Über den Wolken...
"Der Mensch gehört nicht in die Luft, so der Herr im Himmel ruft. Seine Söhne auf dem Wind, bringt mir dieses Menschenkind."
Ich habe Flugangst. Aviophobie. So richtig mit Schweißausbrüchen und Panikattacken. Dessen war ich mir allerdings noch gar nicht so bewusst, als ich meinem Vater ein freudiges „Ja, gerne!“ entgegenschmetterte, als er mich zum gemeinsamen Spanienurlaub einlud. Ich war schließlich mit zarten zwölf Jahren bereits alleine in die Vereinigten Staaten geflogen, ein Klacks also. Dass mich inzwischen die panische Angst vor Kontrollverlust heimgesucht hatte, hätte mir schon klar sein müssen weil ich die wohl anstrengendste Beifahrerin der Welt bin.
Je näher der Tag des Abflugs rückte, desto stärker wurde auch das flaue Gefühl im Magen. Ich war nicht in der Lage, den mentalen Horrorszenarien, die sich Tag für Tag unaufhörlich vor meinem inneren Auge abspielten, zu entkommen. Da ich in Familie und Freundeskreis ohnehin bereits den unangefochtenen Meistertitel im Hineinsteigern trage, kam ich nicht umhin, alle mich umgebenden Menschen Tag für Tag von der Dramaturgie meines Gefühlslebens in Kenntnis zu setzen. Irgendwie kam ich mir dabei selbst schon etwas lächerlich vor, denn auch ich weiß natürlich, dass „das Flugzeug statistisch betrachtet das sicherste Verkehrsmittel der Welt ist...“ und so weiter und so fort. Blablabla. Trotzdem oder gerade deswegen hätte ich jedem, der mir diesen Satz mit voller Überzeugung entgegnete, mit Anlauf ins Gesicht springen können. Übertroffen wurde er nur noch von der Aussage „Runter kommen sie alle!“, begleitet von einem hämischen Grinsen, was wahrscheinlich das Dümmste ist, das man einem Betroffenen in solch einer Situation entgegnen kann.
Wahrscheinlich lag es auch daran, dass ich mich objektiv betrachtet nicht einmal selbst ernst nehmen wollte, dass mich auch sonst keiner für voll nahm. Dabei ging es mir wirklich bescheiden bei dem Gedanken, in einigen Tagen in einer Sardinenbüchse einer irischen Billigairline mit hunderten Mitmenschen eingepfercht zu sein und ohne den Piloten zu kennen, von dem schließlich mein (Über-)Leben abhing, den Boden unter den Füßen einfach aufzugeben. Schon allein bei dem Gedanken daran wurde mir kotzübel. Die übertrieben und hysterisch anmutende Theatralik dieser Passage dient keineswegs allein deren Ausschmückung, sondern entspringt meinem tatsächlichen Gemütszustand in den letzten drei Tagen vor Reiseantritt.
An dem Morgen, an dem es dann tatsächlich soweit war blieb mir jeder Bissen, den ich mir in Anbetracht meines Kreislaufzustands hineinzwingen wollte, im wahrsten Sinne des Wortes im Halse stecken. Tapfer und von einigen verbalen „Stell dich nicht so an“-Remplern begleitet, quälte ich mich durch die Sicherheitskontrollen und ließ mich von der Masse urlaubsgeiler Familien in Richtung Gateway treiben. Schon den ganzen Tag hatten sich graue Wolken am Himmel getürmt, aber ob der Tatsache, dass es bereits Ostern war, beschloss ich, dass das Wetter gar nicht so schlimm werden könne, obwohl es jahreszeitenuntypisch noch recht kalt war. Falsch gedacht. Gerade als die Türen zum Außengelände geöffnet wurden, brach ein Hagelsturm los, den ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können. Mit den Worten
„Vergesst es, ich bleibe hier!“
drehte ich mich um und lief schon zum Ausgang, als mich meine Mutter festhielt und mich mahnend zurechtwies
„Jetzt mach dich nicht lächerlich, wie alt bist du denn bitte?!“
Sie hatte ja recht, irgendwie. Aber mit Rationalität hatte das Ganze eben wenig bis nichts zu tun. Den Tränen nahe resignierte ich schließlich und trabte im stetigen Hagel-Regen-Gemisch inmitten meiner Familie wie Vieh der Schlachtbank entgegen. Zumindest fühlte ich mich so. Auch der Ausblick auf den kommenden Urlaub änderte in keinster Weise etwas an meinem Gemütszustand.
