init-admin 14.10.2010, 13:34 Uhr 0 1

Das Busenwundern

Jede zweite Frau kann sich Sex mit einer anderen Frau vorstellen. Im entscheidenden Moment machen Modelesben dann aber oft einen Rückzieher. Was unserer lesbischen Autorin auf die Nerven geht.

O h Mann, ist die Frau hübsch! Blonde Locken, ein Leberfleck am Mund, auf den ich nicht aufhören kann zu starren. Und ein Po, so prall und fest wie frisch aufgepumpt. Ich bin derart aufgeregt, dass mir kein besserer Flirttrick einfällt, als im Eilschritt an diesem perfekten Mädchen vorbeizulaufen und sie leicht an der Schulter anzurempeln. Sie dreht sich um, schaut mir in die Augen: Lächeln kann sie auch noch! Die Frau ist fast zu geil, um eine Lesbe zu sein.

Damit will ich natürlich nicht sagen, dass Lesben schlecht aussehen. Ich finde mich zum Beispiel ganz apart. Aber die Klischeelesbe mit Kurzhaarfrisur, Karohemd, »Meine Figur ist mir egal«-Hose und runtergezogenen Mundwinkeln ist nicht nur ein Klischee. Keine Ahnung, warum man sich, wenn man Frauen liebt, als Mann verkleidet. Als weibliche Frau, die weibliche Frauen mag, bin ich jedenfalls eine Minderheit in der Minderheit. Und sollte eigentlich froh sein, dass in der letzten Zeit hier in Berlin auf Lesbenpartys auffallend viele hübsche Mädchen auftauchen, die vorher in der Szene niemand kannte. Der Haken ist: Das sind nur Modelesben. Für einen Abend buchen sie bei mir und meinen Freundinnen einen Trip ins erotische Wunderland. Am nächsten Morgen geht es zurück zum Freund und in den Beziehungsalltag. Ich würde das als sexuellen Missbrauch bezeichnen.

58 Prozent aller Frauen können sich Sex mit einer anderen Frau vorstellen, sagt die »Glamour «. Die »Cosmopolitan« behauptet, diese Zahl liege sogar bei 83 Prozent. Kate Perry, Britney und Madonna, aber auch wirkliche Lesben wie Anne Will, diese »Tatort«-Kommissarin, deren Namen ich immer vergesse, und natürlich die wunderbare Lindsay Lohan: Sie alle sind Werbebotschafterinnen der lesbischen Liebe. Die Reklame läuft in Endlosschleife auf MTV, im Kino oder in der Lokalzeitung. Die Message: »Es ist ganz normal, wenn eine Frau eine Frau liebt, vögelt oder küsst. Probier es doch auch!« Es ist vermutlich nicht so, dass heute viel mehr Frauen lesbische Neigungen haben als früher. Aber die Hemmschwelle ist gesunken. Und die Medien machen mehr Lust.

Ich weiß also nicht, wie ernst es die hübsche Blonde meint, die seit unserem kleinen Zusammenstoß ständig zu mir rüberschaut, während sie sich auf der Tanzfläche räkelt. Ich tanze sie von hinten an und lege ihr die Hände auf die Hüfte. Sie windet sich nicht weg, dreht sich nur um, schaut mir durch den Haarschleier von unten in die Augen: Volltreffer! Ich spüre dieses freudige Erschrecken, wie es auch ein Jäger hat, der ein scheues Reh direkt im Fadenkreuz des Zielfernrohrs hat: Dich krieg ich! Ich nehme die Hübsche bei der Hand und ziehe sie zur Bar. Kaufe ihr einen Wodka Bull, genieße die neidischen Blicke der anderen. Frage sie nach ihrem Namen (Juliane), ob sie zum ersten Mal da ist (ja). Schon etwas besorgter erkundige ich mich, ob sie denn öfter auf »solche Partys« gehe (Kopfschütteln). Meine böse Ahnung verstärkt sich. Juliane druckst herum, spricht irgendwas in die laute Musik, ganz am Ende verstehe ich den Satz: »Mein Freund findet es auch gut, wenn ich mich mal ausprobiere.« Freund? Ausprobieren? Fuck!

Allerdings ist Juliane zu schön, um sie abblitzen zu lassen. Und natürlich habe ich immer Hoffnung, eine Mode lesbe missionieren zu können. Auch ich wurde in einer Nacht bekehrt. Davor hatte ich mich für heterosexuell gehalten, mich allerdings gewundert, warum ich immer die Augen zumachen musste, wenn sich mein hübscher Freund die Unterhose auszog. Ich überspiele also meine Enttäuschung, rücke näher an Juliane heran und streichel ihr mit den Fingerspitzen den Unterarm.

