brittney 01.06.2006, 12:13 Uhr 7 0

Bis dass der Tot uns scheidet

Über ein Versprechen zur Ewigkeit, über konsumieren statt reparieren und was für Lebensformen dabei raus kommen können.

„Bis dass der Tot uns scheidet“. Wird diese Formel, die uns so romantisch aus den Filmen bekannt ist - und im wirklichen Leben waren wir alle irgendwann auch schon mal auf einer Hochzeit - immer noch gesagt? Zur Hochzeit kommt dann noch ein Kind, um das Glück perfekt zu machen. Und ein dickes Auto. Und ein Reihenhäuschen mit kleinem Gartenstreifen. Aber irgendwie will die Romantik nicht halten, der Alltag kehrt ein, das Auto und der Gartenstreifen verschaffen kein Dauerglück mehr. Die Frau ist nicht mehr zufrieden mit dem Gehalt des Mannes, ein größeres Auto sollte her und das Kind braucht neue Klamotten, auf denen ein Logo prangt und das bitte nicht von Hasi und Mausi.
Mein Freund kommt aus so einem Leben. Er hat mich, die Studentin, kennen gelernt. War fasziniert davon, dass ich eher vom tanzen spreche, als von unbezahlten Rechnungen. Dass ich lache, fröhlich bin und mir die Verpflichtungen des Familienalltags noch nicht anlasten. Mit mir konnte er sich wieder über die Weite des Universums unterhalten, über Lebensträume, über Wünsche.
Er ist dann aus dem Familienleben mit Auto, Häuschen, Garten u.s.w. zu mir in mein kleines WGZimmer gezogen. Nach drei Monaten ist uns da die Decke auf den Kopf gefallen und wir sind in eine nicht-spießige gemeinsame Wohnung mitten in der Stadt gezogen. Zu meinem unbeschwerten Leben hat sich plötzlich ein vierjähriger gesellt, der um halb acht am Samstag am Bett stand und fröhlich meinte „Papa, was machen wir jetzt?“. Samstagabend habe nicht ich zum Geld verdienen Babygesittet, sondern wir hatten einen bei uns im Wohnzimmer sitzen. Ja, hier findest du Süßigkeiten, so funktioniert die Stereoanlage und nimm dir aus dem Kühlschrank, wenn du Hunger hast.
Wie hat sich dadurch mein Leben geändert! Beim Tanzengehen war ich nicht mehr so unbeschwert, wollte früh wieder nachhause gehen, weil ich wusste, die Nacht wird schlaftechnisch nicht sehr lange. Ich begann darüber nachzudenken, ob ich das wirklich möchte, ob sich das alles für die Liebe zu einem Mann rentiert. Sein Sohn, das ist keine Aufgabe, die es zu bewältigen gilt. Es nicht eine Arbeit, die ich mit Bravur hinter mich bringen kann und dann sagt jemand „eins, setzen“! Ich kann nicht sagen, dieses eine Wochenende und dann hast du es geschafft, dann warst du fleißig. Dann habe ich mir überlegt, ob ich nicht einfach, der Liebe zum Trotz Schluss mache, vielleicht ein Jahr leide, aber dann würde ich bestimmt einen neuen Mann finden, mich vielleicht wieder so verlieben. Aber wer gibt mir die Garantie, dass der neue Mann nicht vielleicht zwei Kinder hat?

Ich habe begonnen über die Generation nachzudenken, in der wir leben. Eine Generation, die immer billig kauft, bei der Geiz geil ist, die bei Ikea Möbel zum zusammen basteln kauft, bei der nicht mehr Qualität zählt, sondern Quantität. Repariert wird nicht mehr, ein neues Produkt ist wesentlich günstiger. In Beziehungen und Ehen wird nicht mehr gekämpft. Ist die Leidenschaft dahin, dann einigen wir uns auf eine offene Beziehung. Gibt es alltägliche Probleme, dann suchen wir uns eine Affäre, die keine Fragen stellt, sondern sich auf körperliche Kommunikation beschränkt.

Ich denke, ich werde mich mit dem Modell der Patchworkfamilie anfreunden müssen, das müssen wir wohl alle. Und ich kann mir nur vornehmen alles anders zu machen. Ich werde kämpfen. Ich werde jeden einzelnen Streit bis zu seinem Ende führen und ich werde jeden Abend meinen Mund so lange fusslig reden, bis ich meine Kopf auf seine Brust legen kann und sagen kann: er ist mein zuhause und dazu gehört noch ein zweites kleines Wesen und damit habe ich nicht nur eine Person, die mich liebt in meinem Leben hinzugewonnen, sondern zwei.

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Kommentare

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    :) wunderschön.

    05.06.2006, 21:30 von Junge_Helden
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    der Tod
    tot sein....

    01.06.2006, 20:16 von layne78
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    Als erstes fiel mir die "Glückssache" ein. Glück ist nicht dauerhaft. Stellt sich Glück ein, verblasst es schon bald wie von selbst. Ich weiß: Das hat vorrangig mit Bindung wenig zu tun. Aber bei konsumtechnischem oder egoistischem Verhalten viel.

    Zum zweiten: Mutig. Halte durch!

    3.
    Tipp: Leg noch ein eigenes Kind nach.
    :)
    zz.

    01.06.2006, 14:57 von zzebra
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    Deine Gedanken über unsere Generation teile ich mit Dir. Ich finde diese absichtlich anerzogene Wegwerfmetalität der westlichen Welt erschreckend. Da überrascht es nicht, dass innerhalb von Beziehungen auch in den selben Bahnen gedacht wird. Diese Schnellliebigkeit führt zur einer Lethargie, zu einem Sichergeben, zu einem Nichtmehrkäpfenwollenundkönnen. Genau diese Kämpfen innerhalb und um eine Beziehung oder zu Gegenständen etc. machen aber ihren Wert aus bzw. erhöhen ihn. Das Kämpfen lässt auch den Geist, das Herz und den Verstand nicht einschlafen. Eigenschaften wie Instinkt oder Intuition verkümmern aber bei uns. Man könnt fast meinen, diese sei Absicht...

    Ich wünsche Dir alles Gute mit Deinen zwei Männern. :-)

    01.06.2006, 14:55 von seewaldhimmel
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    WOW ... ... ich bin Tatsächlich ein bissel neidisch ...

    01.06.2006, 14:48 von CommanderGoof
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    Mein vollster Respekt dir gegenüber!! ;-)

    01.06.2006, 14:34 von moonlightdancer
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