SteveStitches 23.01.2013, 23:56 Uhr 18 12

Brot und Bett

Brief an Götz von Berlichingen



Hochverehrtester, wohledler Ritter und Herr zu Berlichingen,

 

wie ich vernahm trachtet ihr mir und eurer Gattin nach dem Leben.

Wie mich das verwundert, so galtet ihr bisher als einer der edelsten unter den Edelleuten, gerecht und milde, weise und bescheiden.

Habt ihr nicht vor Gott geschworen, vor dem Kaiser und euren Vasallen stets dasselbe Maß an Gerechtigkeit anzuwenden, das auch für euer hochwohlgeborenes Leben gilt?

Habt ihr nicht mit dem Bund der heiligen Ehe, dieselben Rechte die ihr für euch einfordert eurem angetrauten Weibe zugestanden?

Wie war euer prahlerisches Wort:

Ich weiß nicht, warum ich mich beim Beischlaf anders verhalten soll als beim Essen. Na gut, ich habe öfter auch ein schlechtes Gewissen, wenn ich auswärts esse. Deshalb bringe ich die Speise dann mit nach Hause.

Doch warum sollte sich euer Weib von diesem Teller nehmen? Werft ihr euren Hunden Wolfsfleisch vor, euren Hasen Kaninchen? Verfüttert ihr Hühner an eure Hofhennen und Karpfen an eure Forellen?

Ihr verglichet euer kostbar Weib mit trocken Brot, mit der Hafergrütze eurer Knechte, der wässrigen Milchsuppe eurer Untertanen.

Ihr rittet über die Lande um in fremden Daunen nach Dirnen zu wühlen. Die Macht über eure Mägde habt ihr schändlich ausgenutzt. Wie die Bauern Kuhfladen als Brennmaterial benutzen, habt ihr die Weibersleut als Lustbeute genommen.

Ihr verlangtet von euren Untergebenen das Recht der ersten Nacht. Wie schuldig gegen euch ist euer Eheweib, das nur den einen Singvogel einließ, während ihr wie ein Wolf unter den Lämmern gewütet habt?

Ihr stiegt von Bett zu Bett, während ich nur das eine wärmte.

Ihr nahmt ohne zu fragen, wo ich Gunst empfing.

Der Fanfarenstoß eurer Lenden war euch Klang genug, ich bemühte mein Geschick und Fingerspiel um den Gesang der einen Nachtigall zu vernehmen.

Schmerz und Geheul das lies euch kalt, heiß stießet ihr das Schwert wo keine Glut entfacht. Ich nahm das feine Stilett meiner Zunge um ihre Wabe zu öffnen, damit ihr süßer Honig fliese.

Die Früchte die ihr zu eurem Weibe brachtet, hat sie genug in ihrer reichgefüllten Speisekammer:

Jeder Kuss eine Traube ihrer gärenden Reben, gereicht von ihrem Erdbeermund. Eingelegt, auf ihren delikaten Birnen, sind zwei Kirschen, deren Stiel genauso köstlich ist. Ihr Leib wie frischgebackenes Brot. Verborgen im Weizen ihrer Scham fand ich eine Pflaume, so saftig, dass ich nie satt daran wurde.

Wie lange habt ihr sie abgespeist, sie in den Hungerturm der Einsamkeit gesteckt?

Dass sie den Sellerie roh verschlang, den Lauch genüsslich kaute, den Knochen abnagte und das Mark heraussaugte, gierig wie ein ausgemergelt Tier.

Ich leckte das Salz ihrer Auster und die Perle darin, labte mich an ihrer Freude.

Dankbar bejubelte sie mein Treiben, sang Arien ihrer Wiedergeburt, so laut, dass ich froh war, dass ihre Schenkel meine Ohren schonten.

Ihr Saft benetzte mein Gesicht, die Gischt ihrer Wollust rann an mir herab.

Sie zog mich freudig zu sich, wie ein Fischer sein volles Netz. Trieb meinen Pflock in sich, nahm mich auf wie weiche Butter einen heißen Löffelstiel.

Ich tunkte meinen Docht in ihr heißes Wachs, wir brannten auf wie Ballen Stroh. Hielten uns umklammert, aus Angst wir könnten in tausend Scherben explodieren.

Wir glühten noch, entfachten neu und löschten unsere Leiber ineinander, ergossen uns in flüssigem Gold der seligen Zweisamkeit.

Wir erstarrten in der Angst vor Euch, in der Angst uns wieder loszulassen, zu verlieren. Wir fühlten den Schweiß, die Erschöpfung, das Glück und als trage ein jeder in sich die Sonne des Anderen, wärmten wir uns aneinander, entbrannten, verschmolzen erneut.    

Ich muss euch Widersprechen: kein trocken Brot ist euer Weib, sie ist ein Füllhorn, ein Schlaraffenland. Ihr nennt sie Ödland, ich weiß sie ist ein tosend Meer.

Für euch ist sie wie Schnee, für mich ist sie Blüte, Gedeihen und Frucht.

Ich und sie aßen von demselben Apfel, dessen Gift noch immer wirkt: wir begehren das Fruchtfleisch – die Wollust. Das Verschlingen – die Leidenschaft. Die Süße in uns – die Zärtlichkeit.

Unter Tränen schickte sie mich fort, Euren Zorn ahnend.

Mein Herr, ihr verwehrt ihr was für euch eine Selbstverständlichkeit. Ihr wollt sie aufs Schafott schleifen? Ihren Kopf auf den Richtblock zwängen? Ihr würdet es wagen selbst das Schwert zu führen, um diesen Teil von euch abzutrennen?  

Warum? Weil ihr Machtlos seid? Machtlos gegen eine höhere Macht als die Eure!

