Lena_Huesemann 03.05.2007, 20:20 Uhr 11 14

Wie eine einzige Sekunde alles verändert

Mein Gehirn hat die Erinnerung an den Unfall verdrängt, ausgelöscht oder unter Unrat begraben. Ich weiß nicht, ob ich sie je wieder finden kann - und ob ich es überhaupt will.

Der vierte August 2001. Ich weiß noch nicht einmal, was das für ein Wochentag war – musste gerade im Kalender nachschlagen. Ein Samstag. Ein Samstag, der alles veränderte – ein Samstag, an dem Leute gestorben sind und dessentwegen sich noch viel mehr Leute selbst töten würden. Wieso, frage ich mich. Wieso ist das passiert? Aber das ist jetzt egal, kann sowieso nicht mehr geändert werden. An Zeitreisen glaube ich nicht – und ich hätte auch Angst, die Ereignisse von damals zu verändern. Wer weiß, wer ich dann wäre?

Es hört sich grausam an – aber es ist so. Ich bin feige. In Gedanken lächele ich meinem Vater zu und entschuldige mich. Ich kann sein Lächeln sehen – und ich hoffe, dass er lächeln würde. Dass er lächelt, wenn er mich sieht.

Mein Gedächtnis ist wie ein Sieb, darum kann ich nicht viel von diesem Samstag erzählen. Ich kann nur erzählen, was danach war - und wie es immer noch ist.

Ende August oder Anfang September 2001: Ich höre Musik. „Engel“ von Marius Müller-Westernhagen beruhigt mich, der Song erinnert mich an den Urlaub in Griechenland, der noch gar nicht lange her ist. Und er vertreibt die schlechten Träume: Von Konzentrationslagern, einem ewigen Winter, von Motorrädern und dem Tod. Von toten Menschen. Ich spüre den eisigen Schnee unter meinen Füßen, versuche zu überleben. Renne mit meiner Stoffpuppe durch den Schnee, verstecke mich – und überlebe. Ich habe überlebt, bin entkommen! Darum bin ich sehr wütend, als man mich anspricht wie ein kleines Kind. Natürlich weiß ich, wer ich bin! Und klar ist mir klar, welcher Wochentag heute ist. Nur kommunizieren kann ich nicht. Ein Röcheln entspringt meiner Kehle – und macht mich noch wütender. „Psst, ruhig. Das ist wegen dem Tubus!“ höre ich eine Stimme. Diese Stimme kenne ich… Meine Mutter. Tubus? Wieso Tubus? Sie streichelt mir über die Haare. Dann versinkt die Welt wieder in einem nebeligen Grau.

In den folgenden Tagen wache ich immer wieder auf. Angeblich bin ich die ganze Zeit wach, dennoch kann ich mich kaum erinnern – nicht an das Fädenziehen, das Anpassen des Korsetts, die Dusche im Rollstuhl. Klar, ich kriege es mit – im Nachhinein sind es aber nur wolkige Träume, an die ich mich erinnere. Nicht an den Scham, nicht einmal selbst auf die Toilette gehen zu können, nicht daran, wie man mich wäscht und mir die Zähne putzt. Ich erinnere mich daran, wie ich nach meinem Vater frage und was man mir antwortet – an den Schmerz erinnere ich mich nicht.

Die zwei Monate in der Reha sind lang, aber sie gehen rum. Aus dem Rollstuhl darf ich zwar noch nicht, laufe in meinen zwei Wochenenden zu Hause aber dennoch ohne Stütze. Das Gefühl, die Patientin mit dem meisten Glück zu sein, beflügelt mich. Ich entzücke meine Deutschlehrerin in der Klinik mit den Interpretationen von „Die Leiden des jungen Werthers“ und schockiere meinen Mathelehrer, da er nicht mehr den Stoff der zwölften Klasse lehren kann. Vor allem merke ich eins: Ich habe Glück gehabt.

Ich hatte nicht wie meine zwölfjährige Zimmernachbarin einen Schlaganfall. Ich kann im Gegensatz zu ihr sprechen, habe noch ein Gesicht und Haare auf dem Kopf – im Gegensatz zu dem netten Jungen vom Nebenzimmer, der nur einige Wochen älter ist als ich. Und ich liege nicht im Wachkoma wie ein Großteil der Patienten auf der Station.

Ich lerne, das Leben positiv zu nehmen. Vielleicht verdränge ich auch alles, schließlich habe ich meine Psychologin nach der zweiten Sitzung „entlassen“. Aber ich lebe. Ich bin bei vollem Verstand. Gut, ich habe manchmal Rückenschmerzen und merke erst mit der Zeit, was drei gebrochene Wirbel, gebrochene Rippengelenke eine Platte im Rücken bedeuten – aber ich lebe. Die Augen meines operierenden Arztes bei der Nachuntersuchung verraten, dass ihn das überrascht – und noch viel mehr staunt er über meinen Gang. Dass ich laufen kann, springen und rennen – ohne zu torkeln, ohne zu stolpern, ohne zu stürzen. Dass ich die Beine überhaupt bewegen kann.

