denkanstosser 14.11.2012, 13:36 Uhr 72 21

Und plötzlich war sie nicht mehr da

Es geschah unmerklich. Ein Kompromiss hier, eine rationale Entscheidung da, eine wenig Angst dort und plötzlich war sie weg. Die Hoffnung.

Wir hatten nie ein besonders inniges Verhältnis zueinander, trotzdem hätte ich nie gedacht, dass sie mich je verlassen würde. Sie war schon so lange Teil meines Lebens gewesen. Aber als ich bei ihr anklopfte, war ihr Bett leer, darin lag keine Hoffnung mehr.

Hingegen fand ich an ihrer Stelle ihre Schwestern, die Leere und die Traurigkeit. Die Leere starrte mich nur an, während die Traurigkeit mich umarmte um mich wegen des Verlustes der Hoffnung zu trösten versuchte. Sie sprach Worte der Trauer und liess mich nicht mehr los, während die kalten Augen der Leere mich nicht mehr losliessen.

Da begriff ich plötzlich, wie wichtig sie gewesen war. Wieviel sie doch in meinem Leben verändert hatte. Und wie selbstverständlich ich von ihrer Anwesenheit ausgegangen bin. Kaum wusste ich, dass sie nicht mehr da war, da vermisste ich sie.

Als sie noch da war, hatte die Welt einen speziellen, fast goldenen Glanz. Alles schien machbar, die Welt gehörte uns, selbst die Zeit konnte uns nichts anhaben. Und über den Tod lachten wir.

Doch ohne sie, wurde alles rationaler, berechnend, grauer. Aus Möglichkeiten wurden Wahrscheinlichkeiten, aus Zielen Träume und aus Träumen Hirngespinste. Aus dem Leben wurde ein Funktionieren und aus dem Alltag, ein Warten auf den Tod.

Wissen Sie, wenn man auf den Tod wartet, dann will man dabei nicht gestört werden. Man will gar nicht so viel erleben. Das könnte riskant sein und die Wahrscheinlichkeit ist dann gross, dass man es nicht schafft erfolgreich zu sein, Sinn zu ergeben. Man will bequem durch das Leben gleiten, satt, gewärmt und behütet, am besten hinter Mauern. So als könnte man dem Tod sagen, wenn er dann kommt, "Hey, siehst du, was ich da angehäuft habe? Ich war erfolgreich. Ich habe funktioniert. Ich habe etwas erreicht. Es gibt viele Menschen, die das bestätigen können. Wohin du mich auch mitnimmst, bitte sieh zu, dass das gewürdigt wird und dass ich einen speziellen Platz erhalte, den ich mir verdient habe."

Was der Tod wohl mit seinem Grinsen beantworten wird.

Ohne die Hoffnung, hatte ich keine Freude, keine Ruhe mehr, und immer wenn ich zu ihr gehen wollte, fand ich nur noch ihre Schwestern vor. Die Leere, die nicht redet und die Traurigkeit, die mich nicht mehr loslässt. Bis ich beschloss, etwas dagegen zu unternehmen.

"Hey, gib mir mal eine Pause, Traurigkeit, ich muss mit dir reden. Von Mann zu Gefühl."

Und wahrlich, sie liess mich kurz los, blieb aber ganz in der Nähe, mit ausgestreckten Armen, jederzeit bereit, sie wieder um mich zu legen.

"Was willst du, Mensch? Wir Gefühle sprechen nicht mit euresgleichen. Ihr hört uns ohnehin nie zu und wenn, dann macht ihr euch über uns lustig. Ihr versteckt euch hinter eurem Verstand, hinter euren Theorien und hinter dem, was ihr Glauben nennt. Ihr unterdrückt uns und gebt uns keinen Platz. Doch wir haben Wege gefunden, zu überleben. Lass mich dich umarmen, du wirst dann verstehen. Du wirst dann sehen, was ich sehe."

"Nein." Ich wehrte ihre Hände ab. "

Warte kurz, denn ich will über deine Schwester reden." "Meinst du sie?" und deutete zum leeren Bett hinüber, in dem die Hoffnung ihre letzten Tage verbracht hatte. Krank, kraftlos und doch so süss.

Ich nickte.

"Und ich dachte, du wolltest mit mir reden. Doch dir geht es nur um ihr, meine schöne Halbschwester. Hörst du, Leere? Er will mit MIR über SIE reden." Die Leere blickte aus kalten Augen stumm zurück. "Gefalle ich dir denn nicht? Bin ich kein würdiger Ersatz für sie? Wir könnten doch so viel Spass zusammen haben."

