Vom Essen und gegessen werden
Ich sehe eine Person die Lena ähnlich sieht, nur in dürr. Richtig abgemagert. Ich schaue weiter und wieder zurück zu dieser Lena-ähnlichen Person...
Die Fahrkarten bitte! Höre ich den Schaffner schon aus der Ferne sagen.
Ich krame in meiner Handtasche nach meinem Portemonnaie und drücke dem Schaffner meine Fahrkarte in die Hand.
Nächster Halt: chrrrrchk Die Lautsprecher verschlucken die Worte der Ansage.
Irgendwie erdrückend hier im Zug. Die dicke Frau neben mir verspeist genüsslich eine Tüte Chips. Mir wird schlecht.
Ausstieg in Fahrtrichtung links! Endlich angekommen! Doch wo ist Lena?
Ich schaue mich auf dem Gleis um. Lange habe ich sie nicht mehr gesehen. Ein halbes Jahr etwa. Ich sehe eine Person die Lena ähnlich sieht, nur in dürr. Richtig abgemagert. Ich schaue weiter und wieder zurück zu dieser Lena-ähnlichen Person, die geradewegs auf mich zugelaufen kommt. Sie lächelt, hält sich an meinen Augen fest. Es ist Lena.
Ich erschrecke innerlich, wir fallen uns in die Arme und am liebsten würde ich dieses zerbrechliche kleine Ding nie wieder loslassen, aus Angst ihr könnte etwas passieren.
Ihr Umarmung scheint sanft, schier kraftlos. Ich schaue ihr in die Augen, ganz glasig sind sie. Und leer.
"Wie geht´s dir Maus?" fragt sie mich, ich antworte nach einer kurzen Pause "Gut geht´s mir und dir? Du hast abgenommen!" sie grinst mich vollen Stolzes an und brabbelt los "Ja, 28 Kilo habe ich nun schon verloren, die Pfunde purzeln nur so vor sich hin! Toll oder? Von Größe 42 bin ich auf eine schlanke 34 geschrumpft! Und seit ich nicht mehr mit Basti zusammen bin fällt mir eh so vieles so einfach! Mir geht´s wunderbar!"
Ich schaue sie an und lenke direkt ab "Wollen wir erstmal was essen gehen? Ich hab einen Bääääääärenhunger nach dem langen Tag!"
Ohne Widerworte gehen wir schnurstracks zu diesem kleinen Italiener, wo wir immer Lasagne - die wohl beste der Welt - essen und hinterher nie aus dem Schwärmen rauskommen. Manchmal essen wir beide auch 2 Portionen davon. Zumindest war das früher so.
"Ich hätte gern einen Pinot Grigio, die Lasagne und - Lena wir nehmen wie immer eine große Flasche Wasser dabei oder? (Lena nickt) - und eine große Flasche Wasser. Was nimmst du Lena?"
Sie nickt dankend ab "Für mich nichts, danke, hab vorhin schon gegessen"
Wir reden ein bisschen über meine Arbeit, unsere Familien, dies, das...
Ich versuche ihr langsam auf den Zahn zu fühlen, warum die Beziehung mit Basti beendet ist, wie es ihr auf der neuen Uni gefällt und wie es dazu kam, dass sie so viel abgenommen hat.
"Weißt du Sammy, Basti und ich waren einfach nicht mehr glücklich. Auch im Bett hat´s nicht mehr funktioniert. Wir haben uns nur noch gestritten und Körperkontakt hatten wir kaum noch. Und dann der Umzug wegen dem Studium, das war dann der endgültige Knackpunkt und wir haben uns getrennt. Sollte mir nur Recht sein! Neue Stadt, neue Leute, Neuanfang! Schnell habe ich festgestellt wie schön es hier ist! Schöne Umgebung, schöne Leute und erstmal diese Shoppingmöglichkeiten! Soooooo guuuut! Und mit Antonia hab ich mich auch auf Anhieb super verstanden! Macht richtig Spaß mit ihr zusammen zu wohnen! Jeder geht seinen eigenen Weg und wir machen trotzdem viel gemeinsam. Lena, du hast ja garkeine Ahnung, was es heißt hier Party machen zu gehen! Nur fröhliche, feierwütige Menschen, wir tanzen die Nächte durch und du lernst andauernd irgendwen kennen!" sie war völligst vertieft in ihrer Erzählung und ich versuchte rauszufinden, was sie vor mir zu verheimlichen versucht.