Im Flugzeug angelangt machte sich eine nie gekannte Beklemmung in mir breit, die wohl aus den äußerst beschränkten Platzverhältnissen dieser fliegenden Konservendose resultierte. Das quietschige Gelb-Blau der Innenausstattung gab mir den Rest. Mein Kopf war leer. Ich ließ mich von meinem Vater zum Sitz schieben, nahm Platz und versuchte, mich in eine Art Trancezustand zu manövrieren, der mich diese Situation einfach vergessen lassen sollte. Blöderweise hatte ich mir zur Beschleunigung eines solchen Vorhabens leider keine adäquaten Hilfsmittel mitgebracht. Schon eine Schlaftablette und ein Piccolosekt sollen hierbei Wunder wirken, hatte mir bereits die kauzige und kurz vor der Rente stehende Urlaubsvertretung meines Hausarztes verklickert. Also war auch das Thema geistige Entrückung erst einmal vom Tisch. Apropos Tisch: Ich beschloss, dieses gelbe Plastikbrett zu nutzen, als mir von den etwas verschlafen dreinblickenden Flugbegleitern das bunt illustrierte Fluglinienprospekt vor die Nase gehalten wurde, in dem die während des Höllentrips mit penetrant-lauter Stimme aus den Lautsprechern geplärrten Gewinnspiele und Spezialangebote optische Formen annehmen. Da besagtes Brett allerdings mit irgendeinem weißen Pulver unbekannten Ursprungs kontaminiert war, klappte ich es wortlos wieder nach oben. Wach werden wäre schließlich in meiner Situation eher kontraproduktiv gewesen.
Irgendwann kratzte es in den Lautsprechern und in gebrochenem Englisch wurde uns werten Fluggästen mitgeteilt, dass sich der Abflug wegen Enteisung sowohl des Flugzeugs als auch der Startbahn um ca. 45 Minuten verzögern würde. Eigentlich dachte ich inzwischen, das könne alles nur ein schlechter Scherz sein. Einer der vielen bösen Träume und ich würde jeden Moment wieder aufwachen.
Eine dreiviertel Stunde später, rollte das Flugzeug los. „Sie tun es tatsächlich...“, dachte ich resignierend. Irgendwie hatte ich wohl gehofft, dass man den Flug wegen der untragbaren Wetterverhältnisse noch streichen würde. Aber nein... Mir schoss plötzlich ein Lied durch den Kopf. „Der Mensch gehört nicht in die Luft, so der Herr im Himmel ruft. Seine Söhne auf dem Wind, bringt mir dieses Menschenkind.“ klang die Stimme von Till Lindemann in mein Ohr. Auch das noch, das hatte mir ja jetzt gerade noch gefehlt.
Die Triebwerke starteten dröhnend laut durch, mit vollem Schub ging es nach vorne und im gleichen Moment glaubte ich, meinen Magen jeden Augenblick in den Händen halten zu können. Das Flugzeug bahnte sich seinen Weg durch die Unwetterwolken, es wackelte und bebte – jeder Achterbahn-Fan hätte seine helle Freude gehabt. Aber auch die sind nichts für mich. Natürlich hatten wir uns zu allem Überfluss auch noch über den Tragflächen platziert. Klar... da, wo es am Schlimmsten ist. Grüß dich, Murphy! Ich rechnete damit, dass der Vogel jeden Moment abstürzte. Es flimmerte vor meinen Augen, ich krallte mich in den Arm meines Vaters und heulte los. Ich war hilflos wie ein kleines Kind.
