Jeldrik 14.11.2010, 04:21 Uhr 3 1

Vom Himmel geküsst

Und dann Herzrasen und dann Dunkelheit und dann Licht und dann totale Leere und Bedeutungslosigkeit.

Ich glaube ich war so vierzehn, fünfzehn vielleicht auch sechzehn. So genau weiß ich das nicht mehr. Ich habe das lange Zeit vergessen oder verdrängt. Erst vor wenigen Jahren habe ich dann im Fernsehen sehr wissenschaftlich aussehende Leute darüber reden sehen. Die hatten weiße Kittel an, mit kleinen Plastikschildchen die sie zu Doktoren oder Professoren machten. Leute der Wissenschaft eben.
Meine Füße sind wie gelähmt als ich aus dem Etagenbett steige und jeder Schritt fällt mir so schwer. Ich machte viele kleine Schritte. Das scheint leichter. Die Tür öffnen. Den kalten Flur betreten. Der Boden ist wie, durch mehrere Sonnentage erhitztes, Bitumen. Zähflüssiger Brei. Klebrig, und jeder Schritt fällt mir so schwer. Und dann Herzrasen und dann Dunkelheit und dann Licht und dann totale Leere und Bedeutungslosigkeit. Doch das Herz ballt eine Faust und schlägt, mit erst kleinen schwachen, sich dann aber exponentiell steigernden Schlägen in oder gegen meine Brust. So, als würde eine Dampflok anfahren. Dann das Gesicht meiner Mutter. Ich hatte ihre Stimme gehört von da oben. Damals wusste ich es nicht, aber ich wurde ein zweites mal geboren. Mit anderen Worten: Ich war schon mal tot.
Ich bin ein Alien. Ich verstehe euch manchmal nicht. Alltag gleich Hölle. Bahnfahren, Schule, Innenstädte, Kinos, Kneipen. Alles menschliche wirkt so fremd. Ich weine schon, wenn ich im Fernsehen den Fall der Mauer sehe, weine auch einfach nur so, weine weil "ihr" mir leid tut. Ich fühle mich dem Menschen sehr verbunden, fühle mich aber nicht, als sei ich einer von euch.
Vielleicht gibt es viele die so fühlen. Aber ich wurde vom Himmel geküsst. und vielleicht sind wir das alle, aber nur wenige wissen davon. Und wenn ich Himmel sage, dann meine ich nicht Gott oder irgendein religiöses Plimplam. Ich meine Licht, das gleichzeitig Schatten ist, "Räume" ohne Dimensionen, Quanten, Bausteine des Lebens.
Ach, das Leben ist so anstrengend seit dem, und jeder Schritt fällt so schwer. Tot sein ist wie das "Sein" vor der Geburt. Es ist die völlige Schmerzlosigkeit. Lasst uns, uns darüber freuen. Genauso wie auf morgens aufstehen, zur Schule gehen und dann ins Kino.

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    Klebrig, und jeder Schritt fällt mir so schwer. Und dann Herzrasen und dann Dunkelheit und dann Licht und dann totale Leere und Bedeutungslosigkeit. Doch das Herz ballt eine Faust und schlägt, mit erst kleinen schwachen, sich dann aber exponentiell steigernden Schlägen in oder gegen meine Brust.
    Ganz großes Kino. Als wäre es ich gewesen, die du beschreibst. Vor ein paar Wochen, vor einem Monat... Vor...

    09.07.2011, 18:10 von Die.mit.rotem.Haar
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    Die Kritik ist sehr verständlich und gut.

    08.03.2011, 15:09 von Jeldrik
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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