Wie viel erträgt ein Mensch bevor er zerbricht?
"I am the captain of my fate, I am the master of my soul" - William Earnes Henley, 1875.
Wie viel erträgt ein Mensch bevor er zerbricht?
Menschen sind merkwürdige Wesen. Sie stehen aufrecht, obwohl sie so viel Schuld zu tragen haben.
Sie können lächeln, während die Tränen nach innen tropfen.
Manchmal bin ich fasziniert von ihnen, sodass ich beinahe vergesse, dass ich selbst einer von ihnen bin. Ich fühle mich wie eine stille Beobachterin, eine Zuschauerin, während die Anderen ihr Stück aufführen.
Es gab keine Probe. Sie mussten auf die Bühne ohne auch nur eine Szene vorher zu kennen.
Sie sind so überrascht wie wir, das Publikum. Und der einzige Gedanke, der bleibt, ist, dass man einen Charakter des Theaterstückes so in Erinnerung behält, wie er die Bühne verlassen hat.
Tags: Blind, Theaterstück, zerbrechen, Schuldgefühle, Zuschauer, Charakter, faszination, ertragen







Kommentare
zwei Einsichten dazu vorweg:
13.07.2012, 18:30 von schauby"Die volle Wahrheit kann ein Herz ertragen, aber nicht die Zweifel, die im Finstern an ihm nagen."
"Menschen verlieren den Verstand, wenn sie keine Hoffnung mehr haben, bei anderen welchen zu finden."
auch wenn viele sich (bewusst oder nicht) täuschen (lassen), das Bedürfnis nach Kohärenz, nach Stimmigkeit und Plausibilität, so seltsam und krude sie auch für solches, also 'für wahr' genommen werden, ist die fundamentale Bedingung für Identität und Orientierung.
Die einen fühlen sich auf der Bühne wohler, die anderen im Publikum. Der Großteil schaut lediglich zu, eine kleine Gruppe spielt das Stück. Der gewöhnliche Mensch benötigt nicht mehr als das reine Zuschauen im Leben; nur wenige wollen etwas darstellen. Notwendig ist dies sicher, nicht alle können führen und vorspielen. Die Frage aber, die wir uns stellen müssen: wo wollen wir stehen? Auf der Bühne, richtungsweisend, reflektiert. Oder im Publikum, sitzend, regungslos konsumierend.
10.07.2012, 11:43 von DerBaer123Oder man schlüpft für gewisse Momente in die Rolle des Zuschauers, betrachtet und analysiert das Spiel der Anderen, um am Ende zu sehen wer noch oben steht, wer noch weiterspielt.
10.07.2012, 12:05 von VDxVielleicht nimmt man auch bei den Zuschauern Platz, um sich in den Armen der Ewigkeit auszuruhen.
10.07.2012, 12:18 von VDxAufrecht stehend lassen sich Lasten eben besser tragen.
10.07.2012, 11:41 von LudwigMartinSchuld bedeutet in theologischer und psychologischer Hinsicht eher Last und Verstrickung als Verantwortung. bzw. schon Verantwortung, aber diese in dem Sinne, daß der Verantwortliche Antwort geben soll, Auskunft zu seiner Situation geben kann.
Auch das geht besser stehend.
Auf jeden Fall unterscheidet sich dieser Begriff Schuld vom juristischen Schuldverständnis und ist deshalb vom Begriff her schwierig.
Das ist die Frage, wieviel ein Mensch erträgt.
10.07.2012, 11:07 von CyroPassend finde ich dazu das Lied „Was ein Mensch alles schlucken kann“ von Georg Kreisler. das ich allerdings gerade nicht auf Youtube finde, darum kein Link an dieser Stelle.
Stutzig werde ich aber beim Begriff „Schuld“, denn im Be- und Verurteilen sind die meisten Menschen bzw. "wir" Menschen leider sehr schnell zur Hand.
Ich habe das Lied auf Spotify gefunden, gefällt mir.