"Nein. Ich will nicht den Rest meines Lebens traurig sein."

"Wie schade, denn ich bin immer da. Ich werde dich nie verlassen, denn ich warte an den Orten an denen niemand sucht und wenn meine Zeit gekommen ist, bin ich überall und du kannst nicht mehr so tun, als ob es mich nicht geben würde."

Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und schaute mir aus traurigen Augen prüfend in die meinen.

"Und du, du bist wie alle anderen. Undankbar, unbrauchbar, unnötig. Erst wenn etwas nicht mehr da ist, merkst du, dass da überhaupt was war. Und erst wenn es zu spät ist, entscheidest du dich, etwas dagegen zu unternehmen. Wie alle anderen. Weisst du, was der Unterschied zwischen der Hoffnung und mir ist? Die Hoffnung muss gepflegt werden. Sie liebt Gespräche, Geselligkeit, sie liebt Abenteuer, sie liebt Dummköpfe, ja selbst solche wie dich. Aber sie verabscheut Langeweile.

 Sie ist wie eine Liebhaberin, die immer wieder von neuem erobert werden muss und wenn man nichts für sie macht, ist sie eines Tages weg. Das ist der Unterschied zwischen ihr und mir. Damit ich bei dir bleibe, brauchst du gar nichts zu machen." Sie lächelte verschmitzt und zog eine Augenbraue hoch. "Und was geschieht wenn sie mich bereits verlassen hat?"

Die Traurigkeit lachte.

"Oh, so gescheit und doch so blind. Die Hoffnung, sie ist die grösste von uns allen. Ihr folgen Glück und Freundlichkeit und Freude und Wärme und die ganzen anderen Gefühle, wenn sie weggeht, dann bleiben nur noch wir. Ich, die Traurigkeit und meine Schwester, die Leere."

Die Leere nickte langsam im Hintergrund.

"Oh, sei doch nicht so traurig. Komm in meine Arme, damit ich dich trösten kann."

"Nein, du machst mich doch nur noch trauriger. Lass mich los, du kannst mich nicht trösten."

Sie trat kurz zurück in ihrem wallenden schwarzen Kleid.

"Wurdest du schon mal von der Leere umarmt?", fragte sie mich lauernd. Und schon war sie bei mir. Ganz nah, zeigte ein Lächeln, doch ihre Augen lachten nicht. Ihre Augenbrauen hoben sich, als sie die Hände zu mir reckte, als würde sie mich herausfordern, ihre Umarmung einmal auszuprobieren. Zu wissen, wie es sich anfühlt. Selbst auf dieser Distanz spürte ich die Kälte die sie umgab und dieses eigenartige Gefühl, als sei alles verloren, als sei alles weg und alles was ich bislang erreicht hatte, überflüssig, weil letztlich am Ende alles ins Nichts gehen würde.

Die Leere öffnete ihren Mund und lachte lautlos.

"Bald, sagt sie" Die Traurigkeit stand wieder vor mir. Langsam kam sie näher, behutsam, leise, unausweichlich. Ihre wispernden Hände begannen sich um meinen Hals zu legen und mit letzter Kraft schüttelte ich mich vor ihrem Griff los.

"Warte noch. Wie kann ich die Hoffnung wiederfinden? Wo ist sie hin?"

"Armes, dummes, Menschenkind. Wie soll die Traurigkeit dir sagen können, wo die Hoffnung hin ist? Wie soll sie dir sagen können, wie du sie wiederfindest? Du scheinst gar nichts begriffen zu haben."

Und damit ergriff sie mich wieder und ich konnte nichts dagegen machen. Ich spürte wie der Strudel der Traurigkeit sich zu öffnen begann und mich immer mehr hineinzog. Und als ich aufhörte mich zu wehren, verlor ich das Bewusstsein.

To be continued...

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72 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Tolle Bilder, die du in meinem Kopf gemalt hast. Ich stelle mir die Traurigkeit paradoxerweise wunderschön vor. So in der Art wie die böse Stiefmutter oder sowas. Ich hoffe aber trotzdem, dass die Hoffnung wiederkommt...

    11.12.2012, 15:47 von schmetterlingslachen
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  • 0

    Bei mir haben sich richtig Bilder aufgetan..gut geschrieben. Mir gefallen auch wenn Gefühle personifiziert werden.
    Nur, wieso to be continued? Weil die Hoffnung sowieso nie stirbt und es deswegen eifnach immer irgendwie weitergeht?

    11.12.2012, 15:24 von CurlyKatha
    • 0

      Ich glaube, weil die Hoffnung noch nicht fertig mit mir ist.

