andreas.schwarz 27.11.2018, 20:34 Uhr 1 1

Wie ich es schaffte, der Bulimie endgültig zu entkommen

Es war wieder einer dieser Tage, an denen ich das unkontrollierbare Verlangen nach Fast Food und Süßem aller Art hatte -

einer dieser Tage, der mich noch tiefer in den Kreislauf aus Essen und Erbrechen hineintreiben sollte. Doch dieser Tag war auch anders, denn ich erkannte, dass es so einfach nicht mehr weitergehen konnte, dass ich etwas ändern musste. Mit dieser intrinsischen Überzeugung war der erste Schritt Richtung Genesung getan.  

Eigentlich hatte ich früher ein gutes Verhältnis zu mir selbst, doch obwohl ich in der Pubertät nur leicht übergewichtig war, wurde ich in der Schule oftmals wegen meines Aussehens gehänselt und fertig gemacht. Zu dick sei ich, haben sie gesagt, „fett“ haben sie mich genannt. Das hat mich verletzt, denn eigentlich fand ich mich in Ordnung, so wie ich war. Doch irgendwie hatte ich ab einem gewissen Zeitpunkt einfach verlernt, mir selbst zu vertrauen. Stattdessen habe ich das geglaubt, was die anderen gesagt haben und mich schlecht gefühlt – die Gefahr des Mobbings 

So begann die Zeit, die ich rückblickend als die schwerste meines Lebens bezeichnen würde. Ich aß mehr als sonst, weil ich mit dem Kummer nicht anders umgehen konnte. Nach meinen Heißhungerattacken fühlte ich mich schlecht. Da waren sie wieder, die Schuldgefühle. Ich erbrach erst selten, was ich gegessen hatte, dann immer häufiger. Heute weiß ich, dass man an Bulimie, der Ess-Brechsucht, im schlimmsten Fall auch sterben kann. Das ist keine gesunde Diät, kein gesundes Abnehmen, über das es im Internet so viele Informationen gibt. Vielmehr ist Bulimie auch gekennzeichnet durch ein gestörtes Verhältnis zu der eigenen Person. 

Nachdem ich mich also in zunehmendem Maße sowohl nach dem Essen als auch nach dem dann folgenden Erbrechen hundeelend gefühlt hatte und ich inzwischen schon chronisch werdende Magenschmerzen entwickelt hatte, beschloss ich, dass es so einfach nicht mehr weitergehen konnte. Zwar hatten mich meine Familie und Freunde schon öfter gefragt, ob ich krank sei, weil ich oft blass gewesen war. Doch ich verneinte mit meiner Standardausrede, dass ich nur schlecht geschlafen hatte.

Bulimie ist, wie ich in der Psychotherapielernte, nicht nur in meinem, sondern in vielen Fällen ein heimliches Leiden, das den Betroffenen nicht nur ihr Selbstwertgefühl raubt, sondern auch mit jeder Menge Scham besetzt ist. Gerade bei Männern ist das ein schwieriges Thema. Schließlich wird doch von Männern per se schon erwartet, dass sie immer taff und stark sein müssen – egal, was kommt. Doch das ist alles Quatsch, denn wichtig ist nicht, was die anderen sagen, sondern was man selbst über sich denkt. 

Heute weiß ich, dass ich ok bin, so wie ich bin. Ich weiß, dass andere Menschen immer reden werden und ich weiß, dass es keine gute Idee ist, Stress und Sorgen mit gesundheitsschädlichen Kompensationsmethoden zu neutralisieren. Ich habe dank meines Therapeuten andere Wege als das Essen gefunden und mache regelmäßig Sport und Entspannungsübungen, wenn es mir im Alltag einmal wieder zu viel geworden ist. Meine Familie weiß Bescheid und versteht heute, dass ich damals einfach nicht sagen konnte, was wirklich mit mir los war, denn zu einem großen Teil wusste ich es ja nicht einmal selbst. 

Heißhungerattacken habe ich auch heute noch manchmal. Als komplett geheilt würde ich mich trotzdem bezeichnen. Ich kann Essen wieder ohne schlechtes Gewissen genießen. Einen Drang, mich permanent nackt im Spiegel zu betrachten oder jeden Tag zweimal auf die Waage zu steigen, verspüre ich nicht mehr.


Tags: Bulimie, Therapie
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Kommentare

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    Du kannst stolz auf dich sein :) es ist wirklich nicht leicht aus diesem Teufelskreis auszubrechen, ich kenn das. 

    Du gehst auf jeden Fall den richtigen Weg, weiter so. 

    27.11.2018, 22:35 von xmadame
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