yveh 02.09.2006, 00:51 Uhr 19 10

Wenn die Psyche abstürzt

Meine Mutter zerbricht, erzählt mir wirres Zeug am Telefon – von zu engen Korridoren, dem helfenden Staubsauer und ihrer Angst vor der Farbe Schwarz.

Sie ist immer stark gewesen. Sie hat geprägt, was ich bin. Durchsetzungsfähig, konfliktbereit und ehrgeizig. Ich habe immer gedacht stark zu sein. Sie ist ein Einzelkämpfer, der auch allein kann, wenn es sein muss. Sie hat das alles hinbekommen. Immer. Und ich habe nie verstanden wie. Sie dennoch imitiert, das mir vorgelebte „So-muss-Frau-sein“. Und, ich bin zufrieden mit so einer Mutter. Mit mir als töchterlichem Resultat auch - halbwegs.

Vorigen Sommer ist sie zusammengebrochen. Ich war nicht da. Der Körper hat gestreikt. Die Ärzte ratlos. Abtransportiert, zweimal. Sie hatte nachts Schmerzen. Hat sich hingelegt, ein oder zwei Paracetamol gegessen und geschlafen. Mit Schmerz hat sie gelernt umzugehen. Sie ist stark. Doch es kam schleichend, ohne große Ankündigung. Sie hat ihrem Lebenspartner kaum zuflüstern können: „Du musst den Krankenwagen rufen, irgendwas stimmt mit mir nicht.“

Erst ging man von einer Thrombose im Bein aus, die eine kleine Ohnmacht auslösen könne. Dann klagte sie über Schmerzen in der Brustgegend und man dachte über eine Lungenembolie nach - auch nicht. Jeden Tag im Krankenhaus ging es ihr schlechter, sie klagte über Neues - auf Suche nach der Krankheit, die Grund für ihr Unwohlsein war.

Sie hat es immer so mit ihrem Körper gehandhabt: ein Pillchen gegen den Schmerz in den Gliedern, eine Zigarette gegen den Stress und einen Weinbrand für die Ruhe im Kopf – Ärzte hat sie meist gemieden. Nun begann die Angst um den eigenen Körper. Man hatte keinen richtigen Befund. Nichts, was sie nicht schon wusste, nichts was ihr diese Schmerzen in der Brust, diese Atemnot bescherte. Sie war so bleich und leise als ich sie endlich sah, zum ersten Mal alternd. Hilflos wie nur Kinder und Alte erscheinen, lag sie vor mir – unfähig sich zu bewegen. Da sah mich meine so starke Mutter zum ersten Mal fragend an, und war nicht mehr das, was ich immer gesehen hatte. Krank gespielt. Kaputt.

„Ich werde verrückt“, flüstert sie nun ins Telefon. Ich kann nicht glauben, was ich höre. Schlimmer noch: ich kann nicht helfen. Das weiß sie auch. Da muss sie allein durch, sagt sie. Ihre Psychologin hilft ihr eine Angsthierarchie aufzubauen, beginnt zu desensibilisieren. Ich analysiere verschieden Phobien, gemischt mit depressiven Zuständen und dem Burn-Out-Syndrom. Bin mir aber nicht sicher. Von den Psychologen erfährt man nichts.

Anfänglich bekam sie Anti-Depressiva. Besser so, denke ich, als sie es schließlich allein - ohne die Tabletten - versuchen will. Die Tabletten hatten üble Nebenwirkungen, sie hat sie freiwillig abgesetzt. Sie lernt den Staubsauger oder andere Haushaltsgegenstände zu verwenden, wenn sie Angst hat, allein durch den Flur zu gehen. Sie nimmt alle Kraft zusammen und steigt irgendwann wieder ins Auto. Das Büro macht ihr Angst, dahin möchte sie nicht wieder zurück. „Mein Garten tut mir gut“, sagt sie: „Wenn ich draußen so ganz für mich bin, geht es mir gut.“ Sie weiß, dass ihr Leben ruhiger und weniger hektisch werden muss.
Sie ist ruhiger geworden, ich bin mir nicht sicher, ob es Gleichgültigkeit ist. Sie redet leise, sie guckt weg oder einfach nur träge und erschöpft. Altert zunehmend. Ich stehe daneben und schaue zu.

Wenn ich zu hause bin, passen mein Bruder und ich auf, dass sie nicht allein daheim sein muss. „Karsten, gehst du?“, immer wieder ihre panischen Fragen – mit der Angst vorm Alleinsein. „Ich kann das nicht, da bekomme ich Panik.“ Angst vorm nicht mehr stark sein können. Angst vor dieser harten Realität, die es immer wieder gilt zu besiegen. Angst davor, dass der Körper aufgibt, dass das Leben vorbei ist. Die Angst vorm Tod ist so groß wie die vor der Existenz.

