Miau... 22.01.2007, 10:59 Uhr 21 11

Was wisst ihr schon?

Ich bin adoptiert...und deshalb noch lange nicht geisteskrank

Wenn andere Menschen hören dass man adoptiert wurde, reagieren sie darauf ähnlich, wie als wenn man erzählen würde seine Mutter wäre gerade gestorben. Sie sagen dann Dinge, wie: Ach, das tut mir leid für dich; Und, wie kommst du damit zurecht?

Ich will doch mal klarstellen: Wenn ich NICHT adoptiert worden wäre, ginge es mir vermutlich extrem schlecht, ich hätte auf die wunderbarsten Eltern verzichten müssen, die ich mir vorstellen kann( klar, auch sie haben ihre Macken, aber wer hat das nicht?), ich hätte auf mein, wie ich finde ziemlich gutes Leben, verzichten müssen.

Ich mache nächstes Jahr mein Abitur. Ohne Adoption stünde ich vermutlich bei McDonalds hinter der Theke. Neulich im Pädagogikunterricht sagte eine Mitschülerin, dass alle Adoptivkinder psychisch gestört seien. Das hat mir zu denken gegeben. Bin ich geisteskrank? Nicht viel mehr als alle anderen. Klar, sie hatte schon irgendwie Recht, alle anderen Adoptivkinder, die ich kenne, haben einen Knacks. Aber der ist verständlich. Wer von seinen Eltern abgestoßen, misshandelt, oder missbraucht wurde, kann doch nicht einfach ganz normal weitermachen.

Ich allerdings bin geboren worden, habe ein paar Tage im Krankenhaus verbracht (Gelbsucht heilen, meine leibliche Mutter war drogen- und alkoholabhängig) und kam dann direkt zu meiner Mami und meinem Papi. Mir ist niemals irgendetwas wirklich Schlimmes passiert. Ich bin behüteter aufgewachsen als die meisten leiblichen Kinder, würde ich sagen.

Jahrelang habe ich gedacht, ich hätte überhaupt gar nicht das Recht, mich schlecht zu fühlen. Aber das stimmt so auch nicht. Allein die Tatsache, dass die eigene Mutter einen nicht haben will, prägt. Mir fällt es schwerer, mich auf einen Menschen einzulassen als anderen. Sobald ich merke, dass ein Mensch mich verletzen könnte, weil ich ihn mag, blocke ich ab. Da mache ich dann zu. Und ich weiß, dass es für meinen Freund, den ich wirklich sehr liebe, nicht immer einfach ist mit mir.

Für meine wunderbaren Eltern genauso wenig. Aber trotzdem stehen sie hinter mir, und lassen mich nicht fallen, auch wenn ich ich mich wieder vollkommen dämlich verhalte. Und dafür bin ich allen Menschen, die mich lieben, sehr dankbar. Aber wenn ich höre, wie andere Menschen darüber urteilen, wie Adoptivkinder sich verhalten, werde ich agressiv. Niemand kann in diese Personen hineinschauen. Niemand weiß genau, was ihnen passiert ist. Und ich weiß, dass diese Personen einen sehr guten Grund haben für ihre Wut, ihre permanente Wut, die sie zu Kriminellen, Ritzern oder immer agressiven Menschen werden lässt. Und niemand, wirklich niemand, sollte darüber ein Urteil fällen.

Und wenn ich gefragt werde, ob ich meine "richtigen" Eltern mal kennenlernen möchte, sage ich: Wieso? Die kenne ich doch schon längst. Denn niemals würde ich etwas anderes behaupten, als dass meine Eltern, meine Mama und mein Papa, die Menschen, die sich die größte Mühe gegeben haben, mich zu dem zu machen, was ich heute bin, die mir alles geben was sie haben, und die immer für mich da sind, dass diese Menschen meine Eltern sind.

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21 Antworten

Kommentare

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    Glückwunsch zu diesem wirklich tollen Artikel!

    Es berührt sehr, wie liebevoll du über deine Eltern sprichst, dass es - so fasse ich es auf - für dich überwiegt, liebevolle Eltern zu haben.

    "Was wisst Ihr schon?" - Nichts wissen diejenigen, die solche absurden Behauptungen aufstellen. Und hätten sie ein wenig Geist, dann würden sie sich erst kundig machen, bevor sie solche Äußerungen machen. Links liegen lassen und weiter deinen Weg gehen.

    24.01.2007, 00:28 von the_actress
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    Super Artikel! Ich glaube auch, dass Du Deinen „richtigen Eltern“ sehr gut kennst. Eltern sind die, die für einen da sind.

    Alles Gute für Dich, B.tina.

    23.01.2007, 23:45 von B.tina
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    toller toller artikel!!

    23.01.2007, 20:40 von Preussenprinz
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    heißt es nich auch, das adoptivkinder wunschkinder sind?
    aba sowas ähnliches hat meine freundin auch durchlebt. sie is vietnamesin und adoptiert. sie meint das is das beste was ihr je passieren könnte. liebevolle eltern und die chance auf bildung. auf die frage ob sie ihre leiblichen eltern denn mal gerne kennenlernen möchte antowrtet sie mit nein und schweigt... hm...

    23.01.2007, 14:49 von psychomaeh
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    Also ich selber bin nicht adoptiert und angenommen du würdest mir das erzählen, dann würde ich dich nicht fragen ob es schlimm ist sondern eher wie du damit klar kommst. Aber im ersten Moment wüsste ich auch nicht was ich sagen sollte, ich wäre überrascht und warum??? weil mir so eine Aussage vielleicht noch nie selber begegnet ist und ich zu wenig darüber aufgeklärt bin.

    Das alle Adoptivkinder psychisch krank sind ist Unsinn. Sie sind geprägt, dass trifft es eher. Bei Kindern die geschlagen oder missbraucht wurden ist es offensichtlich, dass sie nach solchen unmenschlichen Taten geprägt sind. Bei den Kindern die direkt nach der Geburt adoptiert wurden, ist es nicht ganz so offensichtlich. Aber du schreibst ja selbst, dass es dir schwer fällt dich anderen richtig zu öffnen. Also hat dich der Fakt das deine Mutter dich nicht wollte schon geprägt. Deinen Klassenkameradin hat sich da vielleicht nur etwas unglücklich ausgedrückt.

    Wie ich schon sagte, ich bin nicht adoptiert, was aber nicht heißt das ich nicht auch meine Macken habe. Jeder sammelt gute und schlechte Erfahrungen im Leben, die einen dann prägen.

    23.01.2007, 11:07 von sonnendeck2000
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    Abgestoßen zu werden prägt! Ja, dass stimmt. Mein Vater tat das. Ich bin allein bei meiner Mama aufgewachsen... und die Nähe die fehlt, ja man versucht sie zu kompensieren. Meist bei den falschen Menschen. Für mich war es lange Zeit auch schwer überhaupt Nähe zu zulassen. Aber ich finde man geht daraus stärker hervor. Wichtig ist doch das du glücklich u. zufrieden bist. Ich freue mich für dich, dass du es so gut getroffen hast.

    23.01.2007, 10:51 von sabrina1980
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    Ich würde auch aggressiv werden.
    Was sollen eigentlich solche Kommentare mit geisteskrank? Versteh ich überhaupt nicht.

    Aber wirklich ein schöner Brief an die Eltern.
    Haben die es mal gelesen?

    22.01.2007, 23:10 von LudwigMartin
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