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„Sie wird per Haftbefehl gesucht?“ sein bester Freund sah
ihn fassungslos an. „Internationaler Haftbefehl!“ erwiderte er matt. „Wenn ich
mich schon mit einer Kriminellen einlasse, dann nur auf ganz hohem Niveau. Ist
doch klar!“ ergänzte er trocken. Sie saßen zum Frühstück in irgendeinem
Fastfood Restaurant und er war froh, nicht alleine sein zu müssen. Die Polizei
hatte ihn die ganze restliche Nacht verhört und ist dann mit ihm in seine
Wohnung gefahren, als es gerade hell wurde.
Sie hatten alle ihre Sachen mitgenommen und außerdem auch
seinen Laptop beschlagnahmt. Er wusste nicht, ob das rechtens war und musste
sich unbedingt einen Anwalt suchen. Doch er rief zunächst seinen Freund an und
bat ihn, sich mit ihm zu treffen. Wie er geahnt hatte, war dieser gerade eben
erst aus einem Club gestolpert und sah, wie er selbst, entsprechend
katastrophal aus. Was er am frühen
Morgen von der Polizei erfahren hatte, erschütterte sein Weltbild.
Sie soll vor sechs
Jahren ihre Schwester, sowie ihre Nichte ermordet haben. Ihre DNA konnte am
Tatort nachgewiesen werden. Sozusagen. Da keine Fingerabdrücke
auf der Tatwaffe gefunden wurden, konnte man sie dennoch nicht überführen,
denn sie waren eineiige Zwillinge mit nahezu identischer DNA. Da beide des
Weiteren etwa zur gleichen Zeit jeweils ein Kind geboren hatten und per
Kaiserschnitt entbunden worden waren, gab es hier ebenfalls keine weiteren
körperlichen Merkmale, die Hinweise auf die Identitäten hätten geben können. Somit wussten die Ermittler im Prinzip
nicht, welche der beiden Schwestern ermordet worden und welche die Täterin war. Eigentlich hatten sie nur
Indizien, dass sie am Tatort gewesen sein soll. Jedenfalls mussten sie
letztendlich die noch lebende Schwester laufen lassen.
„Und was ist mit dem anderen Kind geworden, also ihrem?“
fragte ihn sein Freund. „Das soll gestorben sein. Plötzlicher Kindstod. Danach
soll sie schwere Depressionen bekommen haben und völlig durchgedreht sein. Das war aber vor den Morden.“
erklärte er. „Verstehe…“ murmelte sein Freund. „Deshalb gehen sie davon aus,
dass die Schwester, deren Kind gestorben war, die Mörderin der anderen ist? So
aus Neidgründen oder was?“ „Scheinbar. Sie sind sich ihrer Annahme ziemlich
sicher, haben wohl mit mehreren Profilern daran gearbeitet.“ „Finde ich ja
etwas zu einfach gedacht. Warum auch das andere Kind töten? Aber was hat es nun mit diesem Haftbefehl auf sich?“
Er hatte erfahren,
dass es DNA-Datenbanken gab und die aller europäischen Polizeibehörden, inzwischen
miteinander vernetzt worden waren. Die DNA der Schwestern war dabei im
Zusammenhang mit mehreren ungeklärten Mordfällen in verschiedenen Ländern
aufgetaucht, was im weiteren Verlauf der Ermittlungen dazu führte, dass mehrere
Auslieferungsanträge gegen sie vorlägen.
„Was sind das für Mordfälle?“ fragte sein Freund. „Das haben
die mir natürlich nicht gesagt. Ich bekomme das auch alles noch nicht wirklich
zusammen. Wieso haben die sie in der Psychoklinik gleich erkannt? Sie war also
schon einmal dort, wahrscheinlich sogar
mehr als einmal, obwohl sie doch eigentlich in einem völlig anderen Bundesland
lebt. Mir hat sie erzählt, sie wäre das erste Mal in der Stadt.“
Er hatte
Kopfschmerzen und verstand überhaupt nichts mehr. Er fühlte sich getäuscht und
war schockiert darüber, sich plötzlich in den Ermittlungen mehrerer Mordfälle
wieder zu finden. „Ist sie jetzt noch in der Klinik?“ unterbrach sein Freund
seine Gedanken. „Ich denke ja. Ich durfte noch einmal kurz zu ihr, da stand ein
Bulle vor ihrem Zimmer, das musst Du Dir mal vorstellen. Er hat genau
beobachtet, was ich da wohl tue.“ „Hat sie irgendwas gesagt? „Nein, die müssen
sie völlig weg geschossen haben. Ich habe sie nur angeschaut und… naja… halt
ein bisschen ihre Hand gestreichelt. Es war mir unangenehm mit diesem Bullen in
einem Raum.“
Er erinnerte sich an den Moment, als die Nachtschwester sie
anscheinend erkannt hatte. In dem Augenblick war ihm natürlich nicht klar gewesen, was es
mit dem überraschten Gesicht der Nachtschwester auf sich hatte. Erst jetzt im
Rückblick verstand er. Und auch wieder nicht. Die Nachtschwester stutze kurz, als
sie auf die Station kamen und nahm sich dann aber sofort ihrer an. Fast
liebevoll strich sie ihr über die Wange und schüttelte dabei leicht ihren Kopf.
