jetsam 23.10.2012, 11:05 Uhr 31 15

Urgroßmutters Schätze

ach jetsam... fang einfach und wenn er daneben plumst, ist auch nüscht schlimm, oder?

Urgroßmutter war keine gesprächige Frau. Ich erinnere mich an ihre weißen Haare, an den Lehnstuhl, der immerzu leicht wippte. Viel Zeit verbrachte sie in den letzten Jahren in ihm. Selbst wenn sie Besuch empfing, dann mochte sie nicht aufstehen und sich an die Kaffeetafel setzten. Viel zu geschwätzig waren sie, die Leute, die ihr versuchten in wenigen Stunden ihr Leben zu offenbaren, zu erklären, wie schwer sie es doch haben und vor allen, wie gut doch die gute alte Zeit war. Manchmal schien es mir, als würde sie diesen Stuhl nie verlassen wollen. So saß sie abends nur da und hielt eine kleine Schatulle in ihren Händen, streichelte sie liebevoll wie eine kleine Katze. Dann erfüllte sich ihr hageres Gesicht mit einer wohltuenden Wärme, die ich nicht zu beschreiben vermag. Wie sollte man auch ein solches Gesicht beschreiben, was gezeichnet vom Leben mit all seinen Widrigkeiten, welches mehr unglückliche als glückliche Tage zählte. Aber sie hatte es durchstanden und ihren Lebensmut dabei nie verloren. Aus der Sicht eines Urenkels auch kaum zu Erfassen, wo ich doch kaum Zeit mit ihr verbrachte.

Als meine Urgroßmutter verstarb, der dumpfe Hall der niederprasselnden Erde noch nicht verklungen war,  da machten sie sich über ihre Habseligkeiten her. So wurde ihr Leben gleich eines Basars auf den Tischen ausgebreitet. Jeder bediente sich aus den nützlichen und unnützen Hinterlassenschaften. Der eine nahm die kostbaren Bilder, der Andere bediente sich der Möbel. Der Dritte nahm die fein geschliffenen Trinkgläser, die damals eine prächtige Tafel zierte. Lediglich die kleine Schatulle, leicht angeschlagen und vom Glanz der alten Tage verblasst, die wollte keiner haben. So wurde diese Dose durch die Generationen weitergereicht und landete letztlich als einziges Erinnerungsstück in meiner Kinderstube.

Fast vergessen wanderte sie später auf dem Dachboden, da sie doch in einem modernen eingerichteten Wohnzimmer zwischen Glas, weiß gelackten Möbeln keinen richtigen Platz finden wollte. Aber hergeben? Nein, dass wollte ich nicht. Als die Finanzen aus dem Ruder liefen durchstöberte ich diesen besagten Dachboden nach Verwertbarem und erinnerte mich an die Schatulle. Nie habe ich versucht sie zu öffnen, da ich in ihr auch keinen Schatz vermutete. Nun war die Situation aber eine Andere und verlangte nach einer Entscheidung.

Querrechteckig mit eingezogenen Ecken und passigen seitlichen Schweifungen. Die Dosenseiten auf dreifach getrapptem, leicht gewölbtem Sockel. Der Rand des abnehmbaren Deckels entsprechend gestaltet. Die Dosenwandungen jeweils besetzt mit gravierten und ziselierten Bandwerk-Kartuschen. Darin kleine Reliefmedaillons mit Putten. Der gewölbte Deckel in Email, weißgrundig, darauf polychrom bemalte Stadt- und Häuseransichten. Dazwischen in erhabenem Silberrelief allegorische Gestalten von Mars und Athena, sich die Hände zum Friedensschluss reichend, sowie Athena mit einem Löwen. Reste von Vergoldung…

Allein ihre Beschreibung versprach einen Geldwert, der mich in meiner Situation nicht mehr zögern ließ. So drehte ich die Dose in alle Richtungen um ihren Eingang zu finden. Überhastet und fahrig glitt sie mir aus den Händen, wie ein Stück Seife und landete mit der fein verzierten Oberfläche auf den nackten Estrichboden. Ihre Scharniere brachen dabei und gab ihr Inneres frei.

Drei Goldmünzen, eingebunden in ein besticktes Tüchlein. Dazu einen Zettel, der mit feiner Feder geschrieben Zeilen trug...

Nimm diese Münzen und

kaufe eine Saat.

Kümmere dich!

Teile die Ernte in drei gleiche Teile.

Den Ersten verschenke.

Der Zweite soll dich nähren.

Den Dritten binde in einem Sack für eine neue Saat.

Mehr braucht es nicht, um Seele, Kopf und Magen zu füllen.

 

Was vorher gelesen werden sollte und müsste ;)

Edit 24.10.: Als die Alte verstarb... in... Als meine Urgroßmutter...  

