Cynthias Tränen
Ich meine, was wäre Weihnachten ohne das Gedenken verstorbener Feinde?
Es war am Tag vor Heilig Abend, vor 4 Jahren. Wie jedes Jahr trafen wir uns. Caro, Felix, Julien, Thomas, Mandy und ich, diesmal bei Julien. Seine Eltern wollten irgendwo am Strand liegen, während man sich in Deutschland die Ohren über den Winter volljammert.
Apropos Jammern. Ich weiss nicht, ob´s der Alkohol war. Oder das Kokain. Vielleicht ging es nur um Spaß. Ich meine, wie wir es uns auch moralisch zurechtlegen: es sah gut aus. Sein nackter Körper, das Blut. Wie sich Mandy mit ihrer Zunge die Lippen leckte, auf denen noch sein Sperma klebte. Wie sie sich stehend zwischen die Beine fasste und auf seinen toten Körper starrte. Alles war ein Traum. Wie wir dann weiter fickten. Immer wieder. Die ganze Nacht direkt neben seiner Leiche. Wie Thomas von meiner Brust aufwachte, mich weckte mit den Worten. "Sebastian ist tot." Manchmal kann ich seine Stimme hören.
"Wisst ihr, wen ich heute gesehen habe?"
"Ach nein, bitte nicht."
"Nein, nicht schon wieder."
"Ach Leute, was ist los?"
"Ich will nicht von diesem Idioten reden."
"Es ist immer dasselbe."
"Ja, jedes Jahr treffen wir uns und irgendwann reden wir nur noch über Sebastian. Obwohl ihn jeder hasst."
"Als ob man einen Fliegenschiss krönt."
"Es nervt."
"ER nervt."
"Er stinkt zum Himmel."
"Gewaltig."
"Wisst ihr noch, als..."
"STOP!"
"Doppelstop."
Danach schwiegen wir. Wir waren uns selten einig, eigentlich stritten wir die ganze Zeit. Laut, hysterisch, bösartig. Und doch liebevoll. Über Mädchen, Jungs, Fernsehen. Du bist scheisse, weil. Ich bin scheisse, weil. Plötzlich ein Gedicht, etwa von William dem Butler. 'So klatschet die Seele in die Hände, singt und singt noch lauter. Für jeden Lump gehüllt in Sterblichkeit.' Gelächter und Geläster, also tiefste Demut. Dann zogen wir uns ein bisschen was bis tief in die Stirnhöhlen und hatten uns lieb. Ich meine, richtig lieb. Jeder mal mit jedem. So war es in der Schule und so ist es bis heute. Nur, dass wir uns eben seltener sehen. Eigentlich nur noch am Abend vor Weihnachten.
Doch diesmal noch kein Gedicht. Nur Schweigen, und wir schwiegen weiter. Je weiter wir schwiegen, desto klarer wurde unser heimlicher Gedanke.
"Meint ihr das ernst?"
Keiner sagte ein Wort, wir schauten uns nur in die Gesichter und jeder wusste, es würde kein zurück mehr geben. Wir zogen uns was und machten Liebe, danach würfelten wir den Täter aus.
Warum hassten wir aber Sebastian? Es ist schwer zu sagen. Er war nicht schlimmer als irgendwer anders, der uns nicht interessierte. Sein Problem allerdings war, dass er uns nicht in Ruhe ließ. Er hasste uns vermutlich weit mehr als wir ihn. Aber weil er eben so ein schlimmer Jammerlappen war, konnte er damit nicht umgehen. Wäre er eine Internetbekanntschaft, würde er uns anschleimen und gleichzeitig sperren. Denn er wollte dem Leben nahe sein, das ihn so schmerzte. Schließlich taten wir alles das, wovon er träumte. Wir waren cool. Bekamen geschenkt, was er sich erarbeiten musste und was ihm etwas bedeutete, war uns beiläufig. Wenn er es sich mal leisten konnte, trank er in den Läden seinen Kaffee, die unseren Freunden gehörten. In frühen Tagen lief das Spiel bei der Schülerzeitung, später stand das Ergebnis auf dem Kontoauszug. Feilte er als Junge an seinen gefälligen Texten, so kämpfte er als Mann um das Image als einer, den man auf der Rechnung haben sollte. Wir ließen das alles sanft abtropfen. Texte, Geld, Menschen, Gefühle.
Er war richtig geil auf die Perlen. Nur, wer ist das nicht? Wenn Sebastian die Gelegenheit gehabt hätte, so wäre er zum Mörder an all den Menschen geworden, die zwischen der Welt der angestrebten Exzellenz und ihm standen. Da er das nicht tun konnte, führte er einen bitteren Krieg gegen die eigene Gefühlswelt und verlor sich darin. Wenn wir unser Selbstmitleid in Misanthropie formulierten, war uns der Hintergrund stets bewusst. Unsere Sehnsucht nach Konstruktivität stand nie zur Debatte, unsere wiederkehrende Bemerkung vom Genozid als Mittel war nur eine Pointe auf politische Ideologie in der Praxis. Eine Hommage, sowohl an die sture Verträumtheit der Zeit, als auch an die schmutzige Balance im Werk, das Kollektiv, das in der Arbeitsteilung zusammenfindet. Wir liebten die hässlichen, dummen Schafe. Ungepflegt, ungeniert. Sebastian hasste sie - und dafür hassten wir ihn.
