Frau_Irma 21.03.2019, 12:31 Uhr 7 5

Über die Gelassenheit.

Das Leben ist zu groß, um es ganz zu umarmen.

Magdalena macht Yoga. Fünfmal die Woche. Sie lebt im Hier und Jetzt. Und nicht mehr im Dort und Da.
Max läuft dreimal die Woche um den Hasenweiher.
Das sind 8,9 Kilometer. Danach hat er so viele Endorphine im Körper, dass er ganz high ist.
Wilma ist zurück nach Bad Schonesgau gezogen. Zu ihren Eltern. Sie sagt, dass sei besser für ihr Kind. Familie sei ihr so wichtig geworden. Und ihre Eltern werden älter.
Nuran hat seinen Job in der IT-Firma gekündigt. Er ist jetzt auch einer dieser Reiseblogger, die im Minutentakt allen Daheimgebliebenen vor Augen führen, was sie gerade verpassen: den Sonnenaufgang am Kaspischen Meer. Den Ausblick über die Anden. Die blaue Grotte auf Capri.
Und ich sitze gerade im Zug.
Irgendwo zwischen Freital-Potschappel und Berlin. Und habe einen dieser merkwürdig erleuchtenden Momente. Diese Momente, in denen man zu Hundertprozent bei sich ist.
Ich denke über all die Magdalenas und Wilmas nach. Und während ich die Gesprächsfetzen der Mitreisenden zu einem Geschichtsteppich zusammenwebe, wird mir eines bewusst.
Es wird nie DIE perfekte Lösung für das Leben geben. Nie DEN einen Weg, um glücklich zu werden. Wir können noch so oft versuchen, uns täglich zu optimieren, letzten Endes wird es nie genug Zeit mit unserern Eltern und unserer Familie geben, werden wir nie alle wundervollen Plätze dieser Erde gesehen haben, werden wir nie all die Küsse geküsst haben, die wir wollten, nie genug Zeit mit unseren Freunden in Cafés und Bars und am Lagerfeuer verbracht haben, nie genug ans Meer gefahren sein. Wir werden nie genug gegen Kriege unternommen haben, gegen Ungerechtigkeit, Hass, Quälerei und Donald Trump.
Wir können nur in der Zeit, die wir haben, das Beste versuchen. Das Schöne genießen. Dankbar sein für besondere Momente. Dass wir überhaupt die Wahl hatten, Dinge zu tun, die uns glücklich gemacht haben.
Aber zu hoffen, wir würden am Ende, das Gefühl haben, alles geschafft zu haben, ist eine Illusion. Und ist es nicht herrlich, das zu wissen?

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7 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Aber zu hoffen, wir würden am Ende, das Gefühl haben, alles geschafft zu haben, ist eine Illusion. Und ist es nicht herrlich, das zu wissen?


    ***************

    Well, das kann nur jemand sagen, der am Anfang des "Lebens"  steht.
    Wenn ich bescheidenerweise mein bisheriges Leben Revue passieren lasse, kann ich zufrieden sagen, dass ich all das verwirklicht habe, was ich mir einst als Jugendlicher und junger Mann vorgenommen habe. Ich weiss, das koennen nur sehr wenige Menschen bekanntgeben. Bis zu meinem 40. Geburtstag hatte ich mehr erreicht, als ich je zu traeumen gewagt habe.  Alles, was danach kam, nenne ich Zugabe. In positiven und negativen Erlebnissen.
    Ich bin mit MEINEM Leben sehr zufrieden und kann sagen:  Egal, wann mich der Tod abholt, ich moechte mich fuer dieses Leben bedanken. Es war  aussergewoehnlich schoen und spannend.
    Nun geniesse ich weiterhin meine  "Zugabe" :-)


    04.04.2019, 07:30 von Dr_Lapsus
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  • 1

    Laufend und ständig der Selbstoptimierung zum angestrebten perfekten Lebenstil und -style hinterherzuhechten kann niemals gesund sein. Glücklich macht es eh nicht. 

    29.03.2019, 06:00 von Bergfenster
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  • 0

    Sehr schön. Danke dir. Das nimmt tatsächlich bisschen den Druck.

    26.03.2019, 21:09 von Blume-und-so
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  • 1

    Ich glaube, da steckt eine anspruchshaltung an das Leben dahinter, dass alles, immer PERFEKT und reibungslos im Leben zu laufen habe.
    Leider wurde den meisten von uns nie rechtzeitig vermittelt, dass das Leben so nicht ist, nie war, und nie sein wird. Und das finde ich das wirklich Tragische an der Sache.

    26.03.2019, 20:22 von Gluecksaktivistin
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    der anfang hat mir gefallen. dachte danach kommt was personenbezogenes, aber die oben beschriebenen sind völlig irrelevant. also doch nur zu viel gekifft…

    26.03.2019, 10:27 von Sir_Tobi
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  • 0

    Ich bin mir irgendwie noch nicht so ganz sicher, ob es herrlich oder erschreckend ist, diese Erkenntnis...

    Ich mochte den hier: "Dass wir überhaupt die Wahl hatten, Dinge zu tun, die uns glücklich gemacht haben."
    <3

    21.03.2019, 18:01 von SiebteWelle
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