cucciola99 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 2

Unsichtbare Brandzeichen

Aus den Augenwinkeln beobachte ich dich. Du siehst müde aus. Erschöpft.

Dein Handy am Ohr haltend, öffnest du die Tür und verschwindest im Inneren. Ich folge dir durch die fremde Wohnung, schaue mich um, während du weiter telefonierst. Aus den Augenwinkeln beobachte ich dich. Du siehst müde aus. Erschöpft.

Ich bin froh über die ungestörten Minuten, mein Herzschlag beruhigt sich langsam und ich rede mir ein, dass wir es hinkriegen. Dieses einfach nur „Freunde“ sein. Dass wir der Anziehungskraft wiederstehen können. Dass wir reifer geworden sind in den letzten Monaten. Dass wir uns wie zwei erwachsene Menschen benehmen können.

Wir setzen uns hin. Mühelos führen wir das Gespräch fort, das wir vor 3 Monaten begonnen haben. Nahtlos. Als ob es diesen Unterbruch gar nie gegeben hätte. Du hast das Bedürfnis zu reden. Über den Job, der dich doch mehr belastet, als du es dir eingestehen willst. Und über alles andere. Es ist so selbstverständlich. Du und ich - wir. Die Vertrautheit zwischen uns. Ab und zu berühren sich unsere Füsse unter dem Tisch. Unauffällig ziehen wir sie beide wieder zurück.

Wir bemerken nicht (oder ignorieren), wie sich die Stimmung langsam ändert. Wie wir uns behutsam annähern. Mit Worten und Blicken. Wie die Luft zwischen uns zu explodieren droht. Wie die Spannung greifbar wird. Dann stehst du plötzlich auf. Ich beobachte fasziniert, wie du eine Schublade nach der anderen öffnest. Ohne genau zu wissen, was du da überhaupt suchst. Hauptsache es lenkt dich ab. Ich muss schmunzeln. Ich frage dich etwas. Du weichst meinem Blick aus. Schaust entweder nach links oder rechts oder oben oder unten. Hauptsache nicht in meine Augen. So wie an dem Abend vor einigen Monaten. Die Türklingel erlöst dich. Das Essen ist da. Und ich kann mir eine Bemerkung in Bezug auf deine Zerstreutheit einfach nicht verkneifen.

Einige Minuten später scheinst du einen Entschluss gefasst zu haben, ich erkenne es an deinem Gesichtsausdruck. Wer wohl der Sieger deines inneren Kampfes sein mag? Als ob du meine Frage gehört hättest, berühren deine Füsse wie zufällig die meinen und verbleiben dort. Du hebst den Kopf und schaust mich an. Ich sehe das Funkeln in deinen Augen. Die Sehnsucht. Eine Spur Unsicherheit.

Und in genau in diesem Moment setzt mein Verstand aus. Ich erwidere deinen Blick. Koste jede einzelne Sekunde aus. Die Welt scheint still zu stehen. Du kommst näher und sagst etwas. Ich kann deine Worte nicht verstehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit berühren sich unsere Lippen. Öffnen und finden sich. Zärtlich. Spielerisch.

Illusorisch zu glauben, wir würden es hinkriegen.  Zu stark ist die Anziehungskraft. Bin froh, dass doch noch ein Funken Vernunft vorhanden ist, ein Teil von mir, der uns kopfschüttelnd zusieht. Der mich dazu zwingt, aufzuhören. Ich richte meine Kleider und stehe auf. In allerletzten Sekunde. Nein, ich mache dir keinen Vorwurf, aber ich kann und will dir meinen Körper nicht geben.. Zumindest nicht jetzt, nicht unter diesen Umständen. Es genügt, dass du bereits einen Teil meines Herzens mitgenommen hast…

Und dann komme ich nach Hause. Lege mich zu ihm ins Bett. Im Halbschlaf schmiegt er sich an mich und fragt, wie mein Abend war. Meine Lippen brennen noch von deinen Küssen. Ich spüre noch immer deine Berührungen auf meinem ganzen Körper. Unsichtbare Brandzeichen.


Tags: Fremdgehen, Sehnsucht, Gewissen, Moral, Freundschaft
2

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare