GoldenGlori 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 5

Willst du was gelten, mach dich selten.

Schluss mit Jammern und Klammern! Ein Rat für Herdentiere.

Vor einiger Zeit las ich mal aus Langeweile ein Buch, das irgendwo zuhause rumlag: Der Mit Den Pferden Spricht von Monty Roberts. Vorab: Weder reite ich, noch hab ich Ahnung von Pferden, im Gegenteil, ich hab sogar angst vor den Viechern, aber was dieser Expertencowboy so schrieb, war doch ganz schön aufschlussreich.
In dem Buch geht es darum, wie man Pferde zähmt, und der Autor beruft sich dabei auf seine Beobachtungen von Wildpferdherden und seine daraus entstandene Methode. Grob vereinfacht geht die Methode so: Er begibt sich mit dem ungezähmten Tier in einen eingezäunten Bereich und scheucht es die ganze Zeit von sich weg. Nach einer gewissen Zeit hört er auf, und dann ignoriert er es und geht weg. Die Folge ist, dass das Pferd ihm hinterherläuft, und zwar von alleine und freiwillig, und zack ist der Gaul schon so gut wie zahm.
Kurioser Weise schreibt Mr. Roberts weiter, dass das bei allen wilden Tieren funktioniert, und theoretisch auch bei Menschen. Sieh mal an!

Interessant war für mich in dem Zusammenhang die Geschichte, wie sich meine Eltern kennen gelernt haben. Mein Vater hing immer in einer bestimmten Kneipe rum. Meine Mutter fand ihn toll, aber er interessierte sich nicht sonderlich für sie. Also fing sie an, ihn gewissermaßen zu verfolgen. Immer wenn er da war, war sie auch da, man wechselte ein paar Worte, nichts Weltbewegendes. Und dann blieb sie ein paarmal zuhause. Ging einfach weg. Als sie sich ein paar Wochen später wieder begegneten, fragte er sie, wo sie denn gewesen sei, augenscheinlich hatte er ihr Fehlen bemerkt, und zack war die Sache klar und man traf sich von da an öfter und der Rest ist Familiengeschichte.

Ein weiteres Beispiel: Ich hatte vor einiger Zeit ein echtes Problem mit meiner besten Freundin. Sie bemühte sich irgendwie nicht mehr. Ich rief an, fuhr zu ihr, brannte CDs, kurz: Ich kroch ihr in den Hintern, weil ich angst hatte, sie zu verlieren. Das nütze gar nichts. Irgendwann hatte ich die Nase voll, und beschloss, mich fortan nicht mehr zu melden. Ich ging einfach weg. Und zack, stand sie vor der Tür. Hängte neue Fotos von uns beiden in ihrem Zimmer auf. War wieder die Freundin, die ich vermisst hatte.

Wenn man sich zwischenmenschliche Beziehungen so anguckt, ist es doch immer das Selbe: Der eine ist der Jäger und der andere der Gejagte. In sehr seltenen Fällen ist das Verhältnis überwiegend ausgeglichen, aber wenn man auf langjährige Beziehungen, Freundschaften oder ähnliches zurückschaut, wird einem klar, dass das stimmt.

Die Lehre, die man daraus ziehen kann, ist immer die selbe: Willst du was gelten, mach dich selten. You don´t know what you´ve got till it´s gone. Wenn du dir mehr Nähe wünscht, musst du den anderen ein bißchen von dir wegscheuchen. Willst du in Ruhe gelassen werden, musst du den anderen mit deiner Präsenz regelrecht bombardieren.
Klingt erstmal einfach.
Tatsache ist, dass viele Menschen dieses Naturgesetz missachten und sich genau andersrum verhalten: Wir klammern und an das, was wir an uns binden wollen, und verjagen das, was uns zu sehr auf die Pelle rückt. Weil das irgendwie legitimer erscheint. Und weil es so unendlich schwer fällt, sich von jemandem abzuwenden, von dem man sich mehr Aufmerksamkeit wünscht. Wie viele Leute kriegen es nicht hin, nach dem ersten Treffen ganz genau keine Sms zu schreiben! Und wie oft fährt man dann doch die1000 Kilometer zum Fernfreund, obwohl er eigentlich dran wäre, einen zu besuchen -schlicht weil man es nicht aushält, den anderen nicht zu sehen.

Die größte Feindin ist in dem Zusammenhang die Angst, der- oder diejenige könnte einen womöglich gar nicht vermissen und dann wäre alles doppelt bitter. Feigheit ist oft einfacher, natürlich. Sich was vorzumachen, ist gar nicht so schwer.
Als letzten Ausweg nötigt man schließlich sein Gegenüber zu einem bedeutungsschwangeren Gespräch: Die Unterredung, das Allheilmittel der Verkopften. Darin kann man dem anderen dann schön selbstgerecht eine Mischung aus Vorwürfen und Jammern vor den Latz knallen: Du meldest dich nicht! Ich bin immer nur am Geben. Du warst erst einmal bei mir! Oder andersrum: Du klammerst! Du willst ständig Sex! Müssen wir eigentlich stündlich telefonieren, Flatrate hin oder her?
So funktioniert der Mensch nicht. Vielmehr braucht es manchmal einen nonverbalen Tritt in den Hintern. Einfach mal weggehen, den Hörer auflegen, die Tür zuknallen. Und dann cool bleiben und mal abwarten. Und sollte der oder die Betreffende dann nicht irgendwann von ganz allein und freiwillig wieder auf der Matte stehen, dann war es doppelt richtig, sich selten zu machen.

Auch in perfekten Ikea-Katalog-Partnerschaften sollte man folgendes im Hinterkopf behalten: Wir sitzen beziehungstechnisch auf imaginären Wippen, und der Sinn von Wippen ist das auf und ab. Mal jagen, mal gejagt werden. Immer unten sitzen und zu dem anderen aufschauen ist auf Dauer ziemlich öde.

Der Mensch ist erstaunlich oft eben doch nur ein Pferd.

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1 Antworten

Kommentare

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    Man lernt immer dazu. Wobei mir gerne mal Leute auf das Dach steigen.

    21.02.2019, 18:49 von qpneon01
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