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31 Antworten

Kommentare

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  • 1

    So drehte ich die Dose in alle Richtungen um ihren Eingang zu finden.
    Überhastet und fahrig glitt sie mir aus den Händen, wie ein Stück Seife
    und landete mit der fein verzierten Oberfläche auf den nackten
    Estrichboden.
    Ebenfalls ein guter Text. Auch der Vergleich, dass etwas aus den Händen gleitet wie Seife, ist sehr gekonnt und anschaulich beschrieben.
    Als die Alte verstarb, finde ich wiederum nicht so passend und liebevoll. Empfinde ich etwas als Bruch im Text, der plötzlich Distanz aufkommen lässt. Ich hätte sie auch lieber weiterhin Großmutter tituliert.

    24.10.2012, 18:06 von Jackie_Grey
    • 0

      Aus der Sicht des Urenkels war die wohl eine nette alte Dame. Ich wollte sie aber an dieser Stelle lediglich als Alte dastehen lassen. Sie, (die Leute) die sich noch am offenem Grab über ihre Habseligkeiten hermachten, hätte sie nicht als liebevolle Mutter und Oma bezeichnet. Für sie war sie lediglich die Alte, die abgetreten war. Diese Distanz sollte also bewusst entstehen.

      24.10.2012, 18:17 von jetsam
    • 1

      Das dachte ich mir, hätte es aber konsequent und als stimmiger empfunden, es weiter aus der Sicht des Urenkels zu schreiben. Aber das ist meine persönliche Empfindung.

      24.10.2012, 18:22 von Jackie_Grey
    • 1

      Aber das ist meine persönliche Empfindung.
      auf die sich wert lege. ;)

      24.10.2012, 18:24 von jetsam
    • 0

      Merci, Du Lieber.

      24.10.2012, 18:29 von Jackie_Grey
    • 1

      ging mir genauso, "die Alte"  empfand ich als kleinen Stolperstein beim Lesen eines sonst sehr gelungenen Textes. Das Ende erinnert mich an ein Märchen, wirklich schön!

      24.10.2012, 18:55 von Buttercup12
    • 3

      Ihr habt mich überzeugt.;)



      Edit 24.10.: Als die Alte verstarb... in... Als meine Urgroßmutter...  


      24.10.2012, 19:05 von jetsam
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  • 0

    Hihi, darf ich nun auch für Dich für einen Tag und eine Nacht den Ehrentitel Wortspenderin tragen? Habe noch nicht gelesen, aber allein fürs da sein, bekommt der Text schon mein Herz!

    23.10.2012, 19:42 von Mrs.McH
    • 0

      Erst herzen und dann lesen gilt nicht. Das wäre ja wie: "Das gleiche was XXX sagt" :D


      Aber du darfst den Titel gerne tragen,...es war mir eine Ehre den Ball aufzunehmen, auch wenn... lassen wir das :D   


       

      23.10.2012, 19:48 von jetsam
    • 0

      Erst herzen und dann lesen gilt nicht.

      Doch doch, das geht schon, weil zur Not nehm ichs wieder zurück... aber es würde mir sicher meines brechen. Nun, warten wir mal ab. Ich muss den Schmutz des Tages von mir waschen, dann widme ich mich der Ur-Omi :)

      23.10.2012, 19:51 von Mrs.McH
    • 0

      auch wenn... lassen wir das :D  

      Nee nee! Raus damit!!! Gackern und kein Ei legen... DAS geht gar nicht! Ich höre...? Äh... ich lese? Du hast so 20 Minuten... ;-)

      23.10.2012, 19:52 von Mrs.McH
    • 1

      Männlich Hühner gackern nicht und legen auch keine Eier ;)


      Ich schrieb:



      Er würde mir aus den Händen gleiten wie ein Stück Seife. Zurück bliebe meine seifige Hand, welche eine Dose nicht greifen kann. Da belasse ich ihn doch lieber in Händen, die damit besser umgehen können. ;)


      Aber die Reaktion zeigt mir mindestens bei einigen Usern eine andere zu sein. Auch Fett und Kursiv bekomme ich ja zwischenzeitlich hin ohne den ganzen Text zu versauen. Wenn auch nur im Nachhinein :D


      Und jetzt warte ich mal gespannt auf eine Kritik von dir.

      23.10.2012, 20:12 von jetsam
    • 1

      Hach seufz... Ich habe nur positives zu vermelden :) Ich finde Deine Geschichte wunderschön, Du hast sogar die Katze aufgegriffen, die Herrn S. über den Weg lief. Die drei Geschichten sind alle anders und haben doch einiges gemeinsam, Deine finde ich jedoch am stimmungsvollsten und sie hinterlässt ein wirklich warmes Gefühl. Bin total happy darüber, dass ich Dir den Ball zuwarf... also die Dose, das Kästchen, die Schatulle... Du hast es wunderbar umgesetzt und da stecken sicher noch viele tolle Geschichten in Dir, das hast Du nun einmal mehr bewiesen!

