nyx_nyx 26.01.2012, 09:23 Uhr 48 12

Bettgeflüster

Wie Sandpapier, so rau und trocken fühlt sich sein Rachen an. Zum einen, weil er gerade noch stöhnend nach Luft japste;

zum anderen, weil ihm Erinnerungen die Kehle zuschnüren.


Gerade eben noch, erlaubte sie ihm, alles mit ihr anzustellen was immer er wolle. Und nun liegen sie nebeneinander; nackt, verschwitzt, erschöpft und befriedigt. Sie löscht die Kerzen und schmiegt sich an ihn, stört sich nicht an seiner klebrigen Haut, legt ihre glühende Wange auf seine Brust und zeichnet mit dem Zeigefinger kleine Kreise um die harte Brustwarze. Sie liebt es, nach dem Sex in schützender Dunkelheit zu liegen, gemeinsam abzukühlen und zu reden. Fragen zu stellen, die sie sich bei Tageslicht nicht auszusprechen traut.
Vor fünf Wochen trafen sie sich zum ersten Mal. Sie sind neugierig aufeinander; alles noch so aufregend, so neu und ungewohnt. Jedes Bruchstück des Körpers wird fasziniert erforscht, jedes Detail aus dem Leben des anderen interessiert und begierig eingeatmet.

Er drückt sie fester an sich und streicht behutsam über ihre Gänsehaut. Ob er schon mal etwas mit einem Mann hatte, möchte sie in dieser Nacht wissen. Obwohl der Raum stockfinster ist, reißt er die Augen auf und stagniert in seiner Bewegung.

Das erste Mal seit Jahren denkt er zurück an diese eine Nacht. Als er in seinem Bett lag, neben ihm das aufgeschlagene Buch, über dem er eingeschlafen war. Er weiß nicht mehr, worum es darin ging, doch erinnert er sich sehr genau, wie ihm die Decke weggezogen wurde. Der Geruch von Schweiß und Alkohol dringt beißend in seine Nase, als wäre er wieder dort, in seinem Kinderzimmer. Der Mund wurde ihm zugehalten, noch ehe er realisieren konnte was los war, als ihm die Pyjamahose nach unten gezogen wurde. Zwei starke Hände packten sein Becken und drückten sein Gesicht gewaltsam in das Kissen, während das stinkende Maul, ohne ein Wort zu sagen, direkt auf seinen Anus spuckte. Dann fing es an, lichterloh zu brennen. Äußerlich wie auch tief in ihm drin, als wäre er mit Benzin übergossen und die Flammen würden sich bis in seine Gedanken, in sein Gehirn fressen. So fühlte es sich an.
Wie gelähmt, war er weder Herr seiner Stimmbänder, noch über einen einzigen Muskel seines Körpers, der in dieser Nacht nicht sein eigener war. Er gehörte einzig seinem Peiniger, bis dieser aufstöhnte und mit dem Geräusch des Reißverschlusses und den geflüsterten und doch eindringlichen Worten "Kein Wort! Zu niemandem!" im erdrückenden Dunkel verschwand. Wie ein Häufchen kalte Asche blieb er allein zurück, sank in sich zusammen und hatte Sorge, beim kleinsten Windstoß die Glut erneut zu entfachen; wünschte sich einen starken Orkan, um sich darin in winzige Partikel aufzulösen.

Sie stupst ihn an, ob er eingeschlafen sei, wiederholt ihre Frage und gibt sich aus Müdigkeit mit seinem kargen 'Nein' zufrieden. Er dreht sich zur Seite und rollt sich unter stillen Tränen so zusammen, wie er es damals tat, als sein großer Bruder den Raum verließ.

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48 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich finde, dass es dir großartig gelungen ist, dieses dunkle, bedrückende Thema in die spannende Leichtigkeit des Verliebtsein einzubetten. Interessant sich vorzustellen, dass er so heftig in seine Erinnerung "gestoßen" wurde und sie nichtsahnend selig neben ihm liegt.

    08.02.2012, 19:42 von L3N4
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  • 1

    habs grad gelesen...heftig..
    dachte jetzt kommt was ev.seichtes wegen dem fetten "bettgeflüster"...und so für zwischendurch

    30.01.2012, 07:13 von pur_pur
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  • 3

    Oh nyx-nyx - NÖ jetzt. Ist mal genug mit diesen Missbrauchsgeschichten. Jeder Tatort, jeder Kanal schreibt u. berichtet. Langsam wird damit dieses schreckliche Tabu-Thema, das keines mehr ist, wieder für Zwecke "missbraucht". Und Analverkehr mit ein bisschen Spucke, dürfte mehr tun, als nur lichterloh brennen.


    Den Betroffenen (also den Opfern solchen Missbrauchs) tut man mit diesen Texten nicht wirklich einen Gefallen, glaube ich, weil das Thema nicht angemessen sensibel behandelt wird. Auch dieser Text zeigt den Schmerz, seelisch wie körperlich, nicht erschütternd genug auf.


