painispleasure 02.01.2011, 17:12 Uhr 17 32

Undressed

Da denkst du, du hast es raus. No surprises.

Und dann reicht ein rotes Kleid und schon ist es wieder vorbei und die Welt taumelt in die nächste Katastrophe.

Nichts gegen Treibenlassen. Aber ich glaube man hat es leichter im Leben, wenn man die wichtigen Entscheidungen bewusst trifft. Man muss seine Optionen kennen und sich sagen "Ich mache das jetzt so, weil ich es gerade will." Und wenn es dann Scheiße ist, dann ist es wenigstens deine höchsteigene, handgeschöpfte Scheiße.

Die Geschichte beginnt vor zwei Monaten mit einem schmerzhaften Knuff in die Schulter. "Eh kuck ma, die da." brüllt mir mein Freund ins Ohr und wedelt mit seinem Zeigefinger so grob in Richtung zwölf Uhr. Ziemlich unbeeindruckt mustere ich die Blondine, die er meint. Natürlich genau sein Fall, knappes Kleid und großzügiges Dekolleté. Der Rest halt Standard. Ich schaue schon wieder fast weg, da erhasche ich noch aus dem Augenwinkel einen roten Farbfleck in diesem Meer von Schwarz.
Da tanzt Miss Überhaupt-nicht-mein-Typ, sie tanzt mit der Blonden. Sie trägt ein rotes Kleid, Jeans und einen Nietengürtel und irgendwie ertappe ich mich beim Starren. Ich schüttle es ab.
Später, beim Tanzen, fällt mir eine Bekannte um den Hals und wir hopsen ein wenig zusammen herum. "Schau mal, das rote Kleidchen." sagt sie. "Da mag dich aber jemand sehr." Ich schaue mich um und ertappe sie. Sie schaut weg und tanzt weiter mit ihrer blonden Freundin. So ein Bullshit, denke ich. Alles schonmal dagewesen. Kein Bock auf One-Night-Stand, und was anderes gibt?s hier eh nicht. Zugegeben, vielleicht nicht mein Typ, aber schön ist sie schon. Wunderschön sogar. Zum Glück bin ich nicht so oberflächlich, damit beeindruckst du mich nicht. Und überhaupt, Frauen die Typen wie mir nachstarren, nein danke. Ich brauche doch kein hübsches kleines Püppchen zum Beschützen. Was weiß die schon von mir, die denkt bestimmt ich bin Türsteher. Oder Musiker. Besoffenes Hirnwirrwarr, es wird Zeit zum Heimgehen.

Und dann gestern, selber Club, selbe Uhrzeit. Zwischen all den schwarzgekleideten Abi-Bubis tanzt eine Blonde, die mir vage bekannt vorkommt. Hinter ihr schält sich ein roter Farbklecks aus den Tanzenden. Braune Haare und eine blöde Ponyfrisur, die jede andere Frau entstellen würde. Und Jeans und ein Nietengürtel. Nach Monaten immer noch ohne Typ unterwegs, bei dem Aussehen. Aha. Ich stehe am Rand und trinke ein Bier. Als sie herschaut, kann ich nicht aufhören hinzusehen. Weil ich nicht wirklich glaube dass sie genau mich ansieht. Ich schiele nach rechts und links, aber im näheren Umfeld steht keine so richtig beindruckende Gestalt. Irgendwann gibt sie sich geschlagen und senkt den Blick. Dann fängt sie an zu lächeln, sie lächelt auf ihre Schuhe. Nur ganz wenig, mehr braucht sie nicht. Und mir dämmert langsam, dass ich mich gewaltig getäuscht habe. Nicht das kleine süße Püppchen tanzt da und wartet auf den echten Kerl der es abschleppt, sondern eine Großwildjägerin mit einer Riesenkanone. Oder doch nicht ? Massenvernichtungswaffen muss man gut tarnen, das weiß man ja. Ein sehr hübscher betrunkener Junge tanzt sie an. Ein knappes, herablassendes Lächeln reicht ihr, um ihn mit zerpflücktem Ego zurück in die Dorfliga zu schicken. Mal sehen.

