbeit an der Rede mein Selbstbewusstsein massiv gelitten hatte, dass ich das Ergebnis unheimlich peinlich fand und mich fragte: Glaubt denn  irgendjemand, dass ich das kann? Schreiben, eine Person aufleben lassen? Aber was für einen Sinn hatte es, Remy davon zu berichten? Sein Vater war gerade gestorben.

“Lass uns die Rede durchgehen”, sagte ich und löste mich aus seinen Armen. 
Remy richte sich auf und rieb sich den Nacken. Er wirkte, als ob er es noch hinauszögern wollte. Aber ich stürzte mein Kinn auf seine Schulter, klappte das Notebook vor uns auf und öffnete den Text. Ich wollte mitlesen, obwohl mir jeder Satz weh tat. 

“Du fehlst unendlich”, las er. “Wie lange wirst du noch meine Sprache, meine Gedanken dominieren? Wie weit muss ich gehen, bis ich über dich hinaus bin, bis ich sagen kann, an welcher Stelle du aufhörtest und wo ich begann? Ich hatte mich niemals für dich entschieden. Du dich hingegen mit jeder Faser für mich. Voller Selbstvertrauen, voller Hoffnung, voller Vertrauen in eine Zukunft. Weißt du, wie sehr ich das bewundere? Denn es machte dich erwachsen und stark, auf eine Art, wie ich es selbst an mir nicht kenne. Wie ich es vielleicht niemals kennenlernen darf. 
Du fehlst unendlich, Vater.”

Später am Abend standen Remy und ich auf der Straße. Wir hatten denselben Weg zur nächsten U-Bahn Station. Draußen war es so kalt, dass meine Augen zu tränen anfingen. So stark, so unkontrollierbar, dass ich dachte ich würde wirklich weinen. Ich würde heulen, ohne den Grund dafür zu kennen. Remy schien die Tränen zu bemerken. Seine Augenbrauen formten sich zu einem Dreieck und er sah mich bemitleiden an.
“Kommst du noch zu mir auf einen Kaffee?”, sagte er.
“Weil wir nichts anderes können, außer Kaffee?”
“Weil es das ist, was du willst. Ich habe das zumindest so aus deinem Text herausgelesen.”

Und dann spazierten Remy und ich in Richtung U-Bahn, an diesem Freitag den 13.. Wir hatten keine Zeit im Kopf und auch kein Ziel. Sex hatten wir wohl und deshalb gab es Dich, für eine kleine Weile. Es musste dich geben, weil ich damit angefangen hatte.

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12 Antworten

Kommentare

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  • 1

    wie können denn Augenbrauen ein Dreieck formen? Solche Brauen will ich auch haben! 

    20.02.2017, 13:39 von MissesMiau
    • 2

      tja, diese Art von  Brauen haben nur Menschen, die hier bei Neon solche  Texte schreiben :-)

      20.02.2017, 13:58 von Dr_Lapsus
    • 0

      ^^ geht problemlos ... komme gerne mit dem Rasierapparat vorbei :-D

      26.02.2017, 14:25 von Asterios
    • 0


      die Form der Augenbrauen spielt keine so grosse Rolle.

      Vier interessanter ist es fuer die Damenwelt,  wenn  der Partner sich mit der  Zunge die Brauen anfeuchten kann !!

      26.02.2017, 19:15 von Dr_Lapsus
    • 0

      Was bitte ist an feuchten Augenbrauen interessant?

      26.02.2017, 22:55 von Asterios
    • 0

      auf weia,  der war gut :-))


      Frag mal die Userinnen hier in der Runde

      26.02.2017, 23:00 von Dr_Lapsus
    • 0

      Ich glaube nicht, dass sich die weiblichen Userinnen hier gerne über Feuchtbehaarung unterhalten wollen. ;-)

      27.02.2017, 00:04 von Asterios
    • 0

      aber vielleicht ueber lange Zungen ?? :-)

      27.02.2017, 00:40 von Dr_Lapsus
    • 0

      Und dann fangen sie zu sabbeln an? :-)
      Endlich kapiere ich die weibliche Physiologie hier - alle sehr oral-fixiert!

      27.02.2017, 07:38 von Asterios
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  • 1

    *verstanden
    *mitleidig

    Bissle kitschig, vor allem die Rede. Sie reißt mich raus. Aber insgesamt gefällt er mir gut.

    16.02.2017, 13:50 von Jimmy_D.
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  • 1

    habe ich es richtig verstanden?

    14.02.2017, 21:51 von neuzeit
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  • 1



    Texte erzeugen Bilder und Emotionen durch Beschreibungen.
    Diese können lebhaft, aber auch offen gehalten sein. Hier stört mich lediglich
    ein Satz. „Wir gingen rüber und setzen uns ...“ Mir fehlt das passende Bild des
    Raumes. Sonst finde ich den Text gelungen.  



    13.02.2017, 11:26 von jetsam
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