Irgendwann, nach gefühlten drei Stunden, hatten wir dann tatsächlich die Reiseflughöhe erreicht. „Über den Wolken, eieiei, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein...“ blökte eine Gruppe älterer Damen von den hinteren Sitzreihen. Wäre ich im Vollbesitz meiner geistigen Fähigkeiten gewesen, hätte ich sie gefragt, ob sie noch ganz richtig ticken. Mein Vater schaute mich an und beschloss, dass ich trotz der horrenden Preise eine Cola bräuchte. Gesagt, getan, ich bekam eine Cola und zwang sie gehorsam meine Speiseröhre herunter. Und wie das nun einmal mit der Verbindung von Getränken und Adrenalin so ist, musste ich irgendwann für kleine Mädchen. Ich glaubte, meinen Kreislauf wieder halbwegs im Griff zu haben, auch wenn mir mein Herz noch immer in den Kniekehlen hing. Also stand ich auf und wankte los. Allerdings hatte ich die Situation vollkommen falsch eingeschätzt und so wurde mir direkt vor der Toilettenkabine schwarz vor Augen. Ich sackte also zusammen und wurde von einer beherzten Flugbegleiterin aufgefangen und in deren kleines Abteil geschleift. Nachdem ich wieder zu mir gekommen war nahmen sie und ihre Kollegen sich meiner an und versuchten mich mit einem (kostenlosen) Becher Wasser und viel Ablenkung wiederherzustellen. Bis zu einem gewissen Punkt schafften sie das sogar, denn ich vergaß tatsächlich die Zeit, bis das Flugzeug plötzlich wieder zu schwanken begann. „We are landing now“, sagte der eine freundlich zu mir. „I'll bring you back to your seat.“
Da aber Start und Landung bekanntlich das Gefährlichste am ganzen Flug sind, läuteten wieder sämtliche meiner Alarmglocken. Eigentlich grundlos, denn in Spanien war strahlender Sonnenschein und die Landung war tatsächlich sanft wie ein Babypopo.
Er war vorbei, der Flug vor dem ich mich die ganze Zeit gefürchtet hatte, war vorüber. Ich hatte es geschafft. Aber nach dem erhebenden Gefühl der Erleichterung, als ich endlich dieses Höllengefährt verlassen hatte, beschlich mich plötzlich der leise Gedanke, dass ich auf diesem Weg ja auch wieder zurück musste..."Wichtige Links zu diesem Text"
Flugangst-Seminar der Lufthansa
http://de.wikipedia.org/wiki/Flugangst



Kommentare
Bevor ich das erste Mal geflogen bin, hielt ich mich auch für flugpanisch. Aber man kann sich irren, wir sind unter besten Flugbedingungen sicher angekommen. Von da an war alles gar nciht mehr so schwer, was große Höhen betrifft. Kenne auch niemanden, der so 'rückfällig' betreffend der Flugsangst ist.
30.06.2010, 19:40 von VittonDein Text ist sehr detailliert und liest sich angenehm.
PS: Rammstein for the win!
als leidenschaftlicher Fallschirmspringer hatte ich noch nie über Flugangst nachgedacht, in meinem Umfeld ist meines Wissen auch niemand davon betroffen
29.06.2010, 17:16 von skyDivusvon daher war es doch sehr interessant, die Fliegerei mal aus einer anderen Sicht geschildert zu bekommen
Als Tochter eines Piloten muss ich eine kleine Sache berichtigen: Der Platz direkt über den Tragflächen ist der, wo es am wenigsten wackelt. Nicht am meisten. Setz dich mal in den "Schwanz" hinten, dann weißte wo der Unterschied is...
