Verlorene Schlacht gegen sich selbst
Ein Auszug aus meiner (noch nicht fertigen) Geschichte "Ben meets Gwen."...
Ungeduldig trommelte Gwen mit ihren Fingern auf dem Schreibtisch, während ihr Computer hochfuhr. Sie hatte eindeutig die Nase voll von der alten Schrottkiste. Als sie ins Internet ging, stellte sich wieder das flaue Gefühl der Aufregung ein. Wie immer hoffte sie, dass sie neue Mails hatte.
Doch sie wurde wieder enttäuscht. Keine Nachricht. Sie schnaubte wütend und schleuderte ein Buch gegen die Wand um ihrer Wut Luft zu machen. Es fiel auf den Boden, mit den aufgeschlagenen Seiten nach oben wie ein hilfloser, auf dem Rücken liegender Käfer. Gwen seufzte und schaltete den Computer wieder aus. Was hatte sie erwartet? Eigentlich brauchte sie sich nicht zu wundern, dass sie keine Nachricht bekam – sie schrieb ja auch niemandem. Geschweige denn, dass sie irgendeine ihrer Freundinnen angerufen hatte in letzter Zeit. Sie wollte sich zwar mit jemandem treffen – aber ihr fehlte einfach die Lust und die Kraft, jemanden zu fragen. Irgendwann hatten ihre besten Freundinnen mit Warten aufgegeben und riefen sie an. Sie hatten versucht, Gwen zu helfen, doch letztendlich verstanden sie sie nicht. Niemand verstand, was Gwen gerade durchmachte. Warum sie seit fast einem halben Jahr nicht zur Schule ging, nicht arbeitete oder studierte. Warum sie jeden Tag mit dem Zug in die Stadt in die psychiatrische Tagesklinik fuhr. Wovon sie übrigens auch die Schnauze voll hatte. Die Schnauze voll vom Leben, das nicht aufhörte, sie zu enttäuschen.
Gwen legte sich in ihr Bett und zog sich die Decke über ihren Körper. Sie hasste ihren Körper und ihr verschaffte es ein wenig Erleichterung, wenn sie ihn eng mit der Decke umwickelte. Dann ließen sich die Speckrollen ein wenig einquetschen und sie fühlte sich nicht mehr ganz so unförmig. Sie griff unters Bett, fand die angebrochene Tüte M&Ms und stopfte sich die Schokobällchen in den Mund. Sie kaute gleichmäßig und starrte an die Wand, ohne etwas zu sehen. Das Sex-Pistols-Poster vor ihren Augen verschwamm und sie empfand nichts als Leere, während sie die Tüte leerte und anschließend eine ganze Tafel Vollmilch-Schokolade verspeiste. Was blieb, waren unangenehme Magenschmerzen und schrecklicher Durst. Den hatte Gwen immer nach Schokolade. Plötzlich fragte Gwen sich, wann sie das letzte Mal einen schokoladenfreien Tag gehabt hatte. Gestern – aber da hatte sie eine ganze Tüte Gummibärchen verputzt. Gwen schob die Bettdecke beiseite und beugte sich schwerfällig nach unten um unters Bett zu schauen, wobei sie ein paar Schokokrümel zerdrückte. Zuerst sah sie vor allen Dingen jede Menge Wollmäuse. Doch dann erschrak sie sich. Unter ihrem Bett war es bunt vor lauter leeren Plastikverpackungen. Gummibärchen- und Chipstüten, Verpackungen von Schokoladentafeln und Marzipan . . . so viel Süßes, wie Gwen es früher nicht in einem Jahr gegessen hatte. Doch das hier war von maximal zwei Wochen. Wie war das möglich? War es schon so zur Routine geworden, nach der Klinik in den Kiosk zu gehen, um sich was Süßes zu kaufen?
