superschnitzellovesong 10.12.2012, 20:47 Uhr 4 8

Wann war ich zum letzten Mal glücklich? - Eine Selbstreflektion

Und wieder bin ich das neunjährige Mädchen. Voller Zweifel. Eingeschlossen von Einsamkeit und doch fröhlich.

Sie liegen vor mir. Meine alten Tagebücher. Verschwunden, in Vergessenheit geraten und wieder aufgetaucht. Neun Jahre. So alt war ich. Jung, unerfahren und das Leben mit all seinen schönen, leuchtenden Farben und seinen düsteren Abgründen noch vor mir. 


Ich schrieb fast jeden Tag hinein. Über die Schule. Über Freunde. Über Jungs. Ja, schon mit neun hatte ich wie es in meinen verfassten Schriften scheint, ein großes Interesse an dieser Spezies. Ich war natürlich ´verliebt´. So wie Kinder in dem Alter verliebt sein können. Unglücklich verliebt. Es hat sich also nichts verändert. Trommelwirbel. Applaus. Es überrascht mich nicht. 

Doch auch freundschaftlich lief es damals nicht nach einer kindlichen Wunschvorstellung. Ich hatte viele Freunde. War Klassensprecherin und beliebt, soweit ich mich entsinnen kann. Objektiv gesehen ´ne nette Kindheit. Doch in mir sah es anders aus. Ich schrieb häufig,dass ich mich einsam fühlte. 

Wieso fühlte ich mich trotz Gesellschaft einsam? 
Trotz liebevoller Eltern unverstanden? 

Manchmal fühle ich mich immer noch allein und einsam, unverstanden und wertlos. Ab und zu. 

Ich erinnere mich, dass meine beste Freundin mich vernachlässigte. Sie war mir in meiner Grundschulzeit immer am wichtigsten und ist mir auch jetzt noch sehr wichtig. Ich erinnere mich daran, dass ich oft ihretwegen geweint habe. Das letzte Mal, war letztes Jahr als sie umzog. Sie zog zwar nicht weit weg, aber mir war von Anfang an klar es würde sich etwas verändern. Das tat es auch.  

Im Moment fühle ich mich ... ja wie fühle ich mich eigentlich? Ausgelaugt und leer? Mein Leben ist stressig, verplant und vollgestopft mit Terminen. Aber wessen Leben ist das bitte nicht? Ich hangele mich von Wochenende zu Wochenende. Freunde heißt meine Zuflucht. Mein Ausweg. Mit ihnen ertränke ich Gefühle im Wein. Ersticke Probleme im Rauch. Manchmal sitzen wir auch einfach nur da. Reden. Lachen. Schreien. Zusammen und trotzdem jeder für sich in einer eigenen Lage, die die anderen nicht verstehen. Zusammen im Labyrinth. Auf der Suche. Immer auf der Suche. Ohne Halt und unaufhaltsam. Ohne Rast und rastlos. Wir rennen. Alle in verschiedene Richtungen und trotzdem zusammen.

Und plötzlich frage ich mich: Wann war ich zum letzten Mal glücklich? Und bin ich es je gewesen?

Ich bin mir sicher. Ja. Ich war glücklich. Oft. Lachte viel. Aber wann war ich es das letzte Mal? Das ich darüber nachdenken muss, verdeutlicht mir selbst meine Lage. Im Sommer mit Freunden auf dem Festival. Ja, dort war ich glücklich. Maßlos. Aber es war nicht das letzte Mal. Nein. Glücklich war ich letztes Wochenende. Seine Lippen an meinen. Seine Hände in meinen Haaren. Seine Hände in meiner Hose. Meine Hände auf seinem Rücken. Meine Hände in seiner Hose. Der geheimnisvolle Fremde und ich. Ich fühlte mich nicht allein. Vergaß alles um uns herum. Alle Probleme. Alle Gedanken waren neblig- benebelt vom Glück. Benebelt vom Kribbeln. Und doch war alles scharf und klar. Die Realität holte mich ein, als ich müde durch den Schnee nach Hause stapfte. Das Hochgefühl war verschwunden. Morgen war ich wieder ein Niemand für ihn. Ein Lückenfüller. Ein Mädchen auf einer Wg-Party. Das Mädchen von Gestern. Ich behielt Recht. Alles wie immer. Düster. Allein. 

Ich bin pessimistisch und mein Leben ist selbstverständlich nicht so scheiße wie ich es mir einbilde. Objektiv gesehen ist es sogar eigentlich ganz geil. Das Problem zu glauben, dass mein Leben nicht bunt ist liegt an der immer wiederkehrenden Bestätigungen meiner pessimistischen Voraussagungen. Zu wissen wieder kein Glück zuhaben. Alles was ich brauche ist ein bisschen Schicksal und Optimismus um meine Sicht zuändern. 
Die einzigen Dinge auf die ich mich immer verlassen kann, dass sie mich glücklich machen sind meine Eltern, meine Freunde, Essen, die Musik und meine Selbstironie. Sie hilft mir mit meinen Situationen umzugehen. Über mich und mein Leben zu lachen. Über mein Unglück zu lachen. Und Schreiben. Auch darauf ist verlass. Alle Not, Furcht und Sehnsüchte von der Seele schreiben. Schade,dass ich nur schreibe wenn ich unglücklich bin. 


Tags: Selbsterkenntnis, allein sein, unglücklich verliebt
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4 Antworten

Kommentare

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  • 3

    der letzte Satz hat's wirklich in sich!

    11.12.2012, 00:28 von Stella_polare
    • 0

      Danke :)

      11.12.2012, 08:03 von superschnitzellovesong
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  • 1

    Geht mir genauso: "Schade,dass ich nur schreibe wenn ich unglücklich bin." 

    10.12.2012, 21:38 von Loula.
    • 1

      Irgendwie traurig aber auch schön nicht allein zu sein damit :)!

      11.12.2012, 08:03 von superschnitzellovesong
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