Wenn ich tanze, gibt es nichts. Egal wer mich anrempelt, egal wer mich vollschwitzt, egal ob du schön bist oder eine Hackfresse. Wenn ich tanze, dann tanze ich und fertig. Dachte ich, doch dann trifft mich ein roter Farbfleck an der Schulter und wie zufällig habe ich meinen Arm um sie. Eine Sekunde treffen mich ihre riesigen Augen mit dem Traktorstrahl. Eine Sekunde stelle ich mir vor, wie ihre gerade schmale Nase meine berührt. Zwei Sekunden, dann blickt sie wieder schüchtern zu Boden und verschwindet in der Menge. Mein Herz entkleidet sich, weg fliegen die schwarzen Fetzen, die Nieten und die Sicherheitsnadeln. Weg die sorgfältig hochgezüchtete Selbstachtung, die lässige Arroganz, der ätzende Zynismus. Dieses Trio, das leichter Frauen ins Bett kriegt als die Fresse von Brad Pitt, ohne die schwarze Coolness will es nicht bei mir bleiben. Noch ein Wegbier aus dem Eisfach, und fort sind sie. Diese Arschlöcher, wer braucht die schon. Ich streife ein rotes Kleidchen über mein nacktes Herz und spüre wieder wie es ist, nicht besser zu sein als all die anderen. Idiotenballett.

Entscheidungen. Man muss sie bewusst treffen, sonst endet es im Unglück. Die süße blonde Tine aus dem Sportverein, die mit behinderten Kindern arbeitet und mir zum Geburtstag Cupcakes bringt. Die große dunkle Sonja, die Gedichte übers Sterben schreibt, Philosophie studiert und unanständige Tattoos hat. Ich bin schwarz und weiß. Aber. Ich entscheide mich gegen sie und für das Mädchen mit dem roten Kleid. Ich werde warten und sie finden. Dann werden wir mal sehen wer hier die größere Kanone hat. Und wenn sie nicht so klug ist oder untreu, oder eine blöde Zicke, dann war es wenigstens meine Entscheidung. Da bin ich mir ganz sicher.

32

Diesen Text mochten auch

17 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Toll. Erzeugt viel von dem "JAA, DAS KENN ICH...!"-Gefühl. Immer beeindruckend, wenn das jemand in Worte fassen kann.

    06.01.2011, 10:47 von Thefox
    • Kommentar schreiben
  • 0

    haha manchmal reitet man sich eben bewusst ins unglück, der reiz ist einfach viel zu groß!

    06.01.2011, 02:48 von marzi
    • Kommentar schreiben
  • 0

    gute Entscheidung!

    05.01.2011, 20:49 von topfbluemchen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Einwandfrei!

    05.01.2011, 19:46 von ClydeSeineBonnie
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Dilemmadeppen!
    Schöner Text.

    05.01.2011, 18:40 von cosmokatze
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @MrsMacmillan umso grandioser! er hat dich!

      06.01.2011, 10:45 von Thefox
  • 0

    Toll. Mehr kann ich nicht sagen. Doch, eines noch: gefällt!

    05.01.2011, 16:58 von Mme.Bovary
    • 0

      @Mme.Bovary Mir gefällts auch.
      Was ist eigentlich aus der Angewohnheit geworden, das Verb "gefallen" mit Objekt zu benutzen?

      05.01.2011, 17:37 von Lenulitschka
    • Kommentar schreiben
  • 0

    gefällt

    05.01.2011, 14:47 von Ozelotte
    • Kommentar schreiben
  • 0

    man müsste sich schon sehr anstrengen, mehr als die übliche komponentenrechnerei rauszulesen.

    05.01.2011, 14:33 von __ickse
    • 0

      @__ickse ich muss mich sehr anstrengen um rauszulesen, was du damit meinst. bitte erläutern.

      06.01.2011, 10:44 von Thefox
    • 0

      @Thefox der text wirkt getrimmt, mögliche eigenständigkeit in ausdruck und emotion runtergekürzt auf einen größtmöglichen nenner an resonanz. was tiefer gehen könnte,wird durch 0815beschreibungen und vergleiche an die oberfläche getrieben. falls nicht extra für die startsseite/publikum, glückwunsch zum“eigenen“ “ stil“.

      07.01.2011, 17:17 von __ickse
    • 0

      @__ickse du solltest dich von _ickse vielleicht in _manse umbenennen :)

      07.01.2011, 17:20 von MisterGambit
    • 0

      @MisterGambit äh geht nicht, xe ist funktional, nicht pronominal.

      07.01.2011, 18:03 von __ickse
    • 0

      @__ickse ah, das hatte ich nicht gleich gesehen

      07.01.2011, 18:06 von MisterGambit
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich mag's immer sehr, was du einem zu erzählen hast.. und vor allem, wie du das machst.

    bitte schön so weitermachen! :)

    05.01.2011, 14:31 von bam.bi
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare