rot_gefuchst 22.02.2011, 01:19 Uhr 11 25

Von kotzenden Milchtöpfen.

Ich hätte kaum geweint oder geschrien; an diesem Tag schrie ich ganz plötzlich gar nicht mehr. Sie glaubte ich wäre tot, sagte sie.

Er war nicht oft da, sagte sie. Nicht in meinen ersten Jahren auf dieser Welt.
Die Welt, die mir früher schwarz/weiß vorkam, weil all die Fotos von damals grau in grau in den alten Fotoalben mit den Stoffbezügen klebten. Und weil ich mich kaum noch an dieses Damals erinnern kann. Und auch weil meine wenigen Erinnerungen nur hinter Milchglas sichtbar werden, dachte ich, es hätte nichts Buntes gegeben.
Damals, als Kind, dachte ich lange, die Welt wäre trist gewesen.
Dabei waren die langen Locken meiner Mutter immer von einem satten Braun. Ich hätte es also besser wissen können.

Als ich acht Wochen alt war und aus voller Kehle schrie, schlug er mir ins Gesicht, das kaum größer gewesen sein kann als sein Handteller.

Ich war ein eher ruhiges Kind, sagte sie. Ich hätte kaum geweint oder geschrien; an diesem Tag schrie ich ganz plötzlich gar nicht mehr.
Sie glaubte ich wäre tot, sagte sie.
Ich könnte 16 Jahre alt gewesen sein, als er zum letzten Mal einen glühend heißen Handabdruck auf meinem Gesicht hinterließ und sie schwieg.
Sie hätte hinterher immer mit ihm gesprochen, sagte sie.

Heute werde ich dann und wann wütend. Sehr plötzlich, aber viel seltener als früher.
Und dann kocht es in mir über.
Es verhält sich dann wie mit Milch.

Sie steht auf dem Herd, es passiert ewig gar nichts. Sie wartet auf den Moment, in dem du dich etwas Anderem widmest als dem öden Starren auf die Milchoberfläche. Und gerade dann, wenn du wegschaust, deine Gedanken abdriften, kocht sie über. Du siehst dem Milchschaum noch zu, wie er an Volumen zunimmt und kannst dich vor lauter Überraschung nicht rühren. Du vergisst für 2 Sekunden, was die braunen Locken dir darüber erzählt haben, wenn Milch überkocht. Und genau diese beiden Sekunden hättest du gebraucht, um das weiße Blubbern daran zu hindern, den Topfrand zu erklimmen. Es fließt dann über den Herd und brennt sich tief in das Kochfeld. Du hasst das, weil es stinkt und scheiße aussieht. Und weil dann jeder sehen kann, dass du Mist gebaut hast, dass du unachtsam warst und dem Kochfeld geschadet hast.

Niemand wird dich fragen, ob du dir bei dem Versuch, das Blubbern am Gewinnen zu hindern, vielleicht den Daumen oder die Fingerspitzen verbrannt hast, weil du hektisch den Topf vom Herd gerissen hast. Niemand wird dich fragen, ob du dich bekleckert hast. Niemand wird dich fragen, was dich abgelenkt hat, was die Ursache für das braun verfärbte Kochfeld ist.

Und wenn es in meinem Magen überkocht, dann brennt es sich in mein Gehirn. Diese Wut frisst sich durch mein Herz hindurch und breitet sich in meinem Körper aus. Wenn ich dich gerade noch zärtlich umarmt habe, will ich dich plötzlich zerdrücken, will dich schreien hören und winseln; ich will etwas in dir kaputt machen, um mich zu entlasten. Und dann, später, sagst du mir, dass ich diese Wut rauslassen muss, dass ich ein Ventil brauche.

Ich stelle mir dann dieses Kind mit den blonden Haaren vor, das ich mit 4 Jahren war - als er mich am linken Arm griff, mich an diesem durch die Wohnung schleifte und in mein Zimmer warf - wie es einen Baum anschreit; diesen einen Baum, der auf dem Feld neben der Landstraße steht, mitten drin und allein, und der immer kaputter und zerfressener aussieht als alle anderen Bäume, die ich jemals zu Gesicht bekommen habe. Und dann muss ich ans Kotzen denken.

Kotzen will niemand. Nicht wirklich. Und niemand wird es nachvollziehen können, wenn dir schlecht ist. So richtig schlecht, dass du alles darum geben würdest schnell etwas zu Schlucken, das mit Kräutern zu tun hat, damit es aufhört. Und niemand wird wirklich wissen, wie elend du dich fühlst, wenn sich dein Magen verkrampft, wenn die Muskeln gegen dich arbeiten und etwas loswerden wollen, das nicht in deinen Körper zu gehören scheint. Und niemand wird verstehen können, wieso du plötzlich beginnst zu weinen; nur weil dir kurz die Luft wegblieb, während sich dieser Mist seinen Weg durch deine Speiseröhre bahnte.

Und wenn ich an das Kotzen denke, denke ich an dieses Mädchen in mir, das einen Baum anschreit und ihn tritt. Und dann weiß ich, dass wir das nicht wollen; sie und ich.
Wir wollen kein Topf voller überschäumender Milch mehr sein. Aber auch vor einem harmlosen Baum stehen und ihn treten, wollen wir nicht; weil wir weinen, schreien und kotzen würden.

Er war nicht oft da, sagte sie.
Und seit Langem schon wird dem Damals Zutritt zu meinem Gehirn verwehrt.
Des unbeschadeten Erwachsenwerdens wegen.

Denn kotzende Milchtöpfe will doch keiner sehen.

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11 Antworten

Kommentare

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    gefällt mir.

    25.02.2011, 17:43 von iwontleave
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    sehr gut beschrieben... gefällt mir

    24.02.2011, 10:51 von Faraduna
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    Ja, der Vergleich gefällt mir. Und auch wenn ich der Autorin wünsche, dass sie sich langfristig weitgehend von der immer wieder hochkochenden Wut befreien kann, denke ich jetzt auch an wenig an ihren Partner .... ich kann mir das ganz schön irritierend vorstellen, wenn quasi aus dem Nichts plötzlich die Hölle los ist ...

    23.02.2011, 10:51 von Cyro
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    Der Vergleich mit der Milch... treffend beschrieben! Danke dafür!

    23.02.2011, 10:34 von dieDany
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    meinst Du mit "kotzend", das was ich denke?

    22.02.2011, 20:11 von sosehrdabei
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    sehr guter text. bedrückend...

    Diese Wut frisst sich durch mein Herz hindurch und breitet sich in meinem Körper aus.

    22.02.2011, 19:30 von nic.is.listen
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    Sehr schön geschrieben, du triffst für meinen Geschmack genau den richtigen Ton beim Erzählen. Und ich mag die Metapher mit dem Milchtopf!

    22.02.2011, 19:07 von Luanna
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    Schöner Text... ich hab beim lesen ein gänsehaut bekommen, weil ich mich sehr oft mit den Worten mit den du die schmerzen beschreibst identifizieren kann. Schön geschrieben, echt war fast am heulen. Hammer Text und dieser Artikel wird eine meine Lieblingstexte bleiben. Grüße Anil

    22.02.2011, 18:22 von AnilZack
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