Gloeckchen84 27.09.2010, 22:07 Uhr 34 8

Von Wahn und Wirklichkeit

Mitte 20. Zwischen Hautunreinheiten und Fältchen, Disco und DVD, Hotel Mama und Miracoli. Ein Bericht zur seelischen und körperlichen Sachlage.

Ich werde alt. Vor 9 Tagen wurde ich 26 Jahre alt. Und ich zog Bilanz. Mit 16 habe ich mir vorgestellt, wie ich mit 26 wohl sein werde. Und dieses Bild zeichnete sich so: schön, schlank, klug, toller Job, schicke Wohnung, verliebt oder glücklicher Single, immer noch mit den Mädels von jetzt befreundet sein und immer noch am Wochenende um die Häuser ziehen. Und heute? Was hat sich davon erfüllt?

Neulich Samstagabend: Ich habe gut gekocht, im TV lief "Wer wird Millionär". Er und ich lagen auf der Couch. Plautze voll, Zeit für Zärtlichkeit. Werbung im TV. Ich schiebe seine Hand kurz weg "Guck mal, die neue Apotheken-Rundschau. Die haben sehr interessante Themen...." (Kreislauf, Magen, Schilddrüse). Die Hand blieb erstmal 15 Minuten dort, wo sie hingeschoben wurde: weg.

Er startet einen neuen Versuch. "Du, ich geh noch eben die Küche aufräumen", sage ich. "Dann ist das morgen nicht mehr so ein Chaos." Er schaut mich an und läuft verbal zur Höchstleistung auf: "Aha". Er pustet die Kerzen aus. Have a nice weekend.

Nach 20 Minuten aufräumen komme ich in Wohnzimmer. Hase liegt schlafend auf der Couch und schnarcht. Es ist 22.00 Uhr. Ich wecke ihn behutsam. Er nuschelt: "Willst du vielleicht noch eine Waschmaschine anwerfen?". Das ist der Startschuss für eine kleine, amüsante Fetzerei.

"Es ist Samstag, wir sollten irgendwo in der Disco tanzen und Spaß haben. Wir liegen hier, gucken Rentner-TV, und ich räume die Küche auf. Ich bin alt", klage ich. "Also ich finde, es gibt Schlimmeres. Wenn du willst, zieh dich an, wir gehen aus. Jetzt sofort", sagt er ernst. Ich überlege kurz: "Nee, jetzt habe ich ja so viel gegessen und den ganzen Tag die Wohnung eingerichtet und gekocht und gespült". Jetzt noch stylen, in die High Heels steigen, raus in die Kälte. Geht gar nicht. "Dann sei jetzt leise, Omi", beendet er die Diskussion. Jetzt wird also doch noch gekuschelt. Aber die Kerzen bleiben aus.

Und während wir da so auf der Couch gammeln, muss ich an meine Orangenhaut denken. Die dumme Sau hat jetzt am Po eine Zweigstelle eröffnet. Der Busen... na wir wollen es nicht übertreiben. Alles in Allem ist der Gang in Fitnessstudio wichtiger als der zu H&M. Mit 16 habe ich gedacht, dass ich mit 26 aus dem Alter raus bin, mir über meine Figur Gedanken zu machen und alle Komplexe im Nirvana verschwunden sind. Pustekuchen. Das Schlimme ist ja, dass es immer schwerer wird abzunehmen, je älter du wirst. Mit 16 isst du drei Tage nichts, dann hast 2 Kilo weg. Heute isst du fünf Tage nichts und es hat keinen Effekt, außer Schwindel und Übelkeit.

