glassonion 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 4

Bismarckturm

Wiedersehen mit einem alten Freund, einer Verflossenen und alten Erinnerungen. Hauptsache, die Wildschweine sind in Ordnung.

Bismarckturm

 

Nach sechs Jahren ohne jeglichen Kontakt einen alten Freund wiedersehen, mit dem man vor acht Jahren vier Monate intensiv gesoffen hat. Ist das Wort Freundschaft zuviel, frage ich mich auf dem Weg nach Göttingen.

 

Tim war mein Leidensgenosse, als wir beide den Fehler begingen, uns für Mathe in Göttingen einzuschreiben. Ich bilde mir ein, dass wir beide nicht zu blöd dafür waren, jedenfalls hatten wir beide unsere Scheine am Ende des Semesters trotz der oben genannten Lebensweise hingekriegt. Ich glaube, wir interessierten uns eben beide nur sehr peripher für die Mathematik, waren zu faul, um uns damit voll und ganz zu beschäftigen. Er ging dann ziemlich in seinem Biologiestudium auf und ich nach Münster. Da wir beide keine guten Kontakthalter sind, brach der Kontakt vor sechs Jahren ab. Als ich vor einigen Wochen seinen Namen im Internet eingegeben habe, war ich erstaunt über die vielen Einträge und darüber, dass er immer noch in Göttingen weilt. Also schrieb ich mir die Nummer auf und trug sie einige Tage spazieren, ehe ich aus Langeweile mal abends anrief.

 

„Hier ist Lars. Ich weiß nicht, ob du dich noch…“

„Mensch, Lars, alte Haubitze. Wie geht´s dir?“

„Ja, gut.“ Ich bin am Telefon immer etwas steif, aber Tim war so wie immer oder wie früher zumindest. Richtig, dachte ich, so klingt seine Stimme und so sein Lachen. Schnell hatten wir ein Wochenende ausgesucht, an dem ich ihn in Göttingen besuchen sollte. Und das war vor zwei Tagen.

 

Als ich ankomme und durch die Stadt laufe, frage ich mich, warum ich so lange nicht hier war, im Grunde war´s doch eine gute Zeit gewesen. Vor seiner Wohnung warte ich ein paar Sekunden, bevor ich klingele. Er öffnet, ich trete befangen ein, da schlingt er schon seine Arme um mich, das haben wir früher aber nicht gemacht, denke ich, ich bin kein Freund übertriebenen körperlichen Kontakts, es gibt Leute, die einen immer antatschen, ihre Hand auf den Arm legen oder Haare vom Pullover entfernen, hoffentlich ist er jetzt nicht so einer.

„Deine Haare sind aber kurz. Und so wenig.“ sage ich.

„Du siehst irgendwie nicht anders aus als damals. Aber damals sahst du ja auch extrem verlebt aus.“

„Ja, ich sah irgendwie immer älter aus als ich war, das hat den Vorteil, dass jetzt wo ich so alt  bin wie ich aussehe, alle immer sagen, ich hätte mich nicht verändert.“

Komisch, in letzter Zeit rede ich dauernd über mein Alter.

Wir gehen in die Küche, irgendwie wie Hunde, die sich beschnüffeln, denke ich.

 

„Willst du´n Bier?“ fragt er und nimmt zwei aus dem vollen Kasten unter der Spüle. Es ist vier Uhr nachmittags. Etwas beklommen nehme ich eins, stoße mit ihm an, normalerweise trinke ich nicht zu dieser Uhrzeit.

„Tim, weißt du was meine letzte Erinnerung an dich ist? Kannst du dich noch an meinen letzten Abend in Göttingen erinnern.“

Er lacht und hört nicht mehr auf, wir erzählen gemeinsam die Geschichte, wie ich sturzbetrunken gegen einen Pfosten lief, mir höllisch mein Knie wehtat, mit Gelenkerguß und allem und er die ganze Zeit hinter mir herlief und lachte. Naja, denke ich, das Eis ist gebrochen.

 

Nach vier halben Litern gehen wir in eine Kneipe, die es damals noch nicht gab. Ich wundere mich, dass Tim so einen Streß macht, erst als wir da sind, begreife ich. Da sind sie ja, unsere Freunde von vor einigen Jahren. Also soviel Aufmerksamkeit ist mir lange nicht mehr entgegengebracht worden. Mit Maya, in die ich damals unglücklich verliebt war, verabrede ich mich am nächsten Tag zum Spaziergang.

 

Am nächsten Tag stehe ich mit ihr vor dem Hainholzhof am Wildschweingatter. Wir sind früher oft zusammen spazieren gewesen und ich habe mir die Schwierigkeiten mit ihrem damaligen Freund angehört, neben dem sie im Bett lag und sich streichelte, einfach weil sie keine Lust hatte mit ihm zu schlafen. Während ich ihr zuhörte, stellte ich mir die Szene vor. So wie wir jetzt dastehen und die Frischlinge beobachten, haben wir vor acht Jahren auch hier gestanden. Ich tat damals immer so, als ob ich mich mehr für die Wildschweine interessiere als für sie. Sie lacht traurig, als ich sage, „laß uns mal ein Stück weitergehen, die da drüben sind aktiver.“ Ich beobachte gern Tiere, besonders wenn sie so lustig sind wie die Frischlinge.

„Kaum zu glauben, dass du es acht Jahre ohne die Schweine ausgehalten hast, Lars.“

Ich grinse. „Kaum zu glauben, dass ich dich seit acht Jahren nicht mehr gesehen haben.“

Wir schweigen auf dem Weg vom Hainholzhof zum Bismarckturm. Sie sagt: „Ich will da aber nicht rauf.“

„Warum denn nicht?“

„Ich war da nur einmal mit dir oben, weißt du noch, als wir nachts da hoch geklettert sind?“

Natürlich erinnere ich mich. Die Sache war heikel, weil ich fast abgestürzt wäre, sie hatte sich von ihrem Freund getrennt, wir saßen oben und es war ziemlich romantisch, wenn man auf laue Nächte und Sternenhimmel steht. Aber es war zu spät, in Gedanken war ich längst fortgezogen.

„Ja komisch. Man hat schon eine Menge erlebt.“

„Wie ist denn deine Freundin, Lars?“

„Woher weißt du?“

„Tim hat´s mir erzählt. – Ich war ja damals ziemlich verliebt in dich, Lars.“

„Tja“, sage ich. Ich weiß nun wirklich nicht, was das soll. Wenn es so war, dann ist es traurig, weil es nix wurde, und man muß es nicht erzählen.

„Laß uns mal wieder gehen, Maya, ich will Tim nicht so lange warten lassen.“

 

Als ich Tims Wohnung betrete, grinst er mich an. „Na, wie war´s? Alte Traumata aufgearbeitet?“

„Komisch war´s. Das beste waren die Wildschweine.“

 

Ich bin traurig und nachdenklich auf dem Heimweg, ich glaube zu Tim ist eine neue Freundschaft auf alter Basis entstanden, weil er mich so gesehen hat, wie ich heute bin. Alle anderen haben nur den scheinbar extrovertierten Spruchbeutel von vor acht Jahren gesehen, der im Grunde doch total schüchtern war. Immerhin, denke ich, die Wildschweine haben damals die Situation gerettet und diesmal auch nicht genervt.

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1 Antworten

Kommentare

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    mag deinen schreibstil sehr. und die melancholie.

    03.11.2016, 22:25 von hans_castorp
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