      11.12.2012, 15:52 von denkanstosser
    • 0

      ..guter Grund..oder auch nicht..je nachdem wie man es betrachtet.. :) Kann das sehr gut nachfühlen..

      07.01.2013, 14:40 von CurlyKatha
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  • 2

    ...und obwohl sie vielleicht schon lange gegangen ist, stirbt sie doch zuletzt.

    21.11.2012, 15:40 von TeilzeitRockStar
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  • 1

    Hab den Text nicht gelesen, bin gleich zur Selbsthilfegruppe Diskussionsrunde (oder Diskursrunde?) um Herrn q. & Co. gezappt und fand diese weitaus amüsanter, interessanter und weitaus bereichernder als oben versuchte Gestaltung.

    19.11.2012, 17:51 von Justaff
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    • 0

      Ja, klingt verrückt, ich weiß...

      26.11.2012, 14:54 von Justaff
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    • 0

      Bin ja auch ne doofe Sockenpuppe, ich darf das so.

      27.11.2012, 12:35 von Justaff
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    • 1

      Kannst du das auch so schreiben, dass man es versteht? Irgendwie fühlen sich meine Neuronen so verknotet an.

      18.11.2012, 02:07 von denkanstosser
  • 0

    Ich mag den Text! Überhaupt mag ich es, Gefühle zu Personifizieren. 

    Aber die Ankündigung einer Fortsetzung mag ich nicht so. Ich hätte gerne ein Ende gehabt mit der Pointe der Geschichte. Vielleicht, dass die Trauer langsam unsichtbar wird und verschwindet, weil du sie so satt bist und dich dann zur Leere gesellst. Und vielleicht flüstert die Hoffnung dir dann irgendwann zu, dass sie dir verziehen hat. Oder so

    17.11.2012, 13:10 von See_Emm_Why_Kay
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  • 2

    Ich weiß nicht, was mir der Text sagen soll. Das Traurigkeit und Hoffnung eng beisammen sind? Dass das eine das andere nicht ausschließt? Ich bin mir nicht sicher, aber für mich klingt das eher nach einem Tagebucheintrag, der mir zu gewöhnlich erscheint, um hier stehen zu müssen.

    Dann kam ich zu den Kommentaren unten, um mir ein Gesamtbild der Meinung hier zu machen, und musste mit Erschrecken feststellen, dass Kritik etwas ist, mit dem man erstmal umgehen lernen muss. Leider ist das zwangsläufig so, dass Texte, die man einem Publikum vorsetzt, auch kritisiert werden. Und da wir hier auch noch "Anonym" unterwegs sind, kanns manchmal auch hässlich werden.

    16.11.2012, 18:22 von marco_frohberger
    • 0

      Tut mir leid, wenn ich dich mit meiner mangelnden Kritikbereitschaft erschreckt habe, ich hoffe, du hast dir dabei nicht ins Hemd gemacht.

      Und danke für deinen Kommi.

      16.11.2012, 20:04 von denkanstosser
    • 1

      @ Marco
      Gebe dir da vollkommen Recht, aber bei

      Und da wir hier auch noch "Anonym" unterwegs sind, kanns manchmal auch hässlich werden
      kann ich, jedenfalls bei diesem Text, nicht mitgehen, da ich finde, daas es bisher nirgendwo "hässlich" geworden ist.
       


      17.11.2012, 08:46 von Tanea
    • 0

      Fürs uns Hemd machen bin ich schon zu groß.

      17.11.2012, 11:47 von marco_frohberger
    • 0

      @Tanea Du hast Recht, hässlich sieht vielleicht anders aus.

      17.11.2012, 11:48 von marco_frohberger
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Na, immerhin hast du eine Meinung.

      16.11.2012, 20:04 von denkanstosser
  • 1

    Naja,

    bei mir haste nichts angestoßen. Bin eher müde geworden.

    16.11.2012, 13:53 von Matsumoto
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  • 0

    Es gibt sie, immer. Und du musst sie stets suchen und sie anhören.
    Deine Gedanken gefallen mir! Da kann man jetzt wirklich sehr viel drüber philosophieren, diskutieren, analysieren... Ich fasse mich kurz und sage: da hast du meinen GEschmack getroffen :)

    16.11.2012, 04:05 von Sultanine
    • 0

      Hab dir ja schon woanders geantwortet. Danke. Was aber schon stimmt beim Text, ist dass ihm eine gründlichere Überarbeitung gutgetan hätte.

      16.11.2012, 20:06 von denkanstosser
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