Ich wollte etwas mehr über ihre Mitbewohnerin Antonia erfahren, Lena zeigte mir auch Bilder.
Ein sehr hübsches Mädchen, rank und schlank, Anfang 20, Designstudentin, nebenbei Model. Lena erzählte mir, dass es völlig normal sei, dass sie 2-3 mal die Woche feiern gehen, man sei ja schließlich nur einmal jung. Sie zeigte mir auch ein paar Bilder von ihrer "Feiercrew"... Jungs zwischen 22 und 27, ein hübsches Mädchen nach dem anderen. Ein paar sehen leicht zerschlagen aus.
Lena entschuldigt sich kurz, sie müsse mal eben.
10 Minuten später kommt sie wieder, schniefend. "Dieser blöde Heuschnupfen macht mich irgendwann nochmal fertig!" Ja stimmt, damit hatte sie schon immer Probleme.
Die WG von Lena und Antonia ist richtig hübsch! Altbau. Viel Stuck, Designermöbel, überall Modelfotos an den Wänden. Etwas Clean, für meinen Geschmack. Ich gehe wie selbstverständlich zum Kühlschrank um mir ein weiteres Glas Weißwein zu holen. Öffne die Tür, sehe Salat, Wein und Wasser. Mhm?! Mehr gibt´s hier wohl nicht.
Bevor wir losziehen trinke ich also noch Wein, Lena bleibt bei Wasser.
Leicht angetrunken kommen wir im Club an. Tanzende Leute, laute, basslastige Musik. Gefällt mir auf den ersten Blick. Lena´s Freunde sind schon da, wir werden einander vorgestellt.
Lena ist kurz weg, kommt wieder. Ein dickes Grinsen auf dem Gesicht. Sie fängt an zu tanzen, ich bin schon dabei.
So kenne ich Lena garnicht. Und auch nach Stunden exzessivem Tanzens gibt sie einfach keine Ruhe. Ich bin müde, will einfach nur noch ins Bett.
6 Uhr morgens, wir sind die letzten im Club. "Bei Migo ist noch After-Hour! Wollen wir mit?" da ich kein Spielverderber sein will und wir ja schließlich nur das Wochenende für uns haben sage ich zu.
Raus aus dem Club, rein in die U-Bahn, ab zu Migo.
Kaum sind wir in seiner Wohnung, schon will ich auch wieder raus, denn was ich hier erlebe...
Der nächste Tag bricht an. Frühstück gibt´s bei Lena und Antonia scheinbar nicht. Kaffee trinken wir. Schwarz.
Ich entschließe mich dazu aus dieser Welt zu verschwinden, rede vorher noch mit Lena, erkläre ihr auch, warum ich nach Hause fahren will, dränge ihr die Wahrheit auf, wir streiten ein wenig und dann dränge ihr auf darüber nachzudenken.
3 Monate später, goldener Herbst, die Sonne scheint zwischen den Bäumen des Parks durch, in dem Lena und ich sitzen.
"Die Therapie scheint dir wirklich gut zu tun! Siehst schon viel gesünder aus!"
Lena lächelt mich unsicher an.
"Danke Sammy, ich habe dir glaub wirklich viel zu verdanken! Die Ärzte meinten, dass wenn ich weiter so gemacht hätte, dass ich bald wahrscheinlich schon nicht mehr unter den Lebenden gewesen wäre. Migo haben sie letztens übrigens mit einer Spritze im Arm gefunden. Ich bekomme richtig Gänsehaut, wenn ich so darüber nachdenke. Auch, wenn ich Migo nicht sonderlich Nahe stand. Allein der Gedanke, dass..."
Ich unterbreche sie, nehme Sie in den Arm und ich halte sie fest.
Meine schwache, starke Lena.



Kommentare
Eigentlich kommst ja nur du leicht angetrunken an , oder?
Text gefällt!
15.02.2012, 11:28 von independentdreamerBzw .:die Protagonistin.
15.02.2012, 11:28 von independentdreamererst einmal vielen dank :)
16.02.2012, 16:25 von TrustYourselfja, darüber bin ich beim schreiben auch etwas gestolpert, bin dann aber zu dem entschluss gekommen, dass der leser es verstehen wird, dass die protagonistin angetrunken und lena nüchtern ist ;)