schriftstehler 30.11.-0001, 00:00 Uhr 10 42

Zerbrechlich

Wir sind Werkzeuge in den Händen von anderen, entscheiden selbst, aber handeln nicht.

»Es ist anstrengend, so zerbrechlich zu sein, nicht wahr?«, sagte das Glas und prostete mir zu. Ich nickte, wartete darauf, dass es sich setzte, nahm dann ebenfalls Platz und bemühte mich um ein Lächeln. »Es kann ja nicht immer alles gelingen«, murmelte es aufmunternd, ehe es sich neigte und Flüssigkeit vergoss.

Ich wusste nicht, ob ich ihm recht geben oder eine Diskussion starten sollte. »Du hast es zumindest leichter als ich«, sagte ich schließlich, »bei dir ist alles klar, du weißt genau, wenn du leer bist oder wenn irgendetwas nicht stimmt.« Ich griff nach ihm und nippte an der Flüssigkeit. »Und vermutlich weißt du auch immer, was in dir ist.«

Sie sah mich durch sich hindurch an, ich glaubte, aufwärtsgerichtete Mundwinkel zu erkennen, aber es hätte auch alles andere als ein Gesicht sein können, was ich sah. »Hast du schon mal jemanden getötet?«, fragte sie leise.

Es schien mir, als ob ihre Worte Wellen schlügen. Für einen Moment hielt ich inne, suchte in mir nach vergessenen Bildern und einem Ort, an dem ich mich wohlfühlte. Ich spürte gleichzeitig, wie sich mein Nacken verspannte und ich das Gefühl hatte, jemand stünde hinter mir, bereit, eine Klaviersaite um meinen Hals zu legen. »Ich denke nicht«, sagte ich fast tonlos. »Zumindest nicht mit Absicht oder ohne einen Grund. Es ist wohl immer eine Frage der Definition.«

Er neigte sich langsam in meine Richtung; ich nahm es als Zustimmung auf. »Weißt du«, begann er dann, »weißt du, ich wurde oft benutzt, ich habe die Dinge geschehen lassen, ohne mich zu widersetzen. Das ist vermutlich mein größter Fehler, aber darin sind wir uns wohl ähnlich. Wir sind Werkzeuge in den Händen von anderen, entscheiden selbst, aber handeln nicht. Ein Glas, ein Mensch, wo ist der Unterschied?« Er ließ die dunkle Flüssigkeit in sich kreisen, die dadurch dem Rand bedenklich nahe kam.

Meine Gedanken kreisten ebenfalls. Zum einen um seine Worte, zum einen um den Tod und meine Verbindung zu ihm, meinen Dienst als Werkzeug und all das andere, das die Dunkelheit mit mir und dem Rest der Welt verband. Ich beugte mich langsam vor und ließ ein paar Tränen in ihn hineinfallen, sie sich unauffällig mit der dunklen Flüssigkeit mischten. Sie, er, es und ich, wir hatten nichts gemeinsam und doch saßen wir in diesem Raum und bewegten nur uns selbst. Für ein paar Sekunden balancierte ich das Glas auf meinem Handteller und sah ihm bei seiner wachsenden Unruhe zu. »Ja«, sagte ich schließlich, »es ist nicht nur anstrengend, es ist verstörend, so zerbrechlich zu sein.«


Tags: Depressionen, Dysthymie, Störung, Psychologie
42

Diesen Text mochten auch

10 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    Ja das ist es.

    01.09.2014, 22:11 von ninchen-lu
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    Das ist vom Schreibstil her sehr schön. Aber mach doch mal ne gescheite Geschichte daraus. Die Glasmetapher in allen Ehren - Metaphern an sich sind auch erstmal nur äh leere Gläser.


    Huch.

    27.08.2014, 09:03 von quatzat
    • 0

      So etwas entsteht, wenn ich mich morgens zum Schreiben aufwärme, um anschließend an großflächigen Konstrukten zu arbeiten. Deshalb lasse ich das immer so, es ist lediglich ein gedanklicher Kotzbrocken. Oder so ähnlich. 

      27.08.2014, 12:52 von schriftstehler
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 3

      Ich habe mich beim Schreiben nicht gehört, ich las mich aber ganz normal. Ich wollte mit meinem Kommentar lediglich ausdrücken, dass ich solche Texte ohne Intension und ohne Ambition schreibe. Manchmal entsteht etwas Schönes - so wie dieser - und manchmal ist es Schrott, den ich hier gar nicht zeige. 
      Meine "wirklichen" Texte kannst Du in jedem Buchhandel erwerben - und manchmal schafft es auch einer solcher "Kotzbrocken" oder ein Fragment daraus in ein Buch. 

      27.08.2014, 17:19 von schriftstehler
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

NEON im Netz

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare