goodnightmoon 15.12.2016, 15:02 Uhr 0 5

Wortgeflüster

Jeder Mensch verdient schöne Worte, sagst du immer. Auch die, die dir wehtun. Auch jene, für die alle Anderen keine finden.

Du bist ein guter Mensch. Und ich wünschte, du könntest das sehen. Ich wünschte, du würdest genau hier im Scheinwerferlicht des Clubs, in blau, grün und rot getaucht, erkennen, wie hübsch du bist. Wie du dich zur Musik drehst und du eine von vielen bist, diese Nacht, die ihr Leben feiern. Ich sehe dich an, wie du dich bewegst, mitsingst, tanzt und die Partyfinger zum Takt wippen lässt. Und ich weiß genau, dass all die bunten Farben, dass all die fröhlichen Klänge und die Freude in deinem Gesicht das sind, was du vorgibst zu sein. Was du vorspielst zu fühlen. Aber dass dort eigentlich eine viel tiefere Dunkelheit liegt als in den verwinkelsten Ecken dieses abgeranzten Schuppens. Eine Finsternis, die sich in dir ausbreitet. Die im Herzen beginnt, tiefschwarz, und bis in die Fingerspitzen hineinragt. Ich kann dir nicht oft genug sagen, wie viel wertvoller du bist als du denkst. Wie viel mehr Menschen an dich glauben als du zu kennen glaubst und wie viel bedeutungsvoller du bist als die Welt dir zeigen kann. Aber aus irgendeinem Grund reicht das nicht. Jeder Mensch verdient schöne Worte, sagst du immer. Auch die, die dir wehtun. Auch jene, für die alle Anderen keine finden. Und du sagst immer, dass diese schönen Worte gesprochen werden müssen. Dass diejenigen, denen sie gehören, sie hören sollen. Egal wann und egal, ob es dafür schon zu spät ist. Zu spät gibt es nicht, sagst du. Und während wir hier gemeinsam tanzen, du und ich, schaue ich mich um und blicke in zahlreiche Gesichter, die durch den Nebel blinzeln. Die freudentaumelnd die Augen schließen, während sie genau jetzt meinen, nirgendwo anders lieber sein zu wollen. Und ich frage mich, wie dunkel sie im Innern sind. Wie viele noch nur vorgeben, diese Nacht würde ihre Sorgen verschlucken, einfach so. Und während dein Körper den Vorstellungen der Anderen gehorcht, bist du eigentlich taub. Unter den ganzen Feierwütigen fühlst du dich einsamer als je zuvor. Als wärst du alleine auf dieser Welt. Als wärst du der einzige Mensch, der fühlen kann. Der fühlen kann, wie viel ein Herz wiegt, wenn es doch so leer zu sein scheint. Der spürt, wie die Lunge keine Luft bekommt, obwohl der Brustkorb sich hebt und senkt. Und der keinen Schlaf mehr findet, obwohl er so müde ist vom Leben. Vielleicht hast du schon so viele schöne Worte in deinem Leben verschenkt, dass du vergessen hast, welche für dich zu behalten. Ich hoffe, dass du eines Tages erkennst, dass auch du das Recht hast, schöne Worte zu erhalten. Dass sie dich anschauen, Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe.

Als wir im Taxi nach Hause fahren, bedankst du dich für diesen Abend. Du sagst, wie viel Spaß du hattest und wie bald wir das wiederholen müssen. Ich nicke nur und wünsche dir eine gute Nacht, in der du deine Träume wiederfindest. Aber so lange werde ich die Worte für dich aufbewahren. Jedes Einzelne. Bis du soweit bist, sie anzunehmen.

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