Klug wollte ich mit 26 auch sein. Der Plan hat noch nicht ganz funktioniert. Ich erinnere mich gerne an meinen Dozenten an der Uni, der einst zu mir sagte: "Sie sollten weniger oft vergessen, dass Sie ein schlaues Mädchen sind". Das war die Antwort auf die Frage "Kann man denn in Ost-Berlin wohl mit Euro bezahlen?" Sowas passiert halt mal. Aber im letzten Jahr schon deutlich weniger. Erst denken, dann manchmal auch besser Schnauze halten, weil leider falsch gedacht. Klug bedeutet aber auch, seelisch reifer zu werden, Herzensbildung, Empathie, Liebesfähigkeit, emotionale Intelligenz, Menschen einschätzen zu können. Läuft, Alter.

Der Traum von einem tollen Job hat sich erfüllt. Der Job ist toll, wenn ich ihn nicht machen müsste, und ich mag ihn außerhalb der Arbeitszeiten. Ehrlich gesagt: Mein Job ist cool, ich beschäftige mich mit schönen Dingen. Aber damit rette ich nicht die Welt, sondern nur den Erhalt meiner Wohnung. Lasst uns das Glas auf die Jobs erheben, die die Miete zahlen. Prost. Man reiche mir den Champagner...

Der Erhalt meiner Wohnung ist mir sehr wichtig. Nur, wer seine Miete selbst zahlen kann, weiß, was Freiheit bedeutet. Auch wenn er dann ganz frei verhungert. Lieber frei, als bei Daddy betteln. Denn dann gäbe es nur Brot, Möhren und Wasser "Ist gut für die Figur". Meine Wohnung, die ich seit fast einem Jahr - mehr oder weniger regelmäßig - bewohne, nimmt so langsam meinen Geruch an und auch meinen Stil. Mutter sagt: "Kind, du solltest deine Wohnung etwas erwachsener einrichten. Nicht soviel Rosa und Pink, kein Chi Chi. Du wirst ja bald 30." Die Wohnung ist jetzt Schwarz-Weiß. Ich werde ja bald 50.

Irgendwie traurig ist der Stand um die Freundschaften von damals. Befreundet mit den Mädels von früher - mit denen man die geilsten Jahre geteilt, erlebt und immer wieder bequatscht hat - bin ich bei Facebook. Und um die Häuser zieht der Rest nur noch selten. Die machen jetzt Spieleabend, Kochabend, Kinderkriegen und heiraten. Und da wollen die unter sich sein. Berufstätige, kritische und progressive La Perlas sind da weniger erwünscht. Mit denen geht man dann lieber shoppen.

Es hat sich vieles verändert. Erwachsensein ist anstrengend, nervt manchmal und ist oft noch Neuland. Manchmal fühle ich mich wie 18, wünsche mir wieder, so viel Zeit für mich selbst zu haben, einen großen Freundeskreis, viele Bekannte. Nicht den Leistungsdruck. Nicht Geld verdienen zu müssen. Spülen finde ich auch kacke. Und ich finde es auch doof, dass man keinen ermäßigten Eintritt mehr zu kulturellen Veranstaltungen bekommt. Wussten Sie eigentlich, dass man mit über 30 eine Spätgebärende ist? Hallo?! Mittelalter?!

Die Energie, nach einer harten Woche noch feiern zu gehen - wo ist sie geblieben? Der Elan am Sonntag morgen früh aufzustehen, um "Gossip Girl" zu gucken. Und: Ich habe mich über "Klimawechsel" von Doris Dörrie besser amüsiert als bei Desperate Housewives. Beängstigend. Wann kommt denn endlich die Gelassenheit des Alters? Sie ist gerne willkommen, ich koch auch was Leckeres...

Neben Rücken hab ich aber immer noch Herz. Und das dreht manchmal ganz doll durch. Frühjahrsputz in Chaoshausen ist auch im Herbst stets ein Thema "Krieg mal dein Leben auf die Reihe", ist immer ein netter Satz, wenn man jemanden Mitte 20 verletzen will. Früher war es "Du hast ja gar kein Mofa". Sein Leben auf die Reihe kriegen...was bedeutet das eigentlich? Einzug halten ins Reihenhaus und dann Montags zur Muskelentspannung nach Jacobsen? Ich werde ja bald 30 ...