      23.10.2012, 20:58 von Mrs.McH
    • 1

      Ein Danke zu kurz, ein schon zu lesen zu einfach dahergesagt. Ach manno! Du machst mich etwas verlegen und wortkarg.

      23.10.2012, 21:10 von jetsam
    • 0

      Nimms einfach an :)

      23.10.2012, 21:12 von Mrs.McH
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  • 2

    Frau McH ist Deine durch Robert reinkarnierte Urgroßmutter?


    Nein. Kokoscherz. Schön über Dreieck gezogen das Ding.

    23.10.2012, 15:20 von Kokomiko
    • 0

      Vielleicht bekommen wir aus dieser Dose noch ein  lesenswertes Quadrat geboten ;) 

      23.10.2012, 15:32 von jetsam
    • 0

      Du hast es kaputt gemacht. Und nun?


      Erinnert mich an Coolidges goldene Uhr in Pulp Fiction.. "Wie das Döschen die Kriege der Äonen überstand.." Oder der Loc Nar aus Heavy Metal.


      ..doch das gehört nicht hierher. Herrliche endlose Geschichten lassen sich schreiben um Gegenstände von Bedeutung herum. Nur eine Konstante. Das Objekt. Der Rest variabel. Die Schicksale.

      23.10.2012, 16:12 von Kokomiko
    • 0

      Koko!? Fang auf! :)
      Das mit der Urgroßmutter und der Frau McH ist aber grenzwertig ;-)

      23.10.2012, 21:11 von Mrs.McH
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  • 0

    Feiner, kleiner Text, der einen mit auf die Reise auch in eigene Erinnerungen nimmt. Well done! ^^

    23.10.2012, 13:07 von derHalbstarke
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  • 0

    Ich empfehle dringendst noch mal in die Textbearbeitung zu gehen - und die HTML-Befehle vernünftig abzuschließen - dieses Fett & Kursiv zerhaut die gesamte Seite und tut in den Augen weh - und lässt die Leselust rapide sinken, sorry. ^^

    23.10.2012, 12:12 von derHalbstarke
    • 0

      Nur zu gerne würde ich dieser Empfehlung folgen. Auch mir missfallen diese Schriftbilder! Jedoch vermag ein Computer meine mit Bleistift geschrieben Zeilen nicht zu verarbeiten. Ich werde es aber versuchen!

      23.10.2012, 12:23 von jetsam
    • 0

      Das wäre schön, denn der Text ist klasse - geh doch mal hier ins Bearbeiten rein und schau, was da nicht abgeschlossen ist - müsste sowohl der fette als auch der kursive Abschlussbefehl sein, der fehlt. Viel Glück! ^^

      23.10.2012, 12:27 von derHalbstarke
    • 0

      Wenn ich jetzt noch herausfinde, was ich getan habe?


      Aber schließlich zählt das Resultat! Danke für den Zaunpfahl, der auch in meinem Auge schmerzte. ;)

      23.10.2012, 13:04 von jetsam
    • 0

      Na sieht doch bestens aus und nix zu danekn. ^^

      23.10.2012, 13:06 von derHalbstarke
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  • 0

    Sehr gute Idee, ich mag den Text. 
    Aber abgesehen davon habe ich auch etwas gelernt.  Der EmailDeckel liess mich stutzen … woher sollte man zu einer Zeit, als das Geld noch aus Gold- und Silbermünzen bestand, schon Email kennen ?  Doch tatsächlich, Wikipedia sagt, dass man statt Emaille Email sagen und schreiben soll.


    23.10.2012, 11:55 von Cyro
    • 0

      Danke, wobei mir in meinem Text ein Widerspruch aufgefallen ist. Der Deckel hat im Original keine Schaniere.


      Aber jetzt steht es so und soll so bleiben ;)

      23.10.2012, 12:04 von jetsam
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  • 1

    ich hab ja ne menge verpasst:)
    den mag ich auch sehr!

    23.10.2012, 11:28 von zehnmomente
    • 1

      Hier verpasst man doch nichts. ;) 

      23.10.2012, 11:51 von jetsam
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  • 1

    Den find ich am besten !

    23.10.2012, 11:25 von Tanea
    • 0

      Ich sage dazu mal nix. Aber wer mich so höflich provozierend bittet? Da konnte ich nicht anders :D

      23.10.2012, 11:37 von jetsam
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