Selbst wenn ihr sie rädert, sie vierteilt, in Stücke zerhackt, so wird ein Teil immer bei mir sein, so werde ich stets ihr Herz und ihre Liebe in mir tragen.

Ihr seid ein Wurm gegen diese Himmelsmacht, ein blindwütiger Narr, ein tollwütiges Tier.

Ihr seid unfähig zu begreifen was mit uns geschah als wir dem Ruf der Nachtwache überhörten, versunken ineinander, ineinandergefügt zur göttlichen Zweieinigkeit.

Maßlos ist eure Wut – maßlos wie unsere Liebe. Ihr seid machtlos dagegen, machtlos wie wir. Ihr seid blind in eurem Zorn, wie wir erblindet sind, weil wir nur noch das Antlitz des anderen erblicken.

Ihr habt alles verloren, deshalb wollt ihr unser Leben nehmen. Aber ihr könnt nehmen was ihr wollt, wir sind beieinander für die Ewigkeit.

 

(Sie wurde enthauptet, Buonarroti kehrte nach Italien zurück und stürzte sich wie ein Besessener in seine Arbeit, als Bildhauer und Maler und wurde unter seinem Vornamen, Michelangelo, berühmt.

Götz von Berlichingen hackte sich selbst eine Hand ab, die Hand die ihm das Liebste nahm.

Zu seiner Ehrenrettung wurde ihm angedichtet: seine Hand während eines Gefechts, im Landshuter Erbfolgekrieg, verloren zu haben)   

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18 Antworten

Kommentare

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  • 2

    Ich hab mir ausversehen ein Herz verpasst (wie peinlich) wie kann man das wieder löschen? (Hilfe!)

    27.01.2013, 22:26 von SteveStitches
    • 1

      herzen gehen wieder weg, man sie erneut anklickt. quasi klikediklick.

      28.01.2013, 18:19 von impact
    • 0

      seine eigenen texte zu mögen ist aber doch gut. sonnst würde man sie ja nicht hier reinstellen.

      28.01.2013, 18:19 von impact
    • 1

      Eigenlob stinkt - wer so was nötig hat, gehört geteert und geviertelt.

      28.01.2013, 22:07 von SteveStitches
    • 1

      gefedert und in alle himmelsrichtungen aufgespießt.

      29.01.2013, 15:46 von impact
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  • 1

    Eben noch einmal Anlauf genommen, weit gekommen. Aber das Ziel nicht erreicht. Deine Sprache ist lebensmittelecht. Schön. Essen ist Sex.
     Sprache auch.

    27.01.2013, 22:14 von zeitvergeudet
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  • 1

    Genitalien: Der Ursprung und das Ende aller Probleme.

    26.01.2013, 19:36 von bozton
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  • 0

    Lach. Aus bekannten Gründen kann ich deine Worte hier nicht herzen. Ich muß den Text auch noch mehrmals lesen, bis ich alles differenziert verstehe. Bin schon zufrieden, dass ich nach vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit eine Erklärung fand. Kein Moment verriet es mir.
    Jeder zieht sich das aus dem Leben, was er oder sie braucht.

    24.01.2013, 21:14 von zeitvergeudet
    • 0

      Als ich damals deinen Satz las, war ich zuerst irritiert - ich konnte mir nicht das Gegenbild vorstellen: Meine Freundin kommt nach Hause, hat einen Lover im Schlepptau und ich soll mich mit dem auch noch vergnügen. Aber wie manche Mädels bei dem Treat bestätigt haben, finden sie es gut von ihrem Macker beschissen zu werden und zu teilen. Übrig geblieben ist das Götzbild in meinem Kopf mit dieser Geschichte - so fruchtbar können kleine Irritationen sein.

      25.01.2013, 22:39 von SteveStitches
    • 0

      Wenn ich Brot nach hause mitbringe, dann isst sie von dem selben Brot wie ich. Demzufolge wird keiner besch... Ich denke sogleich an die vielen Brotsorten, entgegen der Auster, welche wohl immer gleich schmeckt. Ich mag keine Austern.

      27.01.2013, 22:11 von zeitvergeudet
    • 1

      Das Gegenbild - deine Frau bringt einen tollen Stecher nach Hause und bietet dir an mitzufuttern, mampfst du mit?

      27.01.2013, 22:25 von SteveStitches
    • 1

      jetzt bin ich auch gespannt.

      28.01.2013, 18:21 von impact
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  • 0

    Is das wahr?


    Cool :D
    Geschichte ausgezeichnet verpackt.
    Und die Metaphern, hach, ein Traum.
    Aber dieses "Prime Noctem", da werd ich wohl immer einen Brechreiz von kriegen.

    24.01.2013, 10:15 von Jingeling89
    • 0

      Achso, Nachbrenner:



      Ich leckte das Salz ihrer Auster und die Perle darin.

      Bah, da musste ich an die 2 Dinge auf der Welt denken, die nach Fisch riechen...

      24.01.2013, 10:16 von Jingeling89
    • 0

      Och nö...

      24.01.2013, 10:50 von Pixie_Destructo
    • 0

      @jingle

      An die Saurer Strömling-Tante?

      28.01.2013, 09:55 von Tanea
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  • 0

    Tja, früher nannte man es nicht einfach nur "ficken", da war man phantasievoller.
    Der Zusammenhang zwischen beiden Personen war mir unbekannt. Interessant.

    24.01.2013, 08:22 von cosmokatze
    • 0

      Cosmocat - ich wusste selber nicht, dass Michelangelo in Bayern geweilt hat, bis ich es hier mit eigenen Augen lesen musste.

      25.01.2013, 22:40 von SteveStitches
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