Alida.Montesi 31.08.2015, 23:08 Uhr 3 14

Verzehr und Gebrauch

Mehr. Aus Mangel an Optionen.

Irgendwann hatte ich aufgehört zu leben und nur noch konsumiert. Irgendwann hatte ich das Konzept von Wert und Gegenwert nicht mehr verstanden; kein Preis war zu hoch, solange ich ihn begleichen konnte. Und ich verlor das Gefühl dafür, was ich tatsächlich benötigte und was ich wollte. Oft fühlte ich mich wie betrunken. Mein Blut wurde dünn, meine Reflexe langsam und dann hielt ich eine kleine, eckige Flasche in der Hand, die irgendjemand kurz zuvor über den Barcodescanner gezogen haben musste. Ich öffnete sie und trank sie leer. Manchmal erinnerte ich mich nach einem Schluck, dass ich nicht trinke. Manchmal störte es mich. Immer war es wirkungslos.


 
Einmal lehnte ich nachts an einer Hauswand. Von links kam ein Licht und dann kam ein Auto. Das Abblendlicht auf meiner Brust war erst eine strahlende Schusswunde, wurde größer, wurde haushoch und füllte schließlich diesen Ort. Ich verstand, dass ich keine Wahl hatte, dass es zu spät war mich zu verstecken. Ich rieb meinen Kopf an der Mauer und hörte den Putz unter mir brechen, aber ich fühlte es nicht auf meiner Haut. Es klang, als ob sich jemand auf einem sandigen Weg nähern würde, aber ich spürte keinen Gegendruck der Wand in meinem Nacken, nichts, das mir klar machte, es geht nicht mehr weiter.

Das Auto stoppte und auf einmal wurde es dunkel und ich konnte sehen. Da war ein bleiches Gesicht hinter der Frontscheibe, eine Erscheinung, die wenige Worte beherrscht. Ich streckte die Zunge raus und winkte. Aber das Gesicht reagierte nicht. Kein Lächeln, kein Zeichen von Unverständnis, nur stilles Beobachten, nur unendlich viel Zeit. Ich konnte das nicht verstehen,. Mich selbst irritierte meine Reaktion. Vielleicht, weil es mich an einen Alptraum erinnerte, an eine Nacht und enge, verwinkelte Gassen.

Im Traum werde ich von gesichtslosen Feinden gejagt. Ich renne, wechsle von einer Gasse in die nächste, aber ich komme nicht an. Und irgendwann geht mir die Kraft aus, ich muss anhalten und stehe meinen Jägern gegenüber. Das heißt, ich weiß, dass sie vor mir sind (das Brennen des Lichts in meinen Augen) aber ich sehe sie nicht. Und ich weiß nicht, wie ich mich vor ihnen verteidigen kann, also fange ich an Grimassen zu schneiden. Aber die Grimassen sind so furchteinflößend, so abstoßend, dass es mich selbst verstört, dass ich lieber verletzt oder getötet worden wäre, als das zu erleben.
 
Neben dem Auto, direkt über einer leuchtenden Hausnummer, hing ein riesiges Spinnennetz, blind vor Staub und Mücken. Und in der Mitte saß eine schwarze Spinne. Ein Sommernachtsidyll, dachte ich. Aber es erinnerte mich an einen Albtraum, an eine Nacht und eine Leuchttafel platziert im schwarzen Nichts.

Im Traum fahre ich in Richtung Neonlicht und sehe, dass sich dahinter ein Drive-In verbirgt. Ich sehe zwei Schalter näher kommen und ich fahre zum ersten. Ich gebe meine Bestellung auf. Das heißt, ich sage etwas. Ich weiß, dass ich das tue (das Kitzeln des Schalls in meiner Kehle) aber ich höre nichts. Es folgt auch keine Antwort. Ich weiß nur, dass ich weiter muss und meine Bestellung abholen. Ich starte das Auto erneut, denn an Schalter Nummer zwei wartet sie bereits auf mich. Da stehen sechs, sieben, vielleicht acht Menschen und als ich anhalte steigen sie geradewegs in mein Auto. Sie zwängen und drücken sich sich auf meine Rückbank - ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, wie sie da alle rein passen sollen, doch es funktioniert. Und nachdem sie alle untergebracht sind, legt mir einer von ihnen eine schweißnasse Quittung in die Hand. Ich prüfe die Summe, mehrmals. Irgendetwas stimmt nicht, ich kann noch nicht weiter fahren. Ist es der Preis oder ist es die gelieferte Ware? Habe ich die falsche Wahl getroffen? Vielleicht frage ich mich, wie ich die Reste entsorgen soll? Ein unangenehmes Gefühl. Außerdem kam mir die Situation irgendwie bekannt vor. Es erinnerte mich an einen Alptraum.

Nachdem ich ein paar Minuten auf das Netz gestarrt hatte, wachte ich aus meinen Gedanken auf und wollte endlich los. Ich stieg in das Auto, schloss die Tür sehr laut.

Das Gesicht sah mich wenig überrascht an und sagte: "Die Spinne da vorn sieht voll gefressen aus" "
Oder hungrig", antwortete ich beim Angurten.
"Du hast sie doch beobachtet", sagte es. "Sie sitzt in ihrem Netz, wartet bis sich was verfängt. Erst dann krabbelt sie los und saugt eines ihrer Opfer aus. Ich denke, die Spinne ist eher satt und lethargisch."
Das Gesicht griff nach dem Zündschlüssel und erhielt plötzlich eine Anmutung, vielleicht Nachdenklichkeit und sagte: "Ich frage mich allerdings, ob sie das nächst liegende Opfer nimmt oder ob sie eins auswählt?"
Ich nahm ihm den Schlüssel aus der Hand, steckte ihn in die Zündung und sagte:"Keine Ahnung. Ich denke, sie frisst einfach."

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3 Antworten

Kommentare

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    Verzehr und Gebrauch... Da müssen wir alle durch...

    31.08.2015, 23:25 von nuescht
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