„Ach, Kleines… Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns noch einmal wiedersehen
würden. Warum kommst Du ausgerechnet hier her? Du weiß doch, was nun passieren
wird.“ Dann musterte sie ihn von oben bis unten und sagte „Bitte gehen Sie in
den Wartebereich, ich kümmere mich um sie.“ Er hatte angesetzt um zu fragen, was
das alles zu bedeuten habe, doch da wandte sich die Nachtschwester bereits ab und
führte sie von ihm weg. In dem Moment fing sie an zu wimmern und brach in den
Armen der Krankenschwester zusammen. Er eilte zu ihr, doch scheinbar hatte die
Krankenschwester bereits zuvor so eine Art Alarm ausgelöst, denn plötzlich
waren sie umringt von drei oder vier weiteren Pflegekräften. Einer davon packte
ihn kräftig am Arm und zog ihn von den beiden weg und schob ihn durch eine Tür.
Er hörte noch, wie aus dem Gewimmer ein fürchterlicher Klagegesang wurde, der etwa
zwei Minuten andauerte und dann schlagartig aufhörte. Er hatte gezittert und
geschrien „Verdammt, was fällt Ihnen ein!“ als er feststellte, dass der Pfleger
ihn eingesperrt hatte. Später hatte sich dieser bei ihm für diese Maßnahme
entschuldigt, er hätte nur eine Eskalation vermeiden wollen.
„Alter Falter, das ist ja mal eine Story! Da triffst Du
endlich mal so eine Hammerfrau und dann ist die total durchgeknallt!“ riss sein
Freund ihn erneut aus den Gedanken. „Eine Mörderin! Sogar eine Kindermörderin.
Das ist hart, echt hart...“ „Das wissen wir doch gar nicht!“ unterbrach er
seinen Freund barsch. „Ich kann das alles gar nicht glauben! Du hast sie doch
kennen gelernt, sie ein total liebenswürdiger Mensch! Und intelligent noch
dazu!“ er schüttelte den Kopf und wunderte sich gleichzeitig darüber, dass er
sie verteidigte. „Naja…“ antwortete ihm sein Freund zweifelnd. „Hast Du nicht
erzählt, dass sie mit ihrem Schlüssel telefoniert hat?“ „Ja… sicher… Irgendetwas stimmt nicht mit
ihr, aber…“ Er hatte plötzlich keine Lust mehr mit seinem Freund zu reden. „IRGENDWAS
stimmt nicht mit ihr? Also ehrlich, mein Freund! Deine Süße wird sozusagen mit
einem Welcome-Home-Schild begrüßt… IN DER PSYCHATRIE! In einer Stadt, in der
sie angeblich nie zuvor gewesen ist!“
Später tat es ihm leid, dass er seinen Freund einfach so
sitzen gelassen hatte, doch ihm war alles zu viel geworden. Er wollte
nur noch nach Hause und sich schlafen legen. Dort angekommen kam er jedoch
nicht zur Ruhe. Er hatte festgestellt, dass die Bullen ihren karierten
Bademantel nicht mitgenommen hatten. Wahrscheinlich hatten sie sich nicht
vorstellen können, dass er ihr gehörte. Er schämte sich ein bisschen, als er
seine Nase in den Stoff steckte und den ihr eigenen Geruch tief einatmete. Er
vermisste sie. Kurzentschlossen zog er sich den Bademantel über und tigerte rastlos
durch die Wohnung.
Sie hat ein Kind. Hatte. Was ist mit dem Vater? Hatte sie einen Mann? Und was ist mit dem Mann ihrer Schwester? Dem Vater des ermordeten Mädchens? Er und sein Freund hatten überlegt, ob es nicht möglich war, anhand der DNA des getöteten Kindes Rückschlüsse zu ziehen, welche der beiden Zwillinge die Mutter gewesen ist. Nun fiel ihm auch wieder ein, was sie am Telefon gesagt hatte. Beziehungsweise was sie dachte in ein Telefon gesagt zu haben. "Daddy ist natürlich auch hier und es geht uns wunderbar!“ Wen meinte sie damit? Den Daddy ihrer Tochter? Oder ihren eigenen? Hatte sie in ihrer Verwirrung geglaubt, er sei Daddy? Außerdem hatte sie die Anruferin in ihrem Kopf als "Schwesterherz" begrüßt...
Ihm wurde klar, dass er dabei war zu versuchen, die Gedanken einer vielleicht Verrückten nachzuvollziehen. Wenn er damit nicht aufhören würde, würde er wahrscheinlich selbst gleich durchdrehen.
Er fing an aufzuräumen. Am Schluss haderte er mit sich, ob
er das Gästebett abziehen sollte. Vielleicht spazierte sie gleich durch die Tür
herein und würde ihn fürchterlich auslachen, wenn sie ihn in ihrem Bademantel
ertappte. Unsinn! Er war kein
Tagträumer, das alles war wirklich passiert und im schlimmsten Fall hatte er
sich in eine irre Mörderin… verliebt.