Plötzlich war Gwen hellwach. Sie sprang auf, wobei der Müll von ihrem Bett fiel und rannte barfuß ins Bad. Normalerweise mied sie es, in den riesigen Spiegel zu schauen, der über dem Waschbecken hing. Doch jetzt zwang sie sich, sich anzuschauen. Die untergehende Sonne knallte heiß durch das Badfenster herein und ließ Gwen das Elend deutlicher erkennen, als sie es wollte. Ihre schulterlangen Haare, die normalerweise dick und lockig waren standen strähnig und verstrubbelt in alle Richtungen ab. Sie hatte sie sich vor einer Weile mit einer billigen Tönung schwarz gefärbt, weil diese Farbe besser zu ihrer Stimmung passte als ihre naturblonden Haare. Jetzt hatten die Haare schon ein Teil ihrer Farbe verloren und waren von einem schlammigen graublond. Ihr Gesicht hob sich bleich von ihren Haaren ab und wies an verschiedenen Stellen hässliche Pickel auf. Die Lippen waren trocken und rissig. Sie trug ein weites schwarzes T-Shirt, das Gwen früher als Nachthemd benutzt hatte, welches sie jedoch jetzt trug, weil ihr keins ihrer Sommer-T-Shirts von letztem Jahr mehr passte. Darunter trug sie eine graue, vergammelte Jogginghose. „Mein Gott, Gwen, siehst du erbärmlich aus.“, murmelte sie. „Doch diesmal kommst du mir nicht so leicht davon.“
Sie schloss die Badezimmertür sorgfältig ab, zog das Rollo herunter und stellte sich wieder vor den Spiegel. In dem grellen Licht der Lampe über dem Spiegel sah ihr Gesicht noch bleicher aus und die Pickel stachen noch mehr hervor. Sie holte noch einmal tief Luft, dann kehrte sie ihrem Spiegelbild den Rücken zu und zog sich erst ihr T-Shirt und dann ihre Hose aus. Um den Zeitpunkt, in dem sie in den Spiegel gucken musste, hinauszuzögern, legte sie beides sorgfältig zusammen und legte es auf den Klodeckel. Zuletzt zog sie ihre Unterwäsche aus und schleuderte sie in eine Ecke. Sie hatte dem Spiegel immer noch den Rücken zugekehrt. Sie hatte die Augen geschlossen und die Arme vor ihrer Brust verschränkt und atmete schwer. Sie fühlte sich so unwohl in ihrem Körper wie noch nie in ihrem Leben. Am liebsten hätte sie sich wieder angezogen und in ihrem Bett verkrochen. Doch sie musste einfach wissen, wie viel sie wog und wie sie aussah. Gwen drehte sich um. Und hielt vor Schreck die Luft an.
Das war nicht sie selbst. Nicht dieses kräftige Mädchen im Spiegel mit den Speckfalten am Bauch, den Brüsten die noch größer waren als früher, den breiten Hüften und den dicken Oberschenkeln. Sie war völlig aufgequollen. Plötzlich schossen ihr Tränen in die Augen und sie wurde von Selbsthass durchflutet. „Scheiße.“, murmelte sie. Dann stieg sie auf die Waage. Einen Moment sah sie nichts, dann leuchtete die digitale Anzeige auf.
„Scheiße!“ Jetzt schrie sie es. Gwen hatte mal 56 Kilo gewogen, manchmal sogar nur 53 Kilo. Jetzt wog sie 73 Kilo. „Scheiße, scheiße, scheiße!“ Sie stieg von der Waage und versetzte ihr einen Tritt sodass sie mit einem lauten Knall gegen die Wand schlug.
Und dann ohrfeigte sie sich selbst. Einmal. Zweimal. So heftig, dass ihre Wange sofort rot wurde. Dabei sah sie ihrem Spiegelbild hasserfüllt in die Augen. Sie schlug sich ein drittes Mal und ihr wurde nicht klar, was sie da eigentlich tat. Sie hasste in diesem Moment einfach nur sich selbst und ihre Situation. Dass überhaupt alles so weit kommen konnte. Gwen riss ihren Bademantel von dem Haken an der Tür und wollte ihn sich anziehen, damit sie sich nicht mehr nackt sehen musste. Doch sie bekam ihn nicht zu. Dabei hatte ihre Mutter ihn damals eine Größe zu groß gekauft. Da konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie schrie wütend und verzweifelt auf und knipste das Licht aus. Jetzt sah sie nichts mehr.
Im Dunkeln rutschte Gwen an den kühlen Fliesen herunter und kauerte sich am Boden zusammen. Und da saß sie im Dunkeln und hatte das Gefühl, aus allen Nähten zu platzen, obwohl sie nur den Bademantel trug, für den sie zu dick war. Sie schluchzte, wollte es aufhalten doch es wurde immer lauter, bis es sich anhörte wie einziger verzweifelter Schrei.
Es dauerte eine Minute, bis ihre Mutter voller Sorge um Gwen an die Badezimmertür hämmerte. Und noch mal fünf Minuten, bis Gwen sich im Dunkeln T-Shirt und Hose überstreifte, völlig geschwächt zur Tür stolperte und sie öffnete. Ihre Mutter sah sie entsetzt an. „Gwen! Was hast du da drin gemacht?“ Vor lauter Weinen brachte Gwen kein verständliches Wort hervor. Ihre Mutter packte sie fest am Handgelenk. „Hast du dich wieder selbst geschlagen?“ Erst wollte Gwen den Kopf schütteln, doch dann wusste sie, dass es kein Zweck hatte, es zu leugnen. Sie hatte das Gefühl eine Schlacht verloren zu haben. Eine Schlacht gegen sich selbst. Sie nickte. Lange sah ihre Mutter sie an. Ihr Gesicht war einen Moment wie versteinert, dann schien sie eine Entscheidung zu treffen. „Komm, Gwen.“, sagte sie leise und nahm die Hand ihrer Tochter. „Wir packen deine Sachen. Ich fahr dich ins Krankenhaus.“



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