     

    26.01.2012, 18:38 von Jackie_Grey
    • 0

      Sorry, sollte heißen: Und Analverkehr mit ein bisschen Spucke, dürfte mehr tun, als nur lichterloh brennen, nämlich höllisch schmerzen.
      In der Geschichte fehlt mir das Feingefühl, das du sonst besitzt. Zu beiläufig erzählt, wenn du weisst wie ich das meine.


       

      26.01.2012, 18:43 von Jackie_Grey
    • 1

      Danke für den Kommentar und deine Ehrlichkeit, Jackie.

      Das meiste habe ich in der Nachricht an dich geschriebn. Eines wollte ich aber noch sagen:
      Der Körper ist eine wunderbare Verdrängungsmaschine, sodass Schmerz nach Jahren ein anderer ist, als der, der einem aktuell zugefügt wird.

      26.01.2012, 20:01 von nyx_nyx
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  • 0

    Ist mir zu sehr schwarzweiß, für einen fiktiven Text jedenfalls, wenn's real wäre, würd ich sagen, dass die Welt scheiße ist.

    26.01.2012, 11:30 von EliasRafael
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  • 0

    Krass! Man weiß gar nicht, was man sagen soll. Und will am liebsten nicht weiterlesen.


    Allerdings finde ich manchmal, dass die Beschreibungen zu umschreibend sind, also zu viele Adjektive, was schnell ablenkt.

    26.01.2012, 11:12 von topfbluemchen
    • 0

      Hmhm, ja, mit den Adjektiven hab' ich es ganz gerne mal ;)


      26.01.2012, 11:26 von nyx_nyx
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  • 1

    Mit so einem Ende rechnet man halt überhaupt nicht. Aber ich finde, die Auflösung am Schluss, dass es der Bruder war, hätte nicht unbedingt sein müssen. Ist aber nur meine Meinung.

    26.01.2012, 10:57 von NeverGrowUp
    • 0

      Ich hab mit dem zweiten Absatz mit diesem Ende gerechnet...

      26.01.2012, 11:06 von sailor
    • 0

      Ja, mag sein. Aber ich meinte, wenn man den ersten Absatz liest, denkt man nicht, dass der Text so eine Wendung nimmt.

      26.01.2012, 11:07 von NeverGrowUp
    • 0

      Aso...

      26.01.2012, 11:10 von sailor
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  • 0

    Keine Ahnung was ich dazu sagen soll, nyx. Also ich versuchs mal:
    Sehr bedrückend auf jeden Fall. Das dürfen Texte aber auch sein, dieses Oberflächengehampel des Gros hier geht mir eh auf den Zeiger.
    Ich finde der Text geht, für deine Verhältnisse, ungewohnt schwach los und steigert sich dann sprachlich. Besser als andersrum. Er hinterlässt zumindest Eindruck.

    26.01.2012, 10:47 von Sterling4ever
    • 1

      "Oberflächengehampel" :)

      Danke. Mhja, soll er ja irgendwie auch. Mh.

      26.01.2012, 10:54 von nyx_nyx
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  • 0

    Auf emotionaler Ebene finde ich solche Texte immer beklemmend, unabhängig von der Qualität.

    Aus diesem Grund ziehe ich es vor, sie grundsätzlich als fiktiv zu betrachten. So lässt dieser mich etwas ratlos zurück. Tut beim Lesen weh, aber ich vermisse deine gewohnte Sprachgewalt.

    26.01.2012, 10:39 von Fieseise
    • 0

      Danke für deinen Kommentar. Ich wollte den schlicht halten. Schade wenn nicht gelungen.

      26.01.2012, 10:42 von nyx_nyx
    • 0

      Würde ich so nicht sagen. Gemessen an dem Teil
      "Wie ein Häufchen kalte Asche blieb er allein zurück, sank in sich
      zusammen und hatte Sorge, beim kleinsten Windstoß die Glut erneut zu
      entfachen; wünschte sich einen starken Orkan, um sich darin in winzige
      Partikel aufzulösen. " nimmt sich der Rest eben sehr zurück. Aber wenn genau diese schlichte Wirkung deine Absicht war, ist es doch gelungen.

      26.01.2012, 10:53 von Fieseise
    • 1

      Gelungen ist es nur, wenn es vom Leser auch so gesehen wird, wie es beabsichtigt war ;)

      26.01.2012, 10:55 von nyx_nyx
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  • 0

    Ich hatte mit dem Onkel gerechnet.

    26.01.2012, 10:30 von B.tina
    • 1

      Ich mit dem Stiefvater.

      26.01.2012, 10:32 von lalina
    • 5

      Er hatte mit keinem davon gerechnet.

      26.01.2012, 10:35 von nyx_nyx
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  • 1

    Hmm.

    26.01.2012, 10:27 von Steifschulz
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