Sturmkind 20.11.2015, 01:27 Uhr 0 0

Unsere kleine unerträgliche Kiste

Heute habe ich deinen Behindertenausweis verbrannt und mir vorgestellt wie du dabei neben mir stehst und dich freust, dass der ganze Scheiß vorbei ist

Alles andere habe ich sicherheitshalber weg gepackt. In eine Kiste in mir drin. Damit ich aus dem Bett aufstehen kann und duschen gehen und essen und arbeiten und weiter leben.

In die Kiste habe ich alles gepackt was mich tagelang hat erstarren lassen: der Schock, der gemacht hat, dass ich auf einmal Angst habe. Angst vor allen möglichen Banalitäten, allen Horrorszenarien, die sich mein trauriges Hirn einfallen lassen kann.
Vor allem Angst davor, dass noch jemand den ich liebe auf einmal weg ist.

Die, die vorher vor nichts Angst hatte, die  Abenteurerin, für die der Tod nicht existiert hat. So wie für alle anderen, die ihn jeden Tag ignorieren. Die, die irgendwie gedacht hat, dass alles schon irgendwie wieder gut werden wird und ein Wunder geschieht und du wieder gesund wirst und wir alle glücklich und gesund und für immer leben.
Die, die in Wut und Eile abgereist ist ohne sich richtig zu verabschieden.
Reue kommt ganz unten in die Kiste.

Alle Fragen, die mir keiner beantworten kann, habe ich auch hinein gestopft. Wo bist du jetzt? Wie fühlt sich das an? Kannst du lachen, da wo du jetzt bist? Fühlst du dich frei? Vielleicht bist du ja noch - aber irgendwie anders. Findest du es auch schlimm, dass du nicht mehr hier bist? Oder freust du dich darüber?
Und die schlimmste aller Fragen: Was ist, wenn du einfach nicht mehr bist? Ist das nur schlimm für uns? Für uns, die wir in einem Ego stecken, das ewig existieren will?
Sind wir vielleicht wie Hunde, die allein zu Hause gelassen wurden und denken, dass ihr Herrchen nie wieder kommt? Weil Hunde im Jetzt leben und sich die Zukunft nicht vorstellen können und wir im Hier leben und uns das Dort nicht vorstellen können?
Weinen und winseln wir – wo es eigentlich gar nichts zu winseln gibt? Weil am Ende des Tages das Herrchen zurück kommt und am Ende des Tages jeder sterben muss und dort hin gehen wird, wo die hin sind, um die wir trauern?

Jetzt habe mich entschlossen. Es ist die einzige Antwort, die ich habe und ich habe sie mir ausgedacht, damit ich diese verdammte Kiste zu bekomme. Es ist nicht schlimm, dass du gegangen bist. Es gab keinen Weg zurück. Es fühlt sich nur schlimm an, weil ich in mir Liebe und Gedanken habe, die für dich bestimmt sind und ich nicht weiß, wohin damit. Stattdessen bleiben sie bei mir und verknoten sich und dann pack ich sie auch in die Kiste.

Jetzt habe ich mich verändert. Mein eigener Tod gehört nicht mehr zu den Dingen vor denen ich Angst habe. Mein kleiner Bruder ist den Weg voraus gegangen und es wird irgendwann mein letztes großes Abenteuer sein, heraus zu finden wo er hin gegangen ist.

Und bis dahin trage ich meine Kiste.


Tags: Tod, Abschied, Trauer, Fragen über Fragen
0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare