andreas.schwarz 09.03.2018, 23:03 Uhr 8 1

Überall Schnorrer: "Haste mal ne Kippe?"

Was ist das eigentlich für eine Unart geworden, dass man auf der Straße als Raucher so häufig um Zigaretten angeschnorrt wird?

Früher hieß es: „Haste mal ne Mark?“ – heute sind es die Kippen, die begehrt sind. Fast scheint es so, dass die Mark weniger wert war, als heutzutage eine Kippe. Neulich war ich mit der Bahn unterwegs. Am Bahnhof wurde ich mehrfach angeschnorrt. Aber nur einer wollte Geld, eine Frau die leere Getränkeflasche. All die anderen waren auf meine Zigaretten aus.

Wieso schnorren sich manche Menschen so ungeniert durch? Holen wir in der Geschichte dazu etwas weiter aus: Der „Schnorrer“ war im Judentum eine wichtige Person. Er bat bei reichen Leuten um Spenden, die damit ihre Barmherzigkeit zeigen konnten. Diese Spenden wurden dann für die kirchliche, religiöse Arbeit genutzt. Deshalb war der Schnorrer eine hoch angesehene Person. Das hat sich zwischenzeitlich jedoch geändert. Wer heute schnorrt, wird schief angeschaut.

Selbst bei Kindern ist das Schnorren zu sehen. Dafür haben Psychologen sogar einen Begriff: Den „Wunsch nach Partizipation“, also von dem, was ein anderer hat, etwas abzubekommen. Ich sehe schon die modernen Schnorrer in der Fußgängerzone auf mich zukommen: „Kann ich mal von Deinen Kippen partizipieren?“ Dieser Wunsch nach Partizipation wird also schon im Kindesalter geprägt. Das Kind will etwas haben, die Eltern lehnen den Kauf aber ab. Jetzt hat das Kind – laut der Psychologen – zwei Möglichkeiten: Entweder verzichten oder von anderen ausleihen. Dieses Verhalten kann sich aber im Gehirn verfestigen. Man fängt an, zum Dauerschnorrer zu werden. Weil: Das Objekt der Begierde (in unserem Fall die Zigarette) befriedigt ja nur für einen Moment. Bald schon muss nie Nächste her – alles geht von vorne los.

Je älter man wird, desto mehr kann man anscheinend zum Schnorrer werden, sagt das Internet. Im Laufe der Zeit entwickelt man eine echte Begabung, wenn es darum geht, anderen Leuten die Kippen oder das Geld aus der Tasche zu ziehen. Erfolgreich sind die charmanten Schnorrer. Dem abgerissenen Penner, der mich fast schon roh und unfreundlich anspricht, gebe ich nichts. Der älteren Dame, die höflich um eine Zigarette bittet und mir noch einen schönen Tag wünscht, schon. Auch diejenigen, die jammernd und flehend auf mich zukommen, gehen bei mir leer aus. Diejenigen, die selbstbewusst und souverän um etwas bitten, sind dagegen erfolgreicher.

Was lernen wir daraus? Nicht jammern, nicht unfreundlich sein, nicht betteln. Besser freundlich, souverän und selbstbewusst sein – dann klappt’s auch mit dem Schnorren. So ähnlich muss es auch in der Wirtschaft sein. Wer sich die wie die erstere Schnorrer-Gruppe verhält, wird von der Konkurrenz gefressen. Wer dagegen freundlich lächelt, während er seinen Geschäftspartner über den Tisch zieht, wird wohl Sieger bleiben.

Im Freundeskreis kann die Schnorrerei ebenfalls zu Problemen führen. Wer einmal fragt, tut sicher nichts Falsches. Wer aber mehrmals um etwas bittet, riskiert, dass sich sein Gegenüber ausgenutzt fühlt.

Sind Schnorrer eigentlich geizig? Anscheinend nicht. Ein geiziger Mensch hat das Ziel, seinen Besitz bei sich zu halten. Dem Schnorrer geht es um sein defizitäres Gefühl. Er will das haben, was sein Gegenüber auch hat. Im Prinzip lädt er sich an demjenigen, der ihm etwas gibt, seine Akkus auf. Es befriedigt ihn und macht ihn kurzzeitig glücklich. Leeren sich die Akkus wieder, muss der Schnorrer wieder aufladen. Das funktioniert übrigens nicht nur bei Zigaretten und Geld, sondern auch bei Emotionen. Borderliner zum Beispiel machen genau das: Sie zapfen ihr Gegenüber an, saugen Energie ab, die ihnen gerade in diesem Moment guttut – dann verschwinden sie. Wenn Sie ihre Akkus wieder laden wollen, docken sie wieder beim Opfer an und saugen erneut Energie für ihre eigenen Akkus. Normalerweise sollte das das Opfer relativ schnell merken, aber diese psychisch kranken Menschen gehen dabei so raffiniert vor, dass die Opfer sich den erneuten Energieraub willig gefallen lassen.

Letztendlich haben wir doch schon alle mal geschnorrt, oder? Und sei es nur, wenn wir einen befreundeten Anwalt um einen Rat oder eine besonders gute Köchin in unserem Freundeskreis nach einem Rezept gefragt haben. In einem für alle erträglichen Maße ist das auch in Ordnung. So lange es nicht zur Gewohnheit wird, ist alles okay. Und mal ehrlich: Manchmal gibt man ja auch gerne.


Tags: Schnorrer, Betteln, Leihen
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8 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich sag nur: keine Reziprozität. Woher das wohl kommt?

    11.03.2018, 13:38 von smillalotte
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      sachma kannsu dich n bisschn weniger geschwollen ausdrücken? was is n das, ein rezi protz? ität?

      11.03.2018, 15:48 von green_tea
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      Nö, das möschte isch nischt.

      "Reziprozität (lateinisch reciprocus ,aufeinander bezüglich', ,wechselseitig') bezeichnet oder bezieht sich auf: Menschliches Verhalten: Reziprozität (Soziologie), die Gegenseitigkeit im sozialen Austausch. Indirekte Reziprozität, altruistisches Handeln zur Stärkung der eigenen Reputation."
      Quelle: die unendlichen Weiten des Internetzes.

      11.03.2018, 19:23 von smillalotte
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      Lottchen, wat dat heeßt wees ick selwa. Ich würds sojar mit Jejenseitischkait übersetzen. Ich finds nur irjendwie kacke, wenn man imma so anjeben muss mit da fremdwörta.

      11.03.2018, 19:28 von green_tea
    • 0

      Muss ich gar nischt.Ist halt ein vielseitiges Ding, das durch Gegenseitigkeit alleine nicht abgedeckt wird. Deshalb bloß. Die spannendere Frage ist. Woher kommt das?

      11.03.2018, 20:01 von smillalotte
    • 0

      öh, keine ahnung, juckt mich nich. wenn mir eine ne kippe schnorren will sag ich, ich rauch nicht mehr, stimmt mittlerweile sogar

      11.03.2018, 20:25 von green_tea
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      löblich.

      11.03.2018, 22:14 von smillalotte
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  • 2

    Schnorrst du noch oder teilst du schon?

    Bemerkenswert, dass dein Aufsatz ohne dieses Wort auskommt.

    10.03.2018, 08:32 von JackBlack
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