Flirten ist unter Heterosexuellen beneidenswert einfach. Der Mann macht die ersten Schritte, die Frau ziert sich (und will dann doch). Unter Lesben funktionieren diese Rollenmuster nicht, was politisch korrekt, aber auch anstrengend ist. Und weil keine weiß, wer jetzt wen anredet, einlädt, an den Hintern fasst, passiert oft einfach gar nichts. Zum Glück ist Juliane eine typische Hetera. Sie spielt die Naive, präsentiert ihr Dekolleté, erwartet Komplimente, Freigetränke und Anweisungen. Und für einen Abend macht es mir Spaß, den Mann zu spielen und die Zügel in Händen zu halten. Natürlich zahle ich das Taxi.

Zu Hause an gekommen ziehe ich Juliane gleich ins Schlafzimmer, immerhin will ich jetzt meine Belohnung kassieren. Juliane setzt sich auf mein Bett, schaut auf den Boden, an die Wand und wieder auf mich. Fragt: »Soll ich gleich alles ausziehen? Oder wie machen wir das jetzt? Ich bin ja so auf geregt?« Ich grinse und deute auf Bluse und Jeans. In Unterwäsche legt sich Juliane neben mich ins Bett. Und glaubt irgendwie, dass sie damit genug für einen erfüllten erotischen Abend getan hat. Ich verausgabe mich zu hundert Prozent und zeige ihr die grandiosesten Sachen. Ob nun Lecken mit diffiziler Zungentaktik, G-Punkt-Massage mit dem Zeigefinger, dreckiges Gequatsche, ich lasse wirklich nichts aus. Ich nehme sie am Ende so gut, dass sie eine Ejakulation hat (das ist kein Pornomythos, das gibt es wirklich, man muss sich nur geschickt anstellen).


Als ich dran bin, muss ich Juliane jedes Detail erklären: »Leg doch mal deine Hand auf meine Brust, streich die Schenkel hoch, setzt deine Zunge ein, nein, nicht da.« Irgendwann denke ich, dass sich Heterofrauen nicht immer über ungeschickte Männer ereifern sollten, anscheinend können sie es selbst nicht besser. Ist es tatsächlich schwieriger, eine Frau zu befriedigen als einem Mann? Am Ende kann ich nicht einmal sagen, dass ich mit Juliane geschlafen habe, denn dafür wäre ein Orgasmus nötig. (Das Wort »miteinander schlafen« interpretiere ich anders als Heterosexuelle nicht handlungs-, sondern ergebnisorientiert.)

Ich habe schon von Modelesben gehört, die nach dem ersten Kuss auf die Mädchentoilette flüchten, weil sie Angst vor mehr haben. Die aus dem Bett heraus ihren Freund per SMS um Erlaubnis bitten und sich nach Eingang der negativen Antwort sofort wieder anziehen. Mangelnde Courage ist bei Modelesben natürlich das Schlimmste.

Oft müssen wir Lesben aber auch die Psychologin spielen, weil die Modelesbe nach dem Akt dann doch ein schlechtes Gewissen hat. Dass auch wir Gefühle haben, scheint unbekannt zu sein. Gerne flüchten sich Frauen, die von mangelnder Sensibilität ihres Mannes (oder so) enttäuscht sind, für drei Wochen in die Arme einer Lesbe. Bis sie sich dann doch nach ihrem Macker zurücksehnen. Eine gute Freundin von mir hat sich vor ein paar Jahren heillos in eine Modelesbe verliebt. Jetzt ist sie so traumatisiert, dass sie auch noch in der härtesten Lesbe eine verkappte Hetera vermutet.

Während sich Juliane in ihre enge Jeans windet, fragt sie mich: »Sag mal, fehlt dir nicht was, wenn du immer nur mit Frauen schläfst?« Sie sagt das wirklich. Fünf Minuten nachdem ich sie zum Schreien und Toben gebracht habe! Ich würde sie gerne ohrfeigen, meine aber nur, dass ich jetzt wirklich müde bin und ganz in der Nähe ein Taxistand ist.

Fröhlich stolziert Juliane aus der Tür. Wahrscheinlich malt sie sich schon aus, wie sie sich von ihren Freundinnen für ihre erotische Extravaganz bewundern lassen wird. Dagegen ist ja auch nichts zu sagen. Und ich finde es toll, dass sich Frauen mehr trauen als vor zwanzig Jahren. Ich kann jedes Mädchen verstehen, das schon viele Erfahrungen mit Männern gesammelt hat, etwas gelangweilt ist und sich fragt: Gibt es da draußen noch bessere Befriedigungen? Andere Sexobjekte und Sexsubjekte?

Erotisches Konsumdenken ist kein Problem. Aber etwas mehr Sensibilität, Höflichkeit und Know-how wären gut. Bevor man auf eine Lesben party geht, könnte man sich zur Vorbereitung einen Lesbenporno anschauen. Und eine Sache verstehe ich nicht: Wenn man schon den Mut und die Neugier hat, um sich auf dem erotischen Markt umzusehen: Sollte man dann nicht auch die nötige Konsequenz besitzen, um sich für das erwiesenermaßen bessere Produkt zu entscheiden?

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