siemi 30.11.-0001, 00:00 Uhr 110 95

Danke Tinder

Laute Musik weil Stille unheimlich wirkt. Dauerhafte Gesellschaft weil Einsamkeit zum Nachdenken anregt.

So fühlt sich das also an, das Gefühl endlich zu begreifen wer man ist, was man wirklich braucht und wohin man will. Es fühlt sich fantastisch an. Leicht wie der Moment nach einer wichtigen Prüfung und frei wie das Ende einer unglücklichen Beziehung. Ich bin 26 Jahre alt und durfte heute erleben, wie es sich anfühlt endlich sich selbst verstanden zu haben.

Ich hatte in meinem Leben wohl über 300 Partynächte, lerne in einem Jahr vielleicht 200 Leute kennen, hatte mit 25 Männern Sex, habe fünf Sorten von Drogen ausprobiert, hatte drei Beziehungen, habe zwei Mal geliebt, wurde in zwei Beziehungen betrogen und  wurde einmal zusammengeschlagen .Letztens sprachen wir über unsere Beziehung und ich meinte zu dir; "Ich will das alles so bleibt, mein Leben ist gerade so perfekt, ich will nicht das sich was ändert". Von da an hat sich alles verändert und kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, wusste ich es wird geschehen.

Ich habe mich darin gesucht, in diesem Sumpf der Oberflächlichkeit. Laute Musik weil Stille unheimlich wirkt. Dauerhafte Gesellschaft weil Einsamkeit zum Nachdenken anregt . Oberflächliche Bekanntschaften weil Nähe gefährlich ist. Immer wieder neue Chats auf dem Handy, aus Angst den Kontakt zu verlieren. Man muss präsent sein, aktiv sein, schnell sein und up-to-date.

Ich bin müde.

Müde von der Suche nach meinem Frieden in oberflächlichen Tinder-Dates, One-Night-Stands und Small-Talk Kontakten. Müde von vollgestopfen Tagesabläufen, nur um meinen überhöhten Vorstellungen von Fleiss gerecht zu werden. Ich bin müde, meine hart verdienten Tausender im Alkohol zu ertränken und am nächsten Tag wieder nur neue oberflächliche Kontexte auf dem Handy zu führen. Ich bin müde meine Nachrichten auf dem Handy zu lesen. Ich bin müde Anrufe entgegenzunehmen oder zurück zu rufen. Ich bin müde von lauter, schneller Musik.

Ich will Klavier, will Geige und will Gespräche bei Kerzenschein. Will der Sonne beim Untergegen zusehen, will den Regen auf der Haut spüren und weniger an einem Tag erledigen. Ich will weniger und dafür mehr. Mehr vom Leben und die Dinge spüren, die ich tue.

Weniger ist mehr.

Nein die Zeiten des stillosen rumgeknutsche im Park beim zweiten Date sind vorbei. Und all diese Erkenntnis hatte ich heute an meinem siebten Tinder Date. Also nehme ich meine Converse wieder aus dem Schrank, schlüpfe in meine geliebten Schlabberhosen und mache mir einen Minztee.

Morgen bin ich nicht erreichbar.

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110 Antworten

Kommentare

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  • 2

    Genau an diesem Punkt bin ich auch gerade. Danke für deinen Text!

    09.09.2015, 14:46 von Sowieliebenurmitw
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  • 1

    Stimme vieler.

    28.08.2015, 14:45 von Gedanken.art
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  • 2

    Ein Text der zum Nachdenken anregt, danke dafür.

    27.08.2015, 17:14 von Der_Steffen
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    • 0

      ... wissen nie genau, was sie wollen.
      Aber fast jedem Trend wird hinterhergehechelt ... AR.

      31.08.2015, 10:05 von Alexander13
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  • 2

    Es scheint für einige ungemein wichtig zu sein, sich irgendwo drinnen sehen zu können, um es toll finden zu dürfen.

    20.08.2015, 09:52 von quatzat
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  • 1

    Toll geschrieben!! Ich sehe mich auch selbst darin.

    20.08.2015, 03:44 von Herz-Mensch
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  • 1

    Wow, ich find´s wahnsinnig gut!
    Vielleicht auch, weil ich mich ein bisschen darin wiedererkenne...

    16.08.2015, 01:24 von Kleine.Meike
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  • 1

    Mutig auf jeden Fall! :-)

    07.08.2015, 10:34 von TobiasD
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