24.06.2010, 21:10 von systemund mit der irischen billigfluglinie bin ich einmal geflogen und NIE WIEDER. Hat man immer das Gefühl, die Karre fällt auseinander
@system Okay, ich lasse mich da gerne eines besseren belehren. :) Mir fehlt es auch einfach an Vergleichsmöglichkeiten. Subjektiv war es vielleicht der Eindruck, weil man die Dinger dann so erbärmlich wackeln sieht...
24.06.2010, 22:49 von kaulquappenmassakerDa ich selber nicht völlig Angstfrei in ein Flugzeug steige, so schlimm wie bei dir ist es abe rzum Glück nicht...kann ich die Gefühle ziemlich gut nachvollziehen.
23.06.2010, 14:16 von AntizickeInsgesamt schön geschrieben und alles gut miterlebbar. Mir gefällt der Text, macht Mut in ein Flugzeug zu steigen :)
zwei freundinnen von mir ergeht es ähnlich wie dir. und bei einer saß auf einem rückflug aus italien eine nonne auf dem nachbarplatz, die sagte, "wenn sie angst haben, dürfen sie gern meine hand halten." während meine freundin noch über zwangshomosexualität, resultierend aus der eingeschlechtlichen lebensweise im konvent, nachdachte, setzte der pilot zur landung an und meine freundin war glücklcih über die warme trockene hand der nonne. die beiden schreiben sich heute noch.
23.06.2010, 14:07 von lavishHmm, also so froh ich auch bin keine Flugangst zu haben, und so schlimm so eine Angst auch sein mag ... ich mag Deine Geschichten, auch die hier, die an manchen Stellen (wenn vielleicht auch unabsichtlich und/oder unpassend gute Laune erzeugt.
23.06.2010, 14:01 von CyroSelber passe ich mit meiner Länge wohl auf keinen Flugzeugsitz (habe mir sagen lassen dass es nur 75 oder bei manchen 83 cm Platz zum Sitz vor einem gibt ,, und wenn der Vordermann dann auch noch die Lehne nach hinten kippt ...), es sei denn in der ersten Klasse. Nur kann die erste Klasse ja ein (privat) Mensch bezahlen. Insofern bleibe ich auf dem Boden.
Trotzdem glaube ich nicht dass ich der Typ bin der übermäßig ängstlich ist ... schliesslich machte mir der Taxifahrer vor 3 Jahren, der mir vorführen wollte, wie man bei Glatteis einen schleudernden Wagen wieder unter Kontrolle bringt, auch nicht wirkich Angst. Warum ? Hey, wir sitzen im gleichen Auto, und sein Leben wäre genauso in Gefahr. Wenn er also nicht gerade akut selbstmordgefährdet ist oder auf einem LSD-Trip, wird der sein Leben nicht wirklich riskieren. So gesehen hätten wir auch Pirouetten drehend das Ziel erreichen können, wenn er sein Auto beherrscht. Und um wie viel mehr vertraue ich einem Piloten .. ich gehe bei mehr als 99% der Menschen davon aus, dass sie zögern würden sich umzubringen bzw. sich in einem derartigen Ausnahmezustand befinden, in dem es lebensgefährlich wird. Sitzt man also im gleichen Gefährt, sollte die Sache doch ziemlich sicher sein.
Klar, das hilft jetzt genau gar nicht gegen Ängste, aber es ist meine Sicht der Dinge bzw. auf das Thema.
@[Benutzer gelöscht] Danke. ;)
23.06.2010, 15:42 von kaulquappenmassakerähm rammstein zitieren und dann nich drunterschreiben zitat rammstein?
23.06.2010, 13:45 von Der_Misanthrophegemann lässt grüssen..
@Der_Misanthrop Ja, und Reinhard Mey auch... Frechheit!
23.06.2010, 16:46 von kaulquappenmassaker@kaulquappenmassaker dit is escht ne riesen-sowerei!
23.06.2010, 18:32 von Der_Misanthrop