Schuld ist für mich etwas sehr persönliches, ich lasse den juristischen Aspekt mal außen vor.
10.07.2012, 13:03 von CyroWenn man Schuld auf sich geladen hat, geht es doch darum, alles, was im eigenen persönlichen Rahmen möglich ist, zu tun, um mit dem, dem man Unrecht getan hat, wieder ins Reine zu kommen, oder nicht ? Die Schuldgefühle kommen ja daher, dass man sein Unrecht einsieht und über ein Gewissen verfügt. Bei manchen sind weder Erkenntnis noch Gewissen nennenswert ausgeprägt, und so werden sie keine Schuld empfinden, sondern womöglich noch stolz auf ihre Taten sein. Aber denen, die Schuld als Last im Leben tragen, bleibt doch nur, wie gesagt, diese Schuld versuchen abzutragen, und da, wo es nicht (mehr) möglich ist, sich vor allem selbst zu verzeihen und jenen Fehler, der zur Schuld führte, nie mehr zu begehen.
Das mag sich zu theoretisch anhören, wie immer wenn man versucht Gefühle (Schuld ist ja eins) und den sinnvollen Umgang mit ihnen in Worten zu beschreiben, aber trotzdem erscheint mir das als der einzig gangbare Weg.
Im Übrigen reagiere ich auf den Begriff ‚Schuld’ in letzter Zeit ein wenig allergisch, weil ich in meinem Lebensumfeld jemanden habe, dessen Lieblingswort „Schuld“ heisst Ein Choleriker wie er im Buche steht, immer wieder schreit er herum dass jeder Mensch, mit dem er zu tun hat, daran Schuld ist dass es ihm schlecht geht.... andere Autofahrer haben Schuld daran dass er zu hohen Blutdruck hat, alle Wohnungen sie er Betritt haben Besitzer, die nie Lüften und darum bei ihm Atemnot auslosen, Ärzte haben Schild daran dass es ihm schlecht geht weil sie eh nur Mist verschreiben, die Pharmaindustrie ist Schuld daran dass es ihm schlecht geht weil sie ihn vergiften will, seine Partnerin ist schuld daran wenn es ihm schlecht geht weil sie das Essen zu weich oder hart kocht, Passanten sind Schuld an seiner miesen Laune weil sie zu hässlich sind, Gott ist Schuld dass seine Familie nicht einflussreich und wohlhabend ist und ... und, und, und. Aus der Ferne betrachtet ist das ein lächerliches Theater, aber der Typ meint es ernst und regt sich jedes Mal tierisch auf bis er kotzt oder kurz vorm Herzinfarkt steht. Es ist manchmal nicht zum aushalten. Darum sorry, das Wort „Schuld“ löst in mir mittlerweile einige Aggressionen aus, wie man sieht ...
Ich finde, Schuld gibt es eigentlich gar nicht. Wenn man sie wie VDx betrachtet, dann vielleicht, aber vielleicht nicht einmal dann, in meinen Augen jedenfalls nicht, denn für das, was VDx beschreibt, gibt es ein anderes Wort als Schuld. Sie erwähnt es schon in ihrer Definition von "Schuld": Last oder Bürde. Wobei, das ist ja eigentlich keine Definition, VDx sagt ja nur, dass man eine Last trägt, wenn man Schuld hat. Hm. Schuldgefühl ist in meinen Augen korrekter, weil es meiner Meinung nach eigentlich Schuld nicht gibt.
13.07.2012, 03:22 von tiefverstecktGibt es überhaupt ein Publikum, wenn alle auf der Bühne sind? Für wen spielen wir? Oder steht jeder auf seiner eigenen Bühne, zu sehr mit seinem eigenen Stück beschäftigt, um mehr als nur einen flüchtigen Blick auf die anderen zu erhaschen?
10.07.2012, 09:40 von halbkindmfInteressanter Text.
Dazu würde ich gern mehr lesen.
10.07.2012, 08:33 von FrauKopf