Ihr wird bewusst, was sie will. Sie hört auf zu rauchen, trägt Kompressionsstrümpfe, weil sie sich einbildet das würde helfen. Ich versuche sie zu verstehen. Sie weint, weil sie mit sich selbst, ihrer kleinen Veränderung zu kämpfen hat. Sie weint viel. Meine 5-jährige Schwester hat sich daran gewöhnt ihrer Mutter Taschentücher zu reichen. Sie kann nicht trösten, nicht mal ihre Anwesenheit hilft über die Panik vorm Alleinsein hinweg.

Mir fiel es schwer einen so veränderten Menschen vor mir zu haben. Ich konnte nicht immer zu hause sein, längst lebe ich nicht mehr in der Heimat. Heute ist alles scheinbar bewältigt oder ruhig gestellt. Sie ist nicht ganz die Alte. Wirkt zu oft noch neben sich oder zu kühl. Lebensfreude sind lediglich Momente. Der Stress ist längst wieder ins Leben eingekehrt. Sie arbeitet wieder zu viel und spielt jedes Problem runter, weil sie so stark ist, keine Schwäche zeigen kann.

Schwarz zieht sie nicht an. „Das kann ich nicht, Yvonne, wegen der Sache früher“, sagt sie neulich zu mir beim Einkaufen. Ich schaue sie irritiert an, weil ich es bis zu diesem Moment verdrängt hatte. Und dann sagt sie wieder zu mir: „Damals, da hätte ich dich so gebraucht, Vonni.“ Ich schweige.

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    liebe yvonne! ich finde es sehr mutig von dir über ein tabu-thema zu schrieben....leider ist es in unserer gesellschaft ja so, dass psychische erkrankungen und aufenthalte in der psychiatrie als etwas "schlechtes" gelten und als schwäche angesehen werden.....ich arbeite im moment im rahmen meines studiums in der psychiatrie und ich empfinde großen respekt für die patienten, sich dem schicksal zu stellen und sich hilfe zu holen. denn es nichts anderes als schicksal, niemand sucht sich diese erkrankungen aus. und du als angehörige ebenfalls nicht.
    ich habe auch eine freundin, die seit sechs jahren depressiv ist und es ist sehr schwer dies mit anzusehen. jahrelang versuche ich mit anderen freunden ihr zu helfen und die schlimmste erkenntnis ist, dass man nicht richtig helfen kann. die betroffenen müssen es selbst wollen. du kannst für deine mutter da sein, das ist sehr viel.ich verstehe es, dass es schwer ist sie zu verändert ist und den zerfall mit zubekommen und die angst, dass es wieder kommt und schlimmer wird. warscheinlich wird es dies auch.
    sei für deine mutter da, aber auf keinen fall darfst du dich selbst dabei vergessen! es hilft deiner mutter auch nicht, wenn du am ende am boden liegst. verantwortungsgefühl darf man nicht mit schuldgefühl verwechseln. verantwortung musst du in erster linie für dich übernehmen, nur so kannst du ihr wirklich helfen.
    ich wünsche dir ganz viel kraft!

    03.12.2006, 22:29 von seestern79
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    Nur wegen der Fragen nach dem Befinden: Mein Schluss endete bewusst mit dem Satz meiner Mutter ueber das "damals". Fuer sie war es ein Krise, eine Phase. Sie hat sich veraendert, sie wirkt aber keineswegs labil nach aussen. Hat alles laengst wieder im Griff. Scheinbar. Und ich bewundere sie dafuer. Kann nicht verstehen wie sie das gemacht hat, alleine. Die Aerzte/ Therapeuten waren kaum Hilfe. Erst Tabletten, dann ein Stunde Beratung im Monat, was ich nicht verstehe. Sie war nicht mal faehig zu arbeiten. Total zerstoert. Und man bekommt einen Termin in 3 Wochen. Sie hatte keine andere Wahl als es selbst anzugehen. Jedenfalls ist es jetzt okay, wenn man das so sagen kann. Halbwegs. Sie achtet mehr auf sich, vergisst es manchmal auch wieder - sich nicht so hochzustressen. Aber das Warnzeichen hat sie verstanden.
    Ich habe nur Angst, dass diese Phase noch nicht beendet ist. Das es wiederkommt.

    03.12.2006, 20:52 von yveh
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    Mitleid, Angst, Zweifel, Schuld
    Beim Leser und beim Schreiber weckt der Text verschiedenste Emotionen. Das ganze Leben ist ein Drama, aber weder ausschließlich Komödie oder Tragödie. Gibt es einen richtigen Weg mit Ängsten umzugehen? Jeder nimmt seinen eigenen. Einen Text lesen oder schreiben ist zum Beispiel einer.

