ira.gold 28.03.2008, 13:56 Uhr 2 4

Vom Tod und vom Glück

„Oh, da liegt eine tote Taube“, sagte ich vor mich hin und machte einen Schlenker.

„Halt, Mama!“ tönte es vom Kinderfahrradsitz hinter mir, „wo ist eine tote Taube? Die will ich auch sehen. Halt an, fahr mal zurück!“
„Ach komm, nur ein toter Vogel“, erwiderte ich ungeduldig. Ich wollte nach Hause.
„Fahr zurück!“ Der Ton duldete keinen Widerspruch. „Ich will den auch sehen!“

Leicht genervt hielt ich an und wendete zögernd. Nur aus dem Augenwinkel hatte ich das tote Tier erblickt, und was ich da gesehen hatte, war nicht schön gewesen. Die Taube war nicht plattgefahren, sondern musste im Kampf mit einem anderen Tier, vermutlich einer Katze, getötet worden sein – langsam radelte ich zurück und hielt an, damit wir das Massaker betrachten konnten. Der Brustkorb war aufgerissen; neben dem Körper lagen Innereien, vielleicht das Herz, die Lunge. An einer Blutspur, die sich bis zum Bürgersteig zog, klebten hier und da ein paar kleine Federn, die leicht im Wind zitterten. Die Augen des Vogels blickten in ein glasiges Nichts.

Schweigen vom Kindersitz.

„Also siehst du“, begann ich meinen erklärenden Mutterpflichten nachzugehen, „die Taube hat mit einem anderen Tier gekämpft, und… sie hat verloren. Dann ist sie gestorben. Und was du da siehst, das sind die Eingeweide. – Also ich meine, das was in uns drin ist, was man von außen nicht sehen kann…“

Ich kam ein wenig ins Stocken, bis meine Tochter mir auf die Sprünge half:
„Die ist wirklich tot, Mama.“

Das stimmte. Ich hatte den Eindruck, dass die kindliche Wissbegier in diesem Fall gestillt war.
„Wollen wir weiterfahren?“
„Ja.“

Aha, Tod also auch verstanden, dachte ich. Vielleicht war das gar nicht so schlecht gewesen, das Beispiel mit der Taube; auf jeden Fall anschaulich.

*

Am nächsten Morgen kam ich ins Badezimmer, als meine Tochter mir mein Unterhemd entgegenhielt, ein eher ungeliebtes Modell, hellgrau mit bunten Streublümchen, welches ich selten trug, nur dann, wenn wirklich kein anderes mehr sauber war.

„Das ist ja schön, Mama!“, rief mein Töchterlein. „Kann ich das haben?“
„Hm, was soll ich denn dann anziehen? Ich hab nur noch das eine, alles andere ist in der Wäsche.“

Ein flüchtiger Schatten von Enttäuschung auf ihrem Gesicht, gefolgt von einem kurzen Grübeln, erlöst von einem erhellten Lächeln.

„Ich hab eine Idee, Mama! Ich könnte doch dann das Hemd kriegen, wenn du gestorben bist!“

„Gute Idee“, erwiderte ich, mich um einen lockeren Gesichtsausdruck bemühend, denn ich spürte, dass mein Lächeln ein wenig starr wirken musste.
Ein leuchtendes, strahlendes Kindergesicht blickte mich an, triumphierend ob des großartigen Einfalls.

Ich betrachtete mein Kind, sah das perfekte, himmelhohe und uneingeschränkte Glück, und war mir mit einem Mal ganz klar und bewusst darüber, dass ich, die verstand, ein solches Glück nicht mehr empfinden würde.

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2 Antworten

Kommentare

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    sehr schön beobachtet, federleicht erzählt, gefällt mir richtig gut.

    30.03.2008, 12:28 von wortpiratin
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      @wortpiratin danke :)

      01.04.2008, 21:40 von ira.gold
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    Das erinnert mich daran, als ich mit meiner Tochter den für sie ersten echten Elefanten gesehen habe. Die ganz Autofahrt zum Zoo hat sie von nichts anderem gesprochen und als wir ihn endlich sahen, konnte sie vor Aufregung und Glück nicht mehr sprechen und nicht mehr atmen. Ich habe mir auf dem Rückweg ernsthafte Gedanken gemacht, was eigentlich passieren müsste, damit es mir so ginge. Und erst ganz am Ende der Fahrt bin ich darauf gekommen, dass es ganz nahe liegt: für meine Tochter etwas zu finden, was bei ihr solche Reaktionen auslöst, hat den gleichen Effekt bei mir.

    29.03.2008, 19:51 von Tim123
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