Wenn Wahnsinn zur Realität wird
Es war Frühling. Ich bin von den Sonnenstrahlen im Gesicht aufgewacht und irgendwie zog es meinen Blick gleich zum Handy...
...und nicht nur weil ich schauen wollte wie spät es ist, sondern weil ich wohl im Tiefschlaf mitbekommen habe, dass ein lieber Mensch mir eine Nachricht geschrieben hat. In Verbindung mit der Sonne, dem Vögelgezwitscher und meinem lachenden Herzen las ich mir die Nachricht durch. Ein tolles Gefühl.
Mein Freund schrieb mir. Er freute sich, genau wie ich, auf die kommenden Tage, die ich mit ihm verbringen wollte.
Alles begann mit dem einwöchigem Ausflug zu ihm nach Pirmasens. Mein damaliger Freund studierte dort. Tut er heute noch. Es war schön dort. Wir tranken Tee, aßen, erzählten, zeichneten, lachten, unternahmen viel, ....angenehme Zeit eben. Ich fühlte mich gut. Vielleicht zu gut. Im Nachhinein, wenn ich heute daran zurück denke, war diese Zeit wie ein Höhenflug. Ein wahnsinnig starkes Glücksgefühl, anders als es ein Mensch normalerweise erlebt.
Eine extrem gehobene Stimmung; es drängte mich zu immer neuen Aktivitäten. Das Schlafbedürfnis war stark gemindert und beschränkte sich auf wenige Stunden pro Nacht. Meine Leistungsfähigkeit und Kreativität schienen keine Grenzen zu kennen. Neue Ideen rasten mir nur so durch den Kopf, die Gedanken waren getrieben, ich hatte einen ungeheuren Rededrang, unkoordiniert und mit häufigen Themenwechseln.
Ich stelle mir so einen Drogenrausch vor. Ich habe keine Erfahrungen mit Drogen. Vielleicht kann man es auch vergleichen mit Verliebtsein, Weihnachten und einen Lottogewinn zugleich. Jedenfalls fühlte sich dieses spitzenmäßige Gefühl nicht krankhaft an.
Nach dieser erholsamen Woche kam ich wieder nach Hause. Ich wirkte verändert. Meine Mutter empfand mich gesprächsfreudiger, ja fast manisch. Ich erzählte ihr sehr viel, war überzeugt von mir, dachte mir würde alles gelingen, ich litt unter irrationaler Selbstüberschätzung.
Die darauf folgenden Nächte konnte ich nicht gut schlafen, ich lag teilweise die ganze Nacht wach. Das ist ja für einen Menschen normalerweise zu verkraften. Bei mir war es anders. Heute weiß ich, dass es an meiner Vulnerabilität liegt. Damit ist die Verletzbarkeit eines Menschen gemeint. Ich musste trotz des wenigen Schlafs meinen Schichtdienst fortsetzen. Ich bin gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin. Neben der vielen Arbeit war ich auch noch auf Geburtstage und andere Feiern eingeladen. Mein Körper stand also zu dieser Zeit ständig unter Strom. Ich hätte zu diesem Zeitpunkt die Notbremse ziehen sollen und meinem Körper Ruhe gönnen.
Ich merkte irgendwann während der Arbeit, dass ich mich nicht mehr konzentrieren kann, tausend Gedanken im Kopf habe...Das war der erste Zusammenbruch. Aus Angst etwas falsch zu machen und damit Patienten zu gefährden, lies ich mich krank schreiben.
Ich dachte an nichts ernsthaftes und dass ich mich schnell wieder erholen würde. Die Tage und auch die Nächte verbrachte ich mit stundenlangen Telefonaten. Wie man das eben tut wenn man frisch verliebt ist. Doch in einer Nacht war mir plötzlich etwas unheimlich. Das Misstrauen begann. Ich nahm beim Telefonieren irgendein Geräusch wahr, so ein Rauschen. Ich dachte er zeichnet das Gespräch auf. Fragt mich nicht wie ich mir das in meinem kranken Hirn zusammen gesponnen habe! Vielleicht kam ich darauf, weil er doch sehr vernarrt in mich war. Er hat mich sehr begehrt. Vielleicht habe ich es ihm deshalb zugetraut.
Ich beendete das Gespräch und wollte nichts mehr von ihm hören. Er schrieb mir dann noch viele Sms in dieser Nacht, unter anderem, dass er sich am Morgen in den ersten Zug setzen und zu mir kommen würde. Er würde dann am Bahnhof auf mich warten. Das machte mir Angst. Irgendwie dachte ich plötzlich er wolle mir etwas antun. Ich erinnerte mich an ein Telefonat mit meinem Vater, indem er mir erklärte, dass ich mit Marokkanern vorsichtig sein sollte, weil sie eine andere Einstellung zu Frauen haben. Mein damaliger Freund hat marokkanische Wurzeln.
Am nächsten Morgen wollte ich nicht alleine Zuhause bleiben. Da fiel uns nichts besseres ein, als. dass ich mit zu meiner Mutter auf die Arbeit komme. Ich machte mich also auf den Weg, fuhr mit dem Auto los. Ich wollte wie gesagt zu ihrem Arbeitsplatz, aber da kam ich nie an...
