Vera_Schroeder 12.05.2010, 13:44 Uhr 0 2

Tränen lügen doch

Frauen WEINEN vier Mal so häufig wie Männer. Daraus entsteht ein Missverständnis. Nein, wir sind nicht emotionaler! Wir heulen einfach nur viel schneller los.

Jetzt leiser werden, sonst zittert die Stimme. »Nein, ich habe die Fehler in dem Artikel nicht absichtlich übersehen. « Die Wut drückt gegen den Brustkorb, kriecht kratzend den Hals nach oben und meldet sich auf der Innenseite der Augäpfel. »Was sollen mir absichtliche Fehler in meinem eigenen Text denn bringen?!« Das Salzwasser sammelt sich in den Wimpern, schwappt über und kriecht, jetzt sichtbar, aus den Augenwinkeln heraus die Backe herunter.

Der Chef, der mich soeben noch kampfeslustig mit dem unverschämtesten Vorwurf des Jahres konfrontiert hat, legt mir erschrocken seine Hand auf die Schulter. Er stottert, blinzelt, sagt dann sanft: »Oh! Jetzt beruhigen Sie sich erst mal. Das kriegen wir schon hin! Ach, ist doch alles halb so wild.« Er stolpert nervös aus meinem Büro.

Es ist schon wieder passiert. Das größte Missverständnis meines Berufslebens. Ach was: das größte Missverständnis meines Lebens. Ich heule. Obwohl ich gerade am liebsten den Bürostuhl und den Autositz des Chefs mit aggressiver Zahnpasta bearbeiten möchte.

Ich bin eine Heulsuse. Warum es »Heulsuse« heißt und nicht »Heulpeter« wurde soeben wieder wissenschaftlich geklärt. Augenärzte veröffentlichten Studien, wonach Frauen im Durchschnitt vier Mal so häufig weinen wie Männer. Dreißig bis 64 Mal im Jahr, bei Männern sind es nur sechs bis siebzehn Mal. Das Problem, das sich aus dieser Statistik ergibt, ist aber gar nicht die Ungleichheit an sich. Das Problem ist vielmehr die Vermutung vieler Männer, dass diese Zahlen beweisen, dass Frauen weicher, sensibler, verletzlicher, emotionaler oder sogar insgesamt trauriger sind. Sind sie nicht. Frauen heulen einfach nur schneller.

Bei mir zum Beispiel ist es so: Wenn ich glücklich bin, bekomme ich rote Flecken im Gesicht. Wenn ich Angst habe, muss ich aufs Klo. Wenn ich nervös bin, wippt mein rechtes Knie wie wild. Und wenn ich aufgeregt, verärgert, irritiert oder wütend bin, schießen mir auf der Stelle Tränen in die Augen. Natürlich passiert das auch, wenn ich traurig, persönlich gekränkt oder gerührt bin. Aber eben nicht nur. Dazu kommt: Es passiert selbst dann, wenn diese Regungen gar nicht besonders heftig sind. Aber wenn man heult, noch dazu als Frau, denken alle immer gleich, man wäre verzweifelt. Absolut verzweifelt. Zu Tode betrübt. So verletzt, dass die Situation sofort beendet, aufgelöst, aufgeweicht, entschärft, zurückgenommen oder weggetröstet werden muss.

Quatsch! Wenn Frauen wie ich weinen, heißt das erst mal nur, dass sie emotional einigermaßen engagiert sind. Einmal stand ich in einer Supermarktschlange, vor mir ein alter Mann, davor eine Frau mit Kopftuch, deren Mandarinennetz auf dem Warenband geplatzt war, sodass die Mandarinen gegen den Salatkopf des alten Mannes kullerten. »Türkenfinger weg!«, fuhr der Mann die Frau an.

Der Wutkloß schoss in meine Brust, während ich versuchte, einen möglichst zivilcouragierten Satz zu formulieren: »Sie, Sie, Sie sind doch ?«, kam es gebrochen aus meinem Mund heraus, da tätschelte der Mann schon erschrocken meinen Arm. »Mädel, weinst du? Was weinst du denn?!«, flüsterte er betroffen. Der Kassierer stand auf und reichte mir ein Taschentuch, während die Frau ihre Mandarinen einsammelte und aus dem Laden verschwand.

Was ich mit dieser peinlichen Geschichte sagen will: Das Missverständnis, das zwischen weiblichen Tränen und der Männerwelt herrscht, hat schlimme Folgen. Weil es von den eigentlichen Inhalten ablenkt. Weil es in Männern Beschützerinstinkte weckt, die Weiterverhandeln auf gleicher Ebene verhindern. Weil es in Supermärkten, Schlafzimmern, Büros oder Kinosälen dazu führt, dass wir Frauen uns aus dem Spiel der gleich berechtigten Diskussion kegeln, indem wir Signale senden, die Männer sofort zum Abbrechen verleiten.

Natürlich könnte man jetzt vorschlagen, dass wir Frauen uns das Weinen einfach abgewöhnen sollten. Eine Freundin hat das mal versucht. Sie besuchte ein Seminar mit dem Titel »Büroklammern kennen keine Tränen«. Ziel des Kurses