    03.12.2006, 19:03 von berlinschild
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    du hast so schön geschrieben.Dein Text geht mir nah.Ich kann mir vorstellen wie schlimm es ist die eigene Mutter in so einer Situation zu sehen.Mich macht es schon fertig wenn meine Mutter traurig ist oder vielleich sogar weint.Da konnte ich noch nie mit umgehen!
    ich hoffe es geht dir gut...

    03.12.2006, 08:38 von annila
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    Sehr gut geschriebener Text! Ich habe das so verstanden, dass Du selbst noch nicht erwachsen warst, als das mit Deiner Mutter passiert ist...und es macht mich sehr wütend, wenn Eltern ihre Kinder benutzen wollen, um ihr Leben besser zu machen oder noch schlimmer, um eine Stütze bei einer Krankheit zu haben. Das muss professionelle Hilfe ran und nicht Kinder, die unter einer so großen Verantwortung auch zu Grunde gehen könnten, bzw. eine so große Aufgabe gar nicht bewältigen können. Und dass sie Dir jetzt noch Vorwürfe macht, finde ich unmöglich. Selbst wenn Du damals schon erwachsen gewesen sein sollst, ist nicht jeder Mensch so stark, eine solche Situation zu meistern und wohlmöglich gleichzeitig noch eine Stütze zu sein. Du kommst mir mitnichten verantwortungslos vor. Man sollte nicht vergessen, dass nicht jeder eine geborene Krankenschwester/Therapeut ist...

    02.12.2006, 13:02 von Angela_Bulloch
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      @Angela_Bulloch Ja, es war kein Vorwurf. Es war fuer mich nicht schlimm, ich hab bei dieser Situation geschwiegen, weil ich erst da begriffen habe, dass sie mich gebraucht hat. Mir war es nicht klar, voellig weggeschoben, sie hat es nicht ausgesprochen, ich erinnere mich nicht, und ich bin nicht laenger als ein paar Wochenenden nach hause gekehrt. In diesem Moment erst ist mir bewusst geworden, dass ich in dieser Zeit der richtigen Krise haette dasein muessen. Es war erst vor ueber einem Jahr. Ich bin erwachsen und auch verantwortlich - wofuer hat man denn sonst eine Familie?
      Jedenfalls geht es ihr gut - momentan. Ich weiss nicht, ob so was wiederkehrt. Davor habe ich Angst. Aber diesmal weiss ich, dass ich da sein werde.

      03.12.2006, 20:39 von yveh
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    puh, ich habe feuchte augen .. mein respekt ..
    ich weiß, dass in meiner familie etwas nicht stimmt. mein vater, meine mutter, ich .. wir ticken alle nicht ganz normal .. aber manchmal schon .. ich habe angst um meine mutter, aber kann nicht immer für sie so da sein, wie ich möchte .. ich kanns irgendwie nicht .. zwischen mir und meinem vater ist manchmal eine kleine mauer .. aber je älter ich werde, umso kleiner wird sie, denke ich .. zwischen meiner mutter und meinem vater ist auch manchmal eine mauer .. eigentlich schon seit ich denken kann ..
    ich denke, dass mir dieser artikel einen anstoß für eine veränderung meines verhaltens gegenüber meiner eltern gegeben hat .. sei für deine mutter da, so lange du kannst .. die mutter vonner freundin von mir (sie war damals 20) ist vor nem jahr verstorben und wenn ich daran denken muss, dass meine freundin ganz alleine ist und keine mutter hat, könnt ich nur endlos weinen. es tut mir so tief im herzen weh, obwohl sie stark ist ..

    ich wünsch dir von herzen alles liebe.

    02.12.2006, 01:09 von de_Sese
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    liebe Autorin, ich denke du hast das schon sehr gut begriffen. So wie du die Geschichte und die Symptome deiner Mutter erzählst, liegen dort mehrere Gründe für das , was du hier erzählst, vor! Burn-out-Syndrom hört sich immer so einfach an, ist es aber nicht, wie jedes Syndrom bezeichnet es nur die Symptome, nicht aber die Ursachen! Ich denke dass du in der Zeit der Kriese, erkennen musstest, dass deine Mutter eben in wirklichkeit nicht NUR die starke ist, und dass sie lange zeit auf kosten ihrer Kräfte und über ihr Limit geackert hat. Irgendwann dann kommt die Logische Pause, die sich die Psyche nimmt, sozusagen eine auszeit, sozusagen ein Warnschuss! Und dann kommen auf einmal alle Ängste hoch (die aber schon längst da waren) die sich die ganze zeit aufgestaut hatten und verdrängt wurden, aber es sind Ängste, die schon immer eine Rolle gespielt haben,....

    es ist denke ich wichtig, dass ihr füreinander da seid (soweit man das von außen überhaupt sagen kann) und dass deine mutter lernt auch SCHWACH sein zu dürfen...

    lg TOM

    01.12.2006, 22:28 von TomDurenski
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