Auf dem Weg dorthin, bemerkte ich plötzlich im Rückspiegel einen Mann, der telefonierte. Ich dachte natürlich es ginge in dem Gespräch um mich. Ich bezog alles auf mich. Ich fuhr weiter und nahm alle Autos, die mir begegneten als “Feinde“ wahr. Dachte mein Ex hätte alles in Bewegung gesetzt um mich zu finden, sie würden alle mit ihm unter einer Decke stecken und mich verfolgen. Ich machte eine Irrfahrt von etwa 2 Stunden. Wusste nicht wohin, da ich dachte ich könnte niemandem trauen. Hielt zwischendurch in einem Dorf und fragte einen Mann nach seinem Handy, klingelte bei einer Frau um von dort aus die Polizei zu rufen. Sie ließ mich aber nicht, weil sie dachte ich sei verrückt... Wie recht sie damit doch hatte. Mein eigenes Handy hatte ich ausgeschaltet, aus Angst über dieses geortet zu werden. Außerdem befand sich im Auto noch das Navi meines Freundes. In meinem Wahn und aus Angst warf ich es aus dem Fenster.
Irgendwann hielt ich bei einem Bäcker ganz in der Nähe von dem Arbeitsplatz meiner Mutter. Der Tank war fast leer gefahren, deshalb musste ich irgendwo halten. Ich fragte ob ich mal telefonieren könnte. Meine Mutter holte mich dann dort ab. Sie fuhr mit mir sofort zu meinem Hausarzt und ich bekam ein Mittel zur Beruhigung. Alle dachten ich hätte Drogen genommen. Mein Arzt informierte die Polizei und den Rettungsdienst. So wurde ich dann in die Klinik gebracht.
Diagnostiziert wurde eine Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis.
Das war wohl das überhaupt schlimmste, aufregendste und zugleich sonderbarste Erlebnis, was ich bis jetzt in meinem jungen Leben hatte. Ich hätte nicht geglaubt, dass unser Gehirn in der Lage ist, uns solche Streiche zu spielen, hätte ich es nicht selbst erlebt.
Mein Exfreund hat übrigens den gesamten Tag am Bahnhof verbracht und dort vergebens auf mich gewartet.
Ich kann, wenn ich heut an die Zeit zurück denke, nicht mehr alle Tage vor meiner Psychose auseinander halten. Bitte entschuldigt, dass die Erzählung etwas unzusammenhängend und unüberschaubar ist.



Kommentare
Halluzinationen und das man Stimmen hört sind bei intensivem Schlafentzug normal hatte ich auch schon. Aber das was du da schreibst ist ja schon eine Stufe auf dem Weg zur Nervenheilanstalt.
30.06.2009, 13:52 von ClownohneHumorEine Ex von mir ist mit 24 in Frührente gegangen wegen ihrer Schitzophrenie und den Psychosen. Keine Lustige Sache und nichts was man so leicht abtun sollte.
Interessante Einblicke in die Psyche sind das allemal.
@ClownohneHumor Dass viele Schizophrenie - Erkrankte in Frührente gehen, wegen ständigen Rückfällen, ist bekannt. Und solche "gelungenen Therapiebeispiele", wie ich es bin, die wieder ins "soziale" Leben finden und ihren gelernten Beruf wieder aufnehmen können - davon hört man eher selten. Man muss an sich glauben, einen starken Willen haben.
30.06.2009, 14:13 von hellaleinDie Rückfallgefahr ist hoch, wenn die Psychose zu spät erkannt wird oder der Betroffene sich einfach zu spät von einem Facharzt medikamentös behandeln lässt. Umso länger der Wahn besteht und dieser nicht durch Neuroleptika behandelt wird, desto schwieriger ist es, den Erkrankten da wieder "raus zu kriegen".
Frühzeitige Behandlung durch eine kontinuierliche medikamentösen Therapie ist sehr wichtig um wieder völlig zu genesen.
Nach dem ersten Absatz war klar worauf es hinausläuft. Aber trotzdem gut gemacht. Schön, dass deine Ma gleich reagiert hat.
14.04.2009, 11:54 von Steifschulz@Steifschulz >> Ich fühlte mich in deinem Text irgendwie rumgeworfen <<
23.04.2009, 22:43 von kratzbuersteSo geht´s mir auch. Es hört sich dramatisch an, aber im Augenblick scheint´s ja zu gehen.
Ist Dein Freund jetzt Dein Ex wegen dieses Erlebnisses? Kann Dir das wieder passieren? Oder war dieser Schlafentzug schuld?
Ich hatte wegen Schlafentzuges auch schon mal so eine Art Halluzinationen...
Klär uns auf, bitte...
Das ist echt krass was du schreibst, würde mich auch interessieren wies dir jetzt geht!
12.04.2009, 17:40 von twiggyleinOkay, warte... ich muss selbst gerade sortieren....
12.04.2009, 15:06 von SushiSurferAlles verwirrend, aber okay und im Grunde alles verständlich. Dein Text übermittlet einfach deine Verwirrtheit in deiner Psychose, ich kenne dass wie Menschen reden, die irgendwie alles miteinander verbinden und eigentlich dass eine mit dem anderen nichts zu tun hatt, war ja selbst in der Klappse wegens solch, wie sagt man (?), Persönlichkeitsstörung, kenne mich in den ganzen fachmännischen Begriffen nicht aus. Und genau mit solch Menschen hatte ich da auch Kontakt.
Was mich jetzt aber am Ende interessieren würde, wie gehts weiter mit Dir? Und was ist mit deinem Freund? Und überhaupt wie kam es zu dieser Psychose? Ich fühlte mich in deinem Text irgendwie rumgeworfen und am Ende weiss ich gar nichts.