frau.von.ungefaehr 27.06.2011, 16:11 Uhr 10 22

Wundbrand

Simon schnippt seine Zigarette vom Balkon.

Starrt auf vorbeifahrende Cabrios, verflucht sich kurz, dass er nicht versucht hat, in eines zu treffen. Aber wem hätte das auch nützen sollen? Er dreht sich um, zieht den flatternden Vorhang der Balkontür beiseite und tritt in sein staubiges Zimmer. Sonnenfinger verfangen sich im Staub – Körnchen tanzen. Das sieht schön aus. Aber Simons Augen brennen. Schon wieder hat er höchstens eine Stunde geschlafen. Er streckt sich, sein Rückgrat knackt. Das Geräusch gefällt ihm nicht. Der Effekt tut trotzdem gut. Er setzt sich aufs Bett lässt seine Hände durch die Staubsonnenfinger gleiten. Fühlt Wärme. Dorit dreht sich um und streicht mit ihren rauen Fingern über seinen Rücken. Sie reibt sich mit ihren Schmirgelpapierfingerkuppen Schlaf aus dem Auge und blinzelt im Sonnenlicht.
Simon dreht sich zu ihr um, lächelt sie vage an und fragt „Kaffee?“ Dorit grinst schief. Schlingt ihre Arme schlangengleich um seine Hüften, beißt ihn in die Flanke und murmelt, dass ihr besseres einfiele. Simon windet sich aus der Umarmung und steht auf. Schaut auf sie herab. Versucht sich erneut an einem Lächeln und dreht sich endlich weg.

In der Küche blubbert der Kaffee, Simon hat beinah Lust, die flache Hand auf die glühende Herdplatte zu legen. Dorit tapst auf nackten Füßen heran, schmiegt sich erneut an ihn und hindert ihn, ohne davon zu ahnen, daran. Der Geruch von verbranntem Fleisch steigt ihm dennoch in die Nase. Er schiebt Dorit beiseite, greift nach dem Zucker, stellt ihn auf den Tisch neben die Tassen. Verloren steht Dorit in der Mitte des Raumes. Taumelnd. Simon bereut, dass er nicht netter gewesen war. Schüttelt unmerklich den Kopf, warum sollte er das bereuen? Dorit schaut ihn fragend an, Simon bemüht sich, so zu tun, als habe er nicht bemerkt, dass sie ihn angeredet hatte. Aus dem Augenwinkel sieht er, dass Dorit vielleicht gleich weinen wird. Er dreht sich noch weiter von ihr weg, Dorit verlässt still die Küche. Die Platte ist verführerisch heiß. Er nähert sich ihr mit der flachen Hand, fühlt schon aus einiger Entfernung Wärme. Wärme, die er vermisst. Angenehm. Immer angenehmer, je näher er der Platte kommt. Plötzlich ändert sich das Empfinden. Aus Wärme wird Hitze. Die Haut, obgleich in der Hand dicker, rauer, kompakter, beginnt zu spannen. Nur wenige Millimeter, bevor Herdplatte und Handinnenfläche glühend miteinander verschmelzen, reißt er sich zusammen und die Hand an den Körper. Er besieht sich das Unheil, welches er nicht als solches empfindet. Die Hand ist rot. Es wird vielleicht eine Blase geben. Es ist ihm egal. In dem Moment, in dem er sich die kochend heiße Hand auf die Wange legt, hört er, wie die Wohnungstür leise ins Schloss fällt. Simon schließt die brennenden Augen. Endlich gelingt ihm das Lächeln, das die ganze Zeit nicht gelingen wollte.

Unschlüssig bleibt er noch einige Momente in der Küche stehen, schüttet dann den Kaffee weg, räumt die unbenutzten Tassen zurück in den Schrank. Er weiß nicht, ob er Dorit wieder sieht. Hofft, dass das nicht der Fall sein wird und ahnt doch längst, dass sie am Abend, nach ihrem Auftritt unter dem Balkon stehen wird, warten wird. Ihn an der metallenen Brüstung abpassen wird, ohne sich wenigstens ein bisschen anzustrengen, dass es so aussehen könnte, als sei sie zufällig vorbeigekommen.

