sommeranbeterin 01.06.2013, 20:56 Uhr 0 0

Unausgesprochene Worte an Helena

Ich könnte mich zu dir setzen und dir alles sagen, was dir gesagt werden muss. Ich könnte dir helfen, glücklich zu werden. Vielleicht.

Es dauert ein bisschen, bis ich dich sehe.
Ich meine, bis ich dich so richtig sehe.

Da sitzt du, nur drei Meter weiter und trotzdem in einer komplett anderen Welt. 

Dabei kannten wir uns ziemlich gut.

Du warst in demselben Kindergarten wie ich. Wir waren sogar Freundinnen, fast.
Ich begann erst viel später, dich seltsam zu finden.
Für mich war dein Leben zwar schon immer außergewöhnlich, anders, aber noch nicht immer etwas, wofür du dich schämen musstest.

Später, in der Schule, änderte sich alles. Jeder rutschte irgendwie in seine Rolle. 
Das war die Zeit, in der wir begannen, uns zu ignorieren.
Und als die anderen dich ärgerten, stellte ich mich nicht auf deine Seite- obwohl ich es insgeheim wollte. 

Ist das nicht sogar noch schlimmer? Wenn man den richtigen Weg kennt und ihn aus Bequemlichkeit oder Angst nicht geht?

So mache ich das heute noch: Ich kenne meine Fehler und mache sie immer weiter, bis sie mich von innen auffressen.
Nach und nach zerstöre ich mich selbst. Aber ich bin keine Altruistin- nicht ein Hauch von Heldin steckt in mir. 
Angeblich ist ja Erkenntnis der erste Schritt. Ich habe nie einen zweiten getan. 
Auch nicht bei dir. 

Plötzlich spüre ich den Drang, mit dir zu reden. Ich stehe auf, halte mich mit der rechten Hand fest und setze mich dann neben dich. Wir schweigen, aber nicht peinlich berührt.
Wir warten vielmehr auf den richtigen Moment. Und der ist deiner.
Dann beginnst du, zu erzählen. Langsam, vorsichtig.
Davon, wie deine Mutter litt und schließlich starb.
Dass du an ihrem Bett saßt. Heulend, mit beschlagener Brille.
Dass das der Moment war, in dem du erwachsen wurdest. Als dir klar wurde, wie kurz und schmerzhaft unser Leben ist. Wie flatterhaft unser Schicksal.
Du gabst deiner Mutter im Stillen das Versprechen, dein Leben zu genießen; unabhängig von all dem anderen. Seit du den Tod gesehen hast, hat es einen anderen Wert.
Dir wurde auch klar, dass du was Besseres bist. Immer etwas Besseres warst.
Du erzählst, wie glücklich du mit deinem Freund bist. Ihr zwei wart Verlorene, die sich gegenseitig den Weg zeigten. Ihr liebt euch.
Ich denke zurück, an die Affären und Nächte, die ich hatte.
Spaß hielt ich immer für das wichtigste. Aber geliebt wurde ich noch nie, und ich merke, wie sehr es mir fehlt.
Und ich sehe, wie schön die Liebe dich macht. Du strahlst von innen heraus.


In Wirklichkeit habe ich mich nicht zu dir gesetzt. Das geht nicht. Das erlaubt diese Welt nicht.
Deine Augen leuchten nicht vor Glück und Liebe. Du hast nicht erkannt, wie wertvoll dein Leben ist, und dass du besser bist als ich. Der Tod deiner Mutter hat dich nicht befreit- er ließ dich in ein Loch stürzen. 

Niemand hat je gesagt, wie wunderbar du bist.

Du wirst niemals aus diesem Dorf herauskommen, niemals über den Schatten deiner Mutter springen. Niemals über deinen eigenen.
Du wirst nie erkennen, wie schön du eigentlich bist, und wie unwichtig das gleichzeitig ist.
Du wirst niemals an dich selbst glauben und deswegen auch niemals etwas schaffen.
Du wirst nie merken, wenn du geliebt wirst.

Ich könnte mich zu dir setzen und dir alles sagen, was dir gesagt werden muss. Ich könnte dir helfen, glücklich zu werden. Vielleicht.

Ich stehe auf- und gehe an dir vorbei. Du hebst nicht einmal den Blick. Du kennst mich nicht mehr.

Mein Universum, dein Universum.  

Dazwischen eine unüberwindbare Grenze.
Wir haben sie selbst aufgebaut, langsam, mit jedem unausgesprochenen Wort und jedem unerwiderten Lächeln. 

Vielleicht könnte ich die Mauer zerstören, wenn ich mich zu dir setzen würde. 

Aber ich bin ein Mensch, der den richtigen Weg kennt und ihn trotzdem nicht geht. Ich bin keine Altruistin, keine Heldin.

Ich steige einfach nur aus dem Bus und hasse mich dafür.



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