Nach drei Monaten Schulabstinenz schaffe ich wider Erwarten die zwölfte Klasse, mache mein Abitur mit einer zwei vor dem Komma. Ich verliebe mich, verliere meine Unschuld, ziehe mit meinem Freund sechshundert Kilometer von zu Hause fort und bin glücklich – trotz dem, was geschehen ist. Rede über das, was geschehen ist – lasse es aber nicht an mich ran. Ich komme damit klar. Dachte ich…

Dann fangen die Träume an. In der dunklen Jahreszeit, wenn die Nächte besonders lang sind, wache ich auf und zittere. Zwei Wochen ist der Unfall her, der uns nur eine Delle im BMW bescherte – doch ich durchlebe ihn jede Nacht. Im Traum verliere ich die Kontrolle über den Wagen, knalle an die Leitplanke, überschlage mich – und sehe tote Leute. Klischeehaft – aber es stimmt. Und ich will mir nicht zugestehen, wie sehr es mich belastet.

Ich steige ins Auto, fahre los – und habe plötzlich Angst, die Kontrolle zu verlieren. Fahre weiter – schließlich will ich stark sein. Verstehe nicht, wieso mein Freund mir vorwirft, unsicher Auto zu fahren, werde aggressiv – und breche in Tränen aus.

Und plötzlich ist alles einfacher… Ich weine. Denke darüber nach, Jahre nach dem eigentlichen Ereignis zum Psychologen zu gehen. Ich halte Selbstgespräche, mache mir Vorwürfe, alles verdräng zu haben – und durchlebe es noch einmal.

Das Sieb meines Gehirns hat sich nicht geschlossen, ich weiß immer noch nichts von dem Unfall. Der Motorradunfall, der meinem Vater das Leben kostete – und mir ein Stück Metall im Rücken bescherte. Von dem Vogel, der ihm angeblich in den Helm raste. Dem Bussard, der hinterher im Tierheim starb – und auf dem meine Schwester so wütend ist. Das alles weiß ich nur aus Erzählungen. Macht es das einfacher oder wird es dadurch schwerer? Doch das ist jetzt egal. Ich lebe – und ich lebe gut. Abends sage ich meinem Vater Gute Nacht, stelle mir vor, wie er lächelt und mich umarmt. Weine. Nur ein kleines Aufschluchtzen – doch es hilft.

Dann lebe ich. Kuschel mich an meinen Freund, spüre seinen Atem an meinem Hals. Schmiede Pläne für den nächsten Tag.

Das hätte Papa gewollt – und vielleicht ist er sogar dafür gestorben. Ich sollte die Chance nutzen.

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11 Antworten

Kommentare

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  • 0

    leb weiter so,
    du machst das toll!
    klasse text!

    10.09.2007, 00:15 von Milchschnidde
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  • 0

    .. ich schließe mich an. viel glück für dein leben, und bleib so stark, wie du bist.

    06.09.2007, 09:36 von schokodrachen
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    Wahnsinn, echt toll geschrieben. Ich kann mich nur Minime anschließen. Und auch von mir: Weiter so.

    05.09.2007, 13:35 von Frenzi
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  • 0

    super text, sehr ergreifend, wünsch dir alles gute für deine zukunft

    03.09.2007, 20:58 von SchmatzeKatze
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    Toll geschrieben. Ich wünsche dir viel Glück.

    03.09.2007, 16:23 von GottimHimmel
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    GW, und genau richtig.

    02.09.2007, 00:24 von challenger
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    du biste cht stark,andere wären bestimmt dran zersprungen (was ich jetzt niemandem vorwerfen werde)!!
    ironisch ist das manchmal,ich habe mir manchmal gewünscht,dass mein vater bei seinem unfall damals umgekommen wäre,nich bösartig,denn dann wäre vieles für meine mutter,meine schwester und mich einfach gewesen....
    ich wünsch dir alles gute und bleib weiterhin so stark wie du bist!!!

    01.09.2007, 08:03 von Wolfsauge
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  • 0

    Ergreifend! Trotz des grausamen Ereignisses spürt man beim Lesen den Willen des Weiterlebens und des Erlebens! Man sollte die Augen nicht verschließen und immer nach vorne blicken! Die guten Erinnerungen begleiten, beschützen und bestärken...

    31.08.2007, 13:23 von jwf
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    so schlimm alles war und auch immer wieder ist, es lässt einen intensiver leben und spüren, dass es einem gut geht.
    nur wer durch die hölle gegangen ist, der weiß was glück bedeutet.
    das beste für dich.
    schnufzi

    29.08.2007, 15:24 von schnufzi
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