Simon findet eine zerdrückte Tube Zinksalbe im Badezimmer. „Verwendbar bis 20.02.2002“ ist auf den Tubenfalz geprägt. Er beschmiert großzügig die nun hämmernde Hand. Er findet sogar noch eine Mullbinde, versucht, sie fest um die Hand zu wickeln, denkt daran, was sie damals in der Grundschule über das Einbalsamieren von ägyptischen Pharaonen gelernt hatten und fragt sich, was aus Marlen geworden sein mag, damals hatte er den Sommerduft ihres Haars gemocht. Das Glück, auch noch eine Verbandsklemme zu finden, hat er nicht, aus Mangel an Alternativen klebt er großzügig Tesafilm darüber.

Er klaubt sich eine Zigarette aus dem Paket, steckt sie an, bewundert die Rauchfahne, die der angelehnten Tür entgegen strebt und vergisst über der Schönheit des Moments, auch an der Zigarette zu ziehen. Die wabernden Rauchfäden werden erst kurz vor der Tür zu einer einzigen diffusen Wolke. Zuvor zeichnen sie ebenso abstrakte wie vergängliche Formen in das Sonnenfeld vor dem Fenster. Asche fällt zischend herab. Simon erwacht.
Der Rucksack ist schnell gepackt, Simon schließt die Balkontür. Der Vorhang verfängt sich, ein Stück davon bleibt draußen und flattert und zerrt, als wolle es sich befreien. Er bemerkt das nicht, aber es hätte ihm gefallen, wenn sein Blick daran hängengeblieben wäre. Er besteigt den Mittagszug. Kommt am Abend an der Küste an, nimmt sich ein Zimmer mit Blick auf die See. Dorit wird nun vor seinem Haus stehen, den Kopf ungesund in den Nacken gelehnt. Sie wird frieren. Er wird nicht kommen. Sie wird wissen, dass das sein letztes Wort war. Das macht ihn glücklich, sofern er das Gespür für Glück nicht in der zischenden Bordtoilette des Zuges herunter gespült hat. Er legt sich auf das fremde und doch anheimelnde Bett, schließt die roten, müden Augen und fällt augenblicklich in einen tiefen traumlosen Schlaf.

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10 Antworten

Kommentare

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    Großartig! :)

    05.05.2012, 19:42 von Cupcake112
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    Blicke auf Details.
    Ausschnitte aus dem Leben.
    Der Beginn ist schon mittendrin.
    Das Ende ist keins.
    Steckt an.
    Ich gehe jetzt sofort raus, Leben kucken.

    05.05.2012, 17:17 von zehnmomente
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    Sehr bildhaft beschrieben, als säße ich im Theater und schaue eine Aufführung an.
    Allerdings fehlt mir das Verständnis für diese Aufführung. Der Protagonist benimmt sich für mich nur merkwürdig, und die ganze Inszenierung bleibt mir ein Rätsel, genau wie das, was im Kopf des Protagonisten vorgehen mag.

    01.08.2011, 11:34 von Cyro
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    Sehr gut geschrieben, die Herdplattenszene ist der Situation entsprechend gut gewählt. Dennoch lässt mich der Text ein klein wenig grübelnd zurück.

    29.06.2011, 00:10 von topfbluemchen
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    Sehr schön zu lesen. Die Bilder waren ab dem ersten Satz schon im Kopf.

    28.06.2011, 11:05 von Sambre
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    Der Text ist von großer Dichte und Erzählkunst.
    Beeindruckend.

    28.06.2011, 10:36 von Jackie_Grey
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    wie immer. Einschlag.

    28.06.2011, 10:29 von Kokomiko
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    Dorit grinst schief. Das gefällt mir! In der Tradition von Grass: Ilsebill salzte nach. ^

    Gefällt nicht:

    - Kochende Hand (kochend heiße Hand würde besser klingen)
    - Zischende Asche (ich hab 8 Jahre lang geraucht, aber die Asche hat bei mir noch nie "gezischt") und kurz darauf zischende Bordtoilette

    [...] und vergisst über die Schönheit des Moments Richtig: "und vergisst über der Schönheit des Moments"

    28.06.2011, 10:11 von justanotherpicture
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      @0dB Von Wasser ist hier aber keine Rede...

      28.06.2011, 11:50 von justanotherpicture
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    die sonnenfinger haben mir gefallen. sagt man das so? aber dass das bild wieder aufgegriffen wird mit dem sonnenfeld ist eher so naja. toller letzter absatz!

    27.06.2011, 16:27 von misspringle
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