Jackie_Grey 25.01.2012, 18:15 Uhr 114 52

WORTSPIEL

Oder wollte ich vielleicht nur mit Worten spielen?

„Schreib doch, was dir auf der Seele brennt“, dachte ich einmal und heute denke ich über meinen eigenen Satz nach und stelle fest, dass mich die Frage, was ich eigentlich schreiben will und kann, bedrängt.

Ist meine Geschichte interessant genug, um niedergeschrieben zu werden? Will ich mich denn überhaupt mitteilen? Und wenn ja, wollen andere das hören? Möchte ich Geschichten erfinden und zu Papier bringen, nur um angehört zu werden? Zwinge ich mich mit meinen Texten anderen Menschen auf?

Oder wollte ich vielleicht nur mit Worten spielen?

Inzwischen weiß ich: Worte haben zu viel Gewicht, um mit ihnen ein leichtes Spiel zu haben.

Wollte ich vielleicht meine Gedanken einfangen, in Worte pressen und in einen Käfig aus weißem Papier sperren, damit ich sie in der Hand halten kann?

Ich habe keine vernünftige Antwort auf all meine Fragen.

„Die Gedanken sind frei, kein Mensch kann sie erraten“, so heißt es in einem alten Volkslied. Will ich dann meine überhaupt verraten?

Es drängt mich seit langem nichts zum Schreiben. In meinem Kopf herrscht ein sonderbares Gemisch aus lebhaftem Durcheinander und düsterer Leere. Ideen schwirren zwar unaufhörlich in meinem Hirn hin und her - ich höre sie fast wie Bienen summen - doch reichen sie für einen Text, der andere unterhält, fasziniert oder gar berührt?

Schreiben macht den Kopf gläsern. Will ich das?

Womöglich kann man sich in der Richtung seiner Worte auch verirren, wie in einem finsteren Wald.

Und wenn ich die Möglichkeit hätte, ein Buch zu sein, was für ein Buch wäre ich gern? Ein Sachbuch? Ein hochspannender Kriminalroman mit einer betörenden Liebesgeschichte? Oder ein Fantasy-Roman mit bunten Bildern? Am besten wohl, von allem etwas und davon das Beste. Aber kein Bestseller. Nein, ich denke, ich möchte kein Bestseller sein.

Ich wäre gern ein kleines, in Leinen gebundenes Buch mit einem klangvollen Titel. Ein feiner Geheimtipp. Ein Buch, das nur wenige kennen, dann aber nicht mehr missen wollen. Das Menschen zum Nachdenken anregt. Ein Buch, das sie ihre eigenen, fast vergessenen Gedanken, auf meinen Seiten wiederfinden lässt. Ein Buch, das die Lesenden unterhält und ihre Zeit angenehm vertreibt, wenn sie einsam oder betrübt sind. Das sie lächeln lässt, obwohl sie gar nichts zu lachen haben. Ein Buch, das zu ihnen spricht, wenn niemand Zeit für sie hat, um sich mit ihnen zu unterhalten.

Das sind hohe Erwartungen an ein Buch und damit an mich selbst. Und da ich ein solches Buch ohnehin niemals schreiben werde, ja noch nicht einmal eine einzige Geschichte, die das erfüllen könnte was ich mir wünsche, schwindet mein Vertrauen in das Schreiben von Geschichten.

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114 Antworten

Kommentare

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    finde ich gut geschrieben

    26.09.2012, 19:21 von jennyaufreisen
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  • 1

    Puh, ich sitze hier und weiß nicht, was ich als Kommentar schreiben soll.^^

    Vielleicht das: Herzlichen Glückwunsch! Du hast es geschafft, das mit riesigem Abstand langweiligste, unoriginellste, einschläfernste Thema der Welt wenigstens einigermaßen erträglich darzustellen. Jeder verdammte Schriftsteller und Autor und sogar Tagebuchschreiber muss dieses Thema ja unbedingt zu Papier bringen. Nun ja, wenn es dich bewegt. Es sei jedem gegönnt. Die Empfindung ist schließlich für jeden persönlich ganz neu.

    Also, jedenfalls ist es für dieses Tod durch Erschlafen-Thema ein okayer Text. Und auch schön kurz! ;)

    08.06.2012, 03:58 von Trebor-Faust
    • 0

      ^^  :D


      Ich bedanke mich sehr herzlich, Trebor-Faust. Wusste nicht, dass sich alle "Schreiberlinge" zu diesem Thema das Gehirn verbiegen. Auf jeden Fall war mir nach diesem Text einiges klarer geworden und es ging mir besser. Plötzlich löste sich so eine Art "Blockade".


      Ich weiss deinen werten Einsatz zu schätzen und wünsche dir mal eine GUTE NACHT.

      08.06.2012, 04:05 von Jackie_Grey
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  • 1

    Ich würde Dir gerne noch ein Herz für diesen Text schenken. Geht leider nicht. Nach ein paar Tagen Neon spricht er mich nämlich umso mehr an. Sehr fein!

    13.03.2012, 14:20 von Mrs.McH
    • 0

      Das freut mich, Mrs. McH.

      13.03.2012, 15:25 von Jackie_Grey
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  • 0

    Ich würde Dir gerne noch ein Herz für diesen Text schenken. Geht leider nicht. Nach ein paar Tagen Neon spricht er mich nämlich umso mehr an. Sehr fein!

    13.03.2012, 14:20 von Mrs.McH
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  • 0

    Ich würde Dir gerne noch ein Herz für diesen Text schenken. Geht leider nicht. Nach ein paar Tagen Neon spricht er mich nämlich umso mehr an. Sehr fein!

    13.03.2012, 14:20 von Mrs.McH
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  • 1

    Erst jetzt gelesen. Mir gefällt "Nein, ich denke, ich möchte kein Bestseller sein." Und dann der Absatz.

    Ich hoffe aber, daß Dein "Vertrauen in das Schreiben von Geschichten" im wahren Leben nicht wirklich schwindet.

    18.02.2012, 13:17 von Mrs.McH
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  • 2

    "Ich wäre gern ein kleines, in Leinen gebundenes Buch mit einem
    klangvollen Titel. Ein feiner Geheimtipp. Ein Buch, das nur wenige
    kennen, dann aber nicht mehr missen wollen."  | die besonderheit liegt in den kleinen gesten des lebens. hör nicht auf dran zu glauben!

    16.02.2012, 11:10 von Love.Laugh.Life
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  • 0

    Na, wenn das mal nicht die Realisierung des rethorischen Bescheidenheitstopos war.

    30.01.2012, 10:15 von Schniebline
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  • 1

    Ich wäre auch gern ein in Leinen gebundenes Buch mit dessen Inhalt ich Menschen berühren kann. Beststeller bringen doch nur Geld - aber es erfüllt immer auch das von der Masse Gewünschte... Klein aber fein finde ich besser.

    Schöner Text -!

    29.01.2012, 09:32 von Janu
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