JuliaMaja 30.11.-0001, 00:00 Uhr 35 65

Von oben

Runter vom Podest. Augenbraue runter, Mundwinkel hoch und rein ins Gedränge.

Ich gehe durch mein Leben mit vielen Kontakten und wenig Kontakt. Ich lebe in meiner eigenen Welt, in meinem eigenen Kopf, wo das Leben einfacher ist. Ich spreche aber fließend “Alltag”, deswegen merken die wenigsten etwas. Ich weiß, wie man es macht. Ich weiß, was die Leute hören wollen. Man mag mich. Aber man mag mich vor allem auf meinem Podest. “Aus der wird mal was”, sagt man. Ich freue mich, ich winke ab. Am Anfang. Aber dann glaube ich es irgendwann: Ja klaro. Ich bin etwas Besonderes, wie es scheint. Na gut dann.

Ich sehe die Leute von oben, eine Schar Köpfe. Sie machen und sagen Dinge, die mir unverständlich sind. Ich verstehe nicht, wie sie denken. Sie sind so langsam, sie stellen sich im Bus direkt vor die Ausgangstür und gehen nie, nie, nie nach hinten durch. Sie führen dümmliche Gespräche in der U-Bahn, weswegen ich große Kopfhörer trage. Sie haben Freundschafts- und Eifersuchtsdramen, die sich mir nicht erschließen. Ich sehe ihre Schar Köpfe von oben und ziehe die Mundwinkel herunter – ich urteile. Bitter schmeckt das auf der Zunge. Nicht gut, nicht erhaben. Manche schauen hoch zu mir, auch sie ziehen die Mundwinkel herunter. Aber anders. Beeindruckt, wohlwollend. Immer glauben sie, was ich sage. Aus irgendeinem Grund. Manchmal sage ich extra etwas Provokantes, manchmal Grenzwertiges. Sie fragen warum. Ich denke mir aus dem Stegreif Argumente aus. Sie sagen: “Ja, das stimmt eigentlich. So habe ich das noch nie gesehen.” Ich freue mich nicht.

Irgendwann kommt ein Neuer, uneingeladen, in mein Leben. Alles an ihm ist falsch. Er stemmt die Hände in die Seite, schaut mit zugekniffenen Augen zu mir auf und spricht mich an. Er fragt und fragt, und wenn ich antworte sagt er: “Ah geh, das ist doch totaler Quatsch.” Ich sehe ihn sprachlos an. Er streckt die Hand aus und sagt: “Komm mal runter, ich hör dich so schlecht.” Er nimmt meine Hand und zieht, ich lasse es geschehen. Unten ist es voll und laut, und ich bin viel kleiner als die meisten um mich herum. Ich lehne mich an ihn an, er auch größer, als es von oben schien. Er lacht mich aus, und ich lache mit. Es ist unendlich schön, nicht perfekt zu sein.

65

Diesen Text mochten auch

35 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    irgendwie...kenn ich's.

    24.11.2011, 16:05 von bonnie-where-is-clyde
    • Kommentar schreiben
  • 1

    schöner text. mit so viel überheblichkeit in den worten, dass man dir in den hintern treten möchte und dann doch am ende bemerkt, dass du auch nur ein kleines mädchen bist, dass lieb gehabt werden will...


    14.11.2011, 18:37 von Mechthild_Bundschuh
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ich stehe oft auch auf einem ähnlichen Podest. Das hab ich mir nicht unbedingt ausgesucht, hat sich halt so ergeben. Und perfekter ist da eigentlich nichts, die Luft ist dünner, es windet mehr, man sieht mehr und fragt sich warum das, was man sieht, so und nicht anders ist.
    Ich denk ich bleib trotzdem erstmal dort.
    Ich mag Gedränge nicht, und frische Luft ist gesund.
    Und man kann so schön den anderen, die auch irgendwie da oben gelandet sind, zuwinken.

    08.11.2011, 17:45 von fern.glas.herz
    • 0

      kafka hat das mal so ähnlich wie du formuliert :)


       

      21.11.2011, 22:15 von kreativkeks
    • Kommentar schreiben
  • 0

    der text spricht genau das aus was ich immer denke. vorallem die szene mit dem etwas provokantes sagen einfach nur so um es dann zu begründen. der ganze text ist irgendwie genial und ich kann das alles sehr stark nachvollziehen. sprachlich total stark.

    06.11.2011, 17:51 von kreativkeks
    • Kommentar schreiben
  • 0

    regt zum Nachdenken an =)

    06.11.2011, 12:45 von wild_at_heart
    • Kommentar schreiben
  • 0

    *spielst

    04.11.2011, 12:47 von Rahaf
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Mal was neues...ich liebe es wie du mit wörtern speilst!

    04.11.2011, 12:47 von Rahaf
    • 0

      vielen dank!

      06.11.2011, 13:51 von JuliaMaja
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Fand ich gut bis zu der Stelle, an dem mal wieder die "LIEBE" ins Spiel kam.
    Was ist so schlimm daran, wirklich so zu sein und so zu empfinden...man (ich) kann es so anstellen ohne damit jemandem wehzutun oder vor den Kopf zu stossen. ( Ausnahmen gibt's natürlich).

    01.11.2011, 19:41 von cosmokatze
    • 0

      Hi, vor den Kopf stoße ich auch nicht vielen (soweit ich weiss) aber mein Problem ist eher, dass ich mich isoliert fühle. wenn es dir nicht so geht um so besser

      06.11.2011, 13:54 von JuliaMaja
    • 0

      Isoliert ist man mit diesen Gefühlen und Denken sowieso, man muß es auch ertragen können. Ich trage das gerne. Ich kann gar nicht anders...

      06.11.2011, 13:56 von cosmokatze
    • Kommentar schreiben
  • 0

    berührt!

    01.11.2011, 19:03 von motherspeanuts
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare