mary.ella 30.11.-0001, 00:00 Uhr 19 61

Auge um Auge.

Ich konnte nicht, bin süchtig, denke nicht mehr rational. Vielleicht denke ich überhaupt nicht mehr. Warum funktioniert dein Kopf und meiner nicht?


Das Thema Suizid würde dich tendenziell eher runterziehen, meinst du und wählst stattdessen einen Film mit Christian Bale. Die Handlung ist grausam, brutal und in Tragik und Depression kaum zu überbieten. 
In der Schlussszene rächt sich der Protagonist an dem Mörder seines Bruders.

Er schießt ihn an. Er schaut ihm dabei zu, wie er mit letzter Kraft versuchen muss, sich zu retten. Auge um Auge. Er erschießt ihn. 

Suizid wäre lustiger gewesen.

Wir gehen zu dir. Wir reden, wir rauchen, wir trinken. Erst süßen Schnaps, dann kalten, klaren Vodka. Drei Stunden lang. Wenn ich noch mehr trinke kann ich nicht mehr fahren. Während du mir unbekümmert weiter einschenkst, meinst du, ich könne ja über Nacht bleiben. Also trinke ich. Und bleibe. Vorhersehbar.

Ich kann nicht schlafen. Du auch nicht. Wir küssen uns und hören wieder auf. Wir küssen, lassen es sein, kämpfen, rangeln,  lachen, küssen uns wieder. Nach zwei Stunden diesen unerträglichen Schwankens zwischen Verlangen und Vernunft stehe ich auf und trinke ein Glas Wasser. Es ist nicht gut, was wir hier tun, weil wir doch so gute Freunde sind. Ich weiß nicht, wann wir jemals Freunde waren, aber auch ich habe Angst, dass wir etwas zerstören, bevor wir es überhaupt hatten. 

Wir küssen uns noch einmal. Dann sagst du, dass wir jetzt besser schlafen sollten. Dabei wollte ich diejenige sein, die die Reißleine zieht. Nur hätte ich sie heute nicht gezogen. Ich konnte nicht, bin süchtig, denke nicht mehr rational. Vielleicht denke ich überhaupt nicht mehr. Warum funktioniert dein Kopf und meiner nicht? Nach einem erbitterten Krieg meiner Geistesgüter schlafe ich endlich ein und will morgen nicht aufwachen, weil ich nicht weiß, wer wir dann sein werden.

Und dennoch gibt es ihn. Den nüchternen Morgen danach. Die Außenwelt ist in Nebel gehüllt, so wie meine Gedanken. Ich habe Kopfschmerzen. Ich muss gehen, packe zusammen und werfe meinen Mantel über. Es ist eigentlich zu warm für einen Mantel, aber er schützt mich vor der Kälte der Situation. Du drückst mich fest, küsst mich auf die Wange und fragst ob wir noch einmal rangeln sollen. 

Du hast mich angeschossen letzte Nacht. Du schaust mir zu, wie ich mit letzter Kraft versuchen muss, mich zu retten. Nein, sage ich und gehe. Auge um Auge. Du erschießt mich nicht.


Tags: justfriends
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19 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Oh, denke diese Situationen kennen wir alle zu gut :) 

    14.05.2014, 19:26 von wallflower_94
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  • 1

    so gut. und so wahr. danke!

    28.04.2014, 00:34 von pipilotta.langstrumpf
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  • 1

    Geniales Ende!!

    18.04.2014, 21:29 von Michulski
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  • 1

    wuuuuuuu. so true.

    10.04.2014, 13:49 von borkeberlin
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  • 0

    Guter Text, war schön zu lesen.

    09.04.2014, 17:37 von -Maybellene-
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  • 1

    Ich les hier zwischen den Zeilen immer nur Angst vor diesem, Angst vor jenem. Angsterfüllte Menschen sind mir nicht sehr sympathisch, zumindest nicht, wenn sie sich davon leiten lassen.

    09.04.2014, 10:07 von konsTante
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    • 0

      Ich fang doch nicht an, Menschen wegen derartigen Unzulänglichkeiten zu bedauern oder zu bemitleiden. Das mache ich bei Menschen, denen Dinge widerfahren, auf die sie keinen Einfluss haben. 

      10.04.2014, 08:31 von konsTante
    • 0

      Jeder ist seines Glückes selber Schmied.

      ...oder wie war das so schön? Damit hast du schon Recht. Dennoch denke ich, dass man nicht von einem Text auf die gesamte Persönlichkeit eines Menschen schließen sollte.

      10.04.2014, 09:12 von mary.ella
    • 1

      Ich schließe nicht auf die gesamte Persönlichkeit, nur auf einen Teil. Ein für mich überaus wichtiger Teil. Es gibt sicher auch Charakterzüge die für Dich absolut nicht gehen, ohne dass Du die gesamte Persönlichkeit in Betracht ziehst oder erst gar nicht kennst.

      10.04.2014, 09:17 von konsTante
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  • 2

    Frühling, die Mingles sind aus ihrem Winterschlaf erwacht.

    08.04.2014, 21:16 von EliasRafael
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  • 2

    Emotional sehr bekannt, was du da schreibst. 

    Allerdings kann so ein Ausgang eigentlich auch sehr positiv sein, und nach den Gedanken, die die Protagonistin waehrend der ganzen Sache in der Nacht beschreibt, sollte sie am Morgen ja eher froh sein, dass nichts gewesen waere....

    08.04.2014, 20:00 von ChaTalie
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