Die Schafe begriffen das nicht. Sie ließen sich von Sebastian locken und fressen, ausspucken. Er suchte daher vor allem Schafe, die sich auf diesen Prozeß spezialisiert hatten. Nutzvieh sozusagen. Um die war es nicht weiter schade. Wütend wurden wir, wenn es Schafe traf, die einfach nur dumm waren. Oder bereits derart geschwächt, dass sie nicht mehr klar sahen. Schafe, die danach weinten. Jede dieser Tränen war für Sebastian ein Pokal, den er anschließend durch die Gegend trug.
"Oh Gott, das Blut... es leuchtet. Diese Farbe."
"Und wie es rausläuft."
"Das sind gestohlene Tränen."
"Wie meinst du das?"
"Cynthia?"
"Cynthia? Ahh... ich verstehe."
Wir hatten Sebastian in jener Nacht angerufen. Ob er nicht vorbeikommen wolle, mit uns trinken. Auf alte Tage. Er kam natürlich sofort und wie sich später herausstellen sollte, hatte er sich dafür sogar noch schnell das Auto von seinem Chef geliehen. Zwei ganze Monatsgehälter Überredungskunst - das möchte einem das eigene Ableben schon wert sein. Wir waren sehr nett zu ihm, er sollte sich als Teil unserer Gemeinschaft fühlen. Mit schrecklich geschmeidiger Selbstverständlichkeit. Keine debile Lästerei mehr nötig, über "kleine Mädchen mit Greenpeace-Sticker am Rucksack" oder "diese Spinner, die vor der Wall Street nackt Gitarre spielen". Er sollte sich fallen lassen, glücklich sein. Er sollte für einen Augenblick die unglaubliche Gabe der Gönnung erfahren. Wir ließen ihn essen, trinken. Er durfte unseren Spielen zuschauen, wie wir uns berührten mit sanfter Disziplin. Ja, wir ließen ihn sogar mitspielen. Bis er gefesselt und geköpft wurde.
Es war nicht so leicht, die Geschichte als Unfall zu verkaufen und die Medien fernzuhalten. Okay, es war vielleicht leicht. Aber nicht billig (wobei, Sünden sollten nie billig sein). Anschließend haben wir niemals mehr über die ganze Sache geredet. Oder über Sebastian. Doch einmal jedes Jahr denken wir an ihn. Wenn wir am 23. Dezember all die kleinen Nullen auf die Spendenschecks kritzeln. Mit Rot natürlich. Dann stellen wir uns vor, wie er sich noch im Himmel, oder in der Hölle, darüber empört. Ich meine, was wäre Weihnachten ohne das Gedenken verstorbener Feinde?




Kommentare
Jeht dor.
02.01.2012, 16:22 von SteifschulzDoppelplusgut!
28.12.2011, 22:29 von nyx_nyxich habe mich entschlossen, zuzugeben, dass ich es klasse finde... hut ab, mister chamäleon!
ROLF
23.12.2011, 22:27 von Idamamaexakt, das lösungswort heisst rolf.
23.12.2011, 22:32 von xidanceDu liest wohl keine Titanic.
23.12.2011, 22:34 von IdamamaUnd der Text erinnert an American Psycho
titanic? selten, aber klär mich auf.
23.12.2011, 22:36 von xidanceRofl- roll on the floor laughing. Vertippen- rolf. Macht sich titanic stets lustig, aber an dieser stelle jetzt durchs erklären lang nicht mehr spaßig
23.12.2011, 22:45 von Idamamadas tut mir leid.
23.12.2011, 22:46 von xidancemir erst recht
23.12.2011, 22:47 von IdamamaDer erklärte Witz ist immer unlustig. Aber ROLF merk ich mir trotzdem.
23.12.2011, 22:58 von B.tinaDas sollte zur Weihnachten mal auf die Startseite... man muss es nicht mögen, sollte es aber gelesen haben...
23.12.2011, 12:06 von EliasRafaelUnd wenn man's gelesen hat UND mag, darf man sich das auch auf die Startseite wünschen?
23.12.2011, 12:20 von SasaliKlar, aber dann hast du es ja bereits gelesen ;-) ... ich mein das auch grad im Hinblick darauf, dass der Text dann bei Facebook erscheint und dort in die mit vorweihnachtlichen Status-Updates vollgegestopften Newsfeeds grätscht, das fände ich durchaus ... mir fehlt das richtige Wort ... ist ein bisschen so, wie die Bambi-Verleihung an Bushido, die eine der gelungsten Aktionen im hierzulande doch eher von Arschlikerei bestimmten Medienzirkus war. Holy Shit.
23.12.2011, 12:26 von EliasRafaelAha, verstehe. Mich interessiert zwar weder der singende Bush noch bin ich großer facebook-User, aber... verstehe.
23.12.2011, 12:30 von SasaliIch finde ja auch, man sollte seinen mitunter angestaubten Weihnachtsgeschichtenhorizont definitiv um einige Inhalte erweitern. In den Sack passt noch ne Menge rein.
naja ne, der widerspruch des vermögenden sozialisten ist ein bisschen zuviel harte realität für die kleine seifenkiste.
23.12.2011, 22:35 von xidancekeine worte. nur staunen.
23.12.2011, 11:58 von mo_chroiStarkes Stück!
23.12.2011, 11:53 von FrauKopfSOWAS will ich hier lesen.
Danke.
Scheiße, ist das gut!
23.12.2011, 11:32 von SasaliSo. Nu ma kurz Luft holen. Nochma lesen.
Mein lieber Mann. Das ist ganz große Extraklasse!
23.12.2011, 11:00 von Kokomiko