Das Grenzproblem
Im Halbdunkel taste ich mit meiner Hand unter der Bettdecke nach meiner Unterhose.
Im Halbdunkel taste ich mit meiner Hand unter der Bettdecke nach meiner Unterhose. Dabei stoße ich gegen deine ebenfalls tastende Hand. Kein Blickwechsel. Wir tasten beide weiter, "rein zufällig" jeder von uns in die entgegengesetzte Richtung. Ich werde fündig und ziehe mich umständlich an. Du auch.
"Ich hab' gehört, die Kippe danach gibt immer die Frau aus", sagst du. Ich zünde mir meine eigene an und sage "Leck mich".
Ich setze mich hin und lehne mich mit dem Rücken gegen die Wand. Du bleibst liegen und siehst mich einfach nur an. So weit saßen wir lange nicht mehr voneinander entfernt, nicht wirklich weit, aber weit genug, um uns nicht zu berühren. Ich starre zurück und in meinem Blick liegt wohl Vorwurf, denn du sagst "du hattest die ganze Zeit die Möglchkeit, nein zu sagen. Schließlich gehören immer zwei dazu." Ich nicke und sage "Ich weiß"; denn ich weiß.
Ich kann dir auch überhaupt keinen Vorwurf machen, aber trotzdem würde ich es mir liebend gerne einfach machen und dir die Schuld geben. Natürlich hätte ich nein sagen können, aber du hättest es auch einfach lassen können, mich genau an den Stellen zu berühren, an denen ich es besonders gern hab. So einfach wäre es gewesen. Aber du hast es getan und mir hat es gefallen. Darum sagte ich auch nicht nein.
Ich puste den Rauch ins Zimmer und blicke aus den Augenwinkeln zu dir runter. Ich kann nicht einschätzen, ob das gerade richtig war oder falsch. Ich kann nicht einschätzen, ob ich lieber hätte nein sagen sollen, oder nicht. Ich kann gerade im Moment weder mich selbst einschätzen und noch viel weniger dich.
Ich weiß überhaupt nicht, wieso es so kam und wozu und was jetzt.
Ich hoffe es ändert nichts an uns, aber vielleicht wünsche ich mir auch, dass alles sich ändert. Würdest du mich jetzt fragen, wie es weitergeht, ich wüsste keine Antwort. Und du fragst sowieso nicht. Starrst nur abwechseln mich an und die Decke. Verdammt nochmal, sie haben Recht, denke ich, sie haben alle Recht, Männer und Frauen können eben wirklich keine Freunde sein. Und das kommt ausgerechnet aus meinem Mund. Aus dem Mund des Mädchens, dass sich schon immer besser mit Jungs verstand, als mit Mädchen. Aber mit uns beiden ist das ja sowieso was anderes. Wir wussten doch beide, dass es irgendwann mal so kommt. Im Grunde genommen wusste auch jeder, der uns kennt, dass es irgendwann mal so kommt.
Das Problem ist eben einfach, dass wir beide Menschen sind, die noch nie in ihrem Leben irgendwelche Grenzen akzeptierten, ohne mindestens auszutesten, wie es sich anfühlt, diese Grenze mit nur einem Bein zu überschreiten. Und wieder sind wir über die Grenze gegangen, beide zusammen ohne Verstand. Selbst Schuld, würde ich sagen, die Suppe muss jetzt ausgelöffelt werden. Und zwar von niemand anderem als uns selbst.
"Ouh man", seufzt du und ich sehe dich an.
"Es war nicht gut", sage ich und wir wissen beide, dass damit nicht die Tatsache, sondern der Sex an sich gemeint ist und grinsen uns an.
Du schlägst vor, einfach zu schlafen, also drücken wir unsere Zigaretten aus und jeder legt sich in eine Ecke des Bettes und ich denke mir, hätte das Bett Gefühle, wäre es jetzt wohl ganz schön verwirrt. Weil die Ecken sonst nie benutzt werden. Nur die Mitte, in der wir sonst immer liegen. Aneinandergeschmiegt, wenn wir uns Nacht für Nacht stunden lang Geschichten erzählen.
Scheiße, denke ich, du bist ein verdammt dummes Mädchen. Du hast den Jungen verloren, mit dem du lachen konntest, bis beide Gesichter von Tränen durchweicht waren, der dir zugehört hat, nächtelang. Der sein Leben vor dir ausgebreitet hat und dir all seine Geschichten schenkte. Der dich stunden lang im Arm hielt, ohne irgendwas zu fordern. Scheiße, denke ich, du bist ein verdammt dummes Mädchen.
Und in dem Moment, in dem ich am liebsten losheulen und dich anschreien würde, rutscht dein Fuß zu mir rüber und berührt mein Bein.
Und die Berührung deiner Fußzehen ist in diesem Moment viel schöner und viel mehr Wert, als die ganze Welt.




Kommentare
@[Benutzer gelöscht] Hallo linelu,
30.12.2008, 23:57 von Mr.UnknownIch denke Nowhere_Girl mit dem Text
sagen, dass man Freundschaft und Liebe
nicht immer genau differenzieren kann(was
ich sehr gut verstehen kann*seufz*)
@Mr.Unknown ja genau. dass man nicht einfach so leicht eine grenze ziehen kann, von wegen "bis hier hin freunde und einen schritt weiter ein liebespaar". diese tatsache allein ist ja schonmal ein problem, weil man es eben nicht genau definieren kann. und dann ist es eben auch nochmal ein problem, wie es der einzelne für sich definiert. und demnach ist es dann ein proble, wie genau das alles jetzt weitergeht.
31.12.2008, 02:03 von Nowhere_Girl