Siegel-7 23.01.2012, 17:34 Uhr 2 0

Allein. Die Stimme

Tief einatmen. Noch einmal das ganze Gesicht in den Regen. Luft anhalten.

Kein Licht im Treppenhaus. Briefkasten öffnen ganz blindlings. Geübt. Unsichtbar bleiben für die Wände, das Haus. Für die Augen hinter Türen. Für die Ohren. Berührte das Geländer nicht. Ging leise hinauf. Kannte Stufe für Stufe mit geschlossenen Augen. Gut aufgehoben im Dunkel, dass ihr Liebstes, ihr Jenseits war. Sie ein beweglicher Teil davon und darin. Unantastbar sonst nichts. Einfach nicht da. Und wie immer am liebsten allein im Gebet bis nach oben. Nur bitte kein Licht. Nur bitte kein Licht und kein Mensch mit Gesicht. Die kleine Hand um den Schlüssel ganz fest. Nur nicht stolpern. Keinen Ton. Dunkelhöriges Haus bis zum Eingang. Stille Schritte auf Ballen. Niemals Absatz. Nicht jetzt. Bitte nicht. Heute nicht. Lass die Tagdiebe frei. Gib mir lichtlos. Letzte Prüfung das Schloss ihrer Wohnung. Finger fahren von Holz auf Metall. Schieben vorsichtig ein mit geschlossenen Augen Millimeter und Klicks. Drehen um, öffnen still. Lassen Dunkel zu Dunkel durch den Spalt wie zur Flucht. Nur hinein, schnell hinein.

„Was für ein beschissener Tag." Dachte sie, schloss die Wohnungstür so leise, wie sie sie geöffnet hatte, lehnte sich an sie an, ohne Licht zu machen, atmete das erste Mal seit Betreten des Hauses zitternd aus und dann ein und rutschte zu Boden. Dort blieb sie sitzen. Atmete. Die Beine ausgestreckt. Den Kopf gesenkt. Den Schlüsselbund in ihrer Hand. „Welch ein Luxus! Welch ein himmlischer Luxus. Alleine." Sie zog die Beine an, umfasste mit den Armen ihre Knie und legte den Kopf schräg darauf. „Scheiße." Einschlafensmüde. Endlich zu Hause. 4 Wände zum Schutz. Unkenntlich für alle. Atmen. Nur Atmen. So blieb sie einige Minuten sitzen. Das Telefon klingelte so laut wie noch nie. Sie tastete mit der rechten Hand den Schalter neben dem Türrahmen und machte Licht im Flur. Wenigstens war es ihr Licht und nicht dieses öffentliche Krankenlicht im Treppenhaus. Ein wenig Zufriedenheit über ihre leise Durchflucht durch das Haus nach oben empfand sie, als sie sich aufrichtete. Das war ihr jedenfalls gelungen, lobte sie sich und warf den Schlüsselbund in die rotbunte Keramikschüssel auf der Flurkommode. Dann zog sie Mantel und Schuhe aus. Es ärgerte sie jetzt, dass sie sich für heute Abend zum Kino verabredet hatte und während sie ihren Mantel in die Garderobe hängte, überlegte sie sich mögliche Ausreden für morgen. Sie entschied sich für ‚eingeschlafen’, als der Anrufbeantworter ansprang.

„Guten Abend." Eine Männerstimme, die sie nicht kannte. „Ich hoffe, die Fotos gefallen Dir. Wir sollten schreiben. Bald." Aufgelegt. Eine Weile starrte sie die rot blinkende 1 auf der Telefonstation an. „Wer zur Hölle?..." Die angezeigte Nummer war ihr unbekannt. Verwählt. Noch einmal ließ sie sich die Nachricht vorsprechen. Eine schöne weiche erwachsene Stimme. Sie hörte sie noch ein weiteres Mal ab, wusste nicht recht warum. Dann löschte sie den Anruf. „Du hast mir noch gefehlt heute." murmelte sie halblaut vor sich hin. Seit sie alleine lebte, war ihr aufgefallen, dass sie manchmal mit sich selbst sprach. Das hatte etwas Befremdliches und sie versuchte, es zu vermeiden, wenn es ihr auffiel. Im Badezimmer zog sie sich aus und drehte den Wasserhahn auf. Während die Badewanne volllief, sah sie sich im Spiegel an. 2 neue Falten über den Augenbrauen. Die an den Mundwinkeln tiefer geworden. „Gott sehe ich scheiße aus." dachte sie ihrem Spiegelbild ins Gesicht und das Selbstgespräch lag ihr auf der Zunge, als sie sich die langen braunen Haare zu einem Knoten band.

Mehr Lust auf Kaffee, stellte sie in der Küche Teewasser auf, öffnete das Fenster, setzte sich an den Küchentisch und zündete sich eine Zigarette an. Die kalte Luft ließ sie in ihrem Bademantel frösteln. Der Rauch schlug ihr wohlig beruhigend auf die Lunge. Niemand da, den es stört, wenn ich in der Wohnung rauche. Freiheit aus Gift und Verderben. Sie musste versonnen grinsen. Ihr Blick fiel auf die Visitenkarte, die neben dem Stapel alter Zeitungen und Reklamepost lag. Ihr Herz begann zu klopfen. Sie sah die Telefonnummer. Karte. Handschrift. Telefon. Stimme…Fotos. Fotos. Fotos?!

Ihr wurde schlecht.

 

2 Antworten

Kommentare

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    Erst wollte ich schreiben, dass ich das nicht kapiert habe. Dann dachte ich, da muss ja noch was kommen, guck ich also einfach mal nach, ob da schon ein weiterer Teil ist. Nein. Aaaaber. Ein Vorangegangener. Also hab' ich den gelesen.

    Und nun kapier ich es noch immer nicht.
    Weiterhin der Meinung, dass eine Frau so nicht spricht/denkt.

    Ratlos aber freundlich, Nyx.

    24.01.2012, 01:31 von nyx_nyx
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      Ah. Das ist gut.


      Mir spricht sie so vor. Also..eigentlich nicht..aber dann doch. Frauen zu schreiben ist schwer. Kinder geht einfach. Unheimlich auch. Was ich nicht kann, ist Frauen schreiben. Deswegen übe ich es. So also nicht. Gut. Da stehe ich wieder vor einer Wand. Mal sehen, ob ich sie weiterleben lasse.  

      24.01.2012, 08:56 von Siegel-7
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