Verliebt! Er ärgerte sich über diesen Gedanken
und nahm dabei die Decke vom Bett und schmiss sie wütend in eine Ecke des
Zimmers. Dann riss er das Laken von der Matratze. Ihm stiegen Tränen in die
Augen, als er sich das Kopfkissen vornehmen wollte und fand sich sogleich mit
seiner Nase darin wieder. Als er dann endlich den Kissenbezug abzog, fiel ein
fliederfarbener Briefumschlag heraus und auf den Boden. Er starrte ihn an und
bückte sich langsam, um ihn aufzuheben. Tausend Fragen schossen ihm durch den
Kopf. Dieser Umschlag weckte in ihm eine seltsame Hoffnung auf Antworten.
Er erkannte ihre hübsche, etwas mädchenhafte Handschrift.
Sein Name stand darauf und darunter eine Notiz aus zwei Sätzen: „Bitte nur lesen, wenn mir
etwas zugestoßen sein sollte. Ich danke Dir für die wunderschöne Zeit."
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Fortsetzung... folgt...
Kommentare
...well done!
23.11.2012, 00:46 von derHalbstarkeHast du gerade nen äußerst kreativen Schub oder was oder wie? 1-4 = 2+ und setzen! ^^
Keine Ahnung, im Moment ist es gerade eher wieder schlecht, da ich an Nr.5 arbeite, aber leider "real-life-issues" meine Pläne durchkreuzen :-/
23.11.2012, 05:47 von Mrs.McHFreut mich sehr, dass Du Dir die Zeit genommen hast und das Lob lässt den Tag gut anfangen! Danke Dir!!
Hab's grad gelesen. Toll, kann ich nur sagen. Darfste stolz auf Dich sein. Der Text fließt und bleibt spannend. Klingt gekonnt u. ich finde, dass ist Mrs.McH und nicht Mrs. McPüüülcher.
20.11.2012, 18:40 von Jackie_GreyGrrr.... ja, ich weiß... Fr.Püüü... oder Piii... ist etwas abhanden gekommen, aber ich habe fest vor, sie nocheinmal in Erscheinung treten zu lassen ;-) Danke für Deine Lesezeit, das Feedback und nicht zuletzt für das Herz. Freut mich sääääährrr :)
20.11.2012, 19:16 von Mrs.McHWow *jauchz*
19.11.2012, 15:42 von Bender018Bei Geschichten dieser Länge behalte ich mir immer ein abschließendes Urteil vor, bis ich den Schluss gelesen habe. Aber dennoch kann man jetzt schon sagen: Du hast es drauf! Macht mir Spaß beim Lesen, ich bleib stetig am Ball und freue mich auf das, was noch kommen mag.
Toll! Freut mich sehr!! Vielen lieben Dank!
19.11.2012, 20:07 von Mrs.McHDir gelingt es die Spannung aufrecht zu erhalten, obwohl die vorigen Teile eigentlich kaum zu überbieten waren, aus meiner Sicht. Wobei der Grat zwischen „too much“ und „wird trivial“ ein schmaler ist. Doch mit Teil4 hast Du bewiesen, dass Du die Balance halten kannst.
19.11.2012, 11:23 von CyroDanke für das Feedback, das ist mir echt wichtig und motiviert mich sehr! Merci!!
19.11.2012, 20:07 von Mrs.McHDer etwas andere Kommentar.
Einen Text kann man bewerten und über seinen Inhalt diskutieren. Viele Dinge habe ich hier in den letzten Monaten gelesen. Manchmal folgte eine zweite Version zu einem Gedanken, manchmal eine Neuauflage. Aber was ich hier von dir lese, das ist was ganz anderes. Zumindest habe ich ein „Buch“ hier noch nicht gefunden.
Ich hatte mich entschlossen, nicht jedes Kapitel zu kommentieren. Doch diese Entscheidung ist wohl aus meiner Sicht nicht mehr richtig.
Es geht nicht um die vielen Fragen, die jedes Kapitel in sich aufwirft. Sie werden in den nächsten Texten beantwortet. Es geht nicht um die Länge, die hier untypisch ist. Eine Analyse hierzu wird erst nach dem Schlusspunkt möglich sein.
Aber lebt nicht jeder Schreiber von einer Resonanz, einer Zustimmung oder gar einem Einwand?
An dieser Stelle ziehe ich einfach mal meinen Hut und danke dir als Leser für deiner Kreativität und freue mich auf viele weitere niedergeschriebene Gedanken/Kapitel.
Ich hätte es auch in dein Gästebuch schreiben können. Vielleicht auch als Nachricht. Aber ich glaube genau hier ist es richtig und gut.
19.11.2012, 09:47 von jetsamIch danke Dir sehr, das tut richtig gut! Vielen lieben Dank!
19.11.2012, 20:05 von Mrs.McH