Ich denke zuviel über das Älterwerden nach, vielleicht vergesse ich ab und an, dass ich ja doch noch ziemlich jung bin. Darum ist es wohl auch so schwer für mich, der Hello Kitty-Plüschkatze im Schlafzimmer "Goodbye, Kitty" zu sagen, um an ihrem Platz das Pillendöschen zu deponieren.

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34 Antworten

Kommentare

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    Wenn ich mir solche Gedanken machen würd, würd ich früher oder später in ner Klappse landen. Geh mal wieder richtig abrocken unds Hirn durchspülen, Omi. ^^

    17.08.2014, 20:04 von Hattori-Hanzo
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    Der Textinhalt ist mal wieder ein Paradebeispiel dafür, wie die verschobene Jugendphase langfristig geistige und körperliche Frühgreise in ihren Zwanzigern und Dreißigern produziert.

    17.08.2014, 19:26 von mirror87
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    Zu viele Frauen verwenden zuviel Verstand darauf, ihn auf die falschen Dinge zu lenken, anstatt ihn zu benutzen. Was trottelig ist, denn allzu viel scheint davon ja nicht vorhanden zu sein.

    Emanzipation wird so lange ein Modewort bleiben, wie Frauen einer sinnfreien, obsoleten, aber leider immer wieder von ihnen selbst populär gemachten Vorstellung von Weiblichkeit entsprechen wollen - oftmals ohne zu merken, dass sie es tun.
    Weiber. Anstatt die Blähungen zu bekämpfen, reden sie das Furzen groß. Oder klein.
    Je nach Empfindlichkeitsfarbe.

    Solange eine immer noch erschreckend große Anzahl angeblich moderner und aufgeklärter Frauen äußerliche Schönheit zu einem ihrer vorrangigsten Ziele erklärt und vollkommen unreflektiert und kritiklos einem Schönheitsideal und Weiblichkeitsmythos hinterherläuft, das bzw. der nicht nur stumpfsinnig, sondern überdies noch unerreichbar ist, wird das schwache Geschlecht auch das schwachsinnige bleiben.
    Furz hin, Furz her.

    30.09.2010, 05:28 von JackBlack
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    vor 25 jahren war es nicht anders, wenn ich mir überlege was ich alles unternommen habe um diese Pickel los zu werden :-)

    29.09.2010, 09:57 von Webcam-Fan
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    Ich verstehe dich!!!
    In 6 Tagen bin ich 26 :(
    grausam.
    Spülen geht gar nicht ;)

    29.09.2010, 08:46 von Zuckerwatte26
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    Ich bin zwar erst 23 aber ich kann es teilweise trotzdem nachvollziehen. Ich glaub es kommt ein bisschen drauf an, wie lang man schon im Berufsleben steht und seinen Unterhalt selbst finanziert.
    Ich bin jetzt über 4 Jahre im Berufsleben und überleg jetzt schon manchmal...Was kommt jetzt noch? Kommt da noch irgendwas spannendes?
    Und wo ist die Zeit am Nachmittag gebliebe, wo man sich mit Freunden trifft. Jetzt kommt man gestresst oder müde nach der Arbeit heim und hat keinen Nerv mehr irgendetwas zu tun als noch was essen und kurz noch n bissi die Küche in Schuss zu halten.

    Aber is ja nich alles schlecht ;)

    28.09.2010, 20:36 von LilCookie
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    Du schreibst schön :)

    28.09.2010, 19:48 von Luanna
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      @[Benutzer gelöscht] "Ich schätze dies also nicht als unreflektierten Quark ein, sondern, trotz grammatikalischer Fehler, als ein höchst stilfollen Kultuhrbeitrag ;)"

      Ein herrlicher Satz!
      Fast so gut wie der, den ich neulich hörte:
      "Ich konnte ihn nicht leiden, weil er sich nicht formulieren konnte."

      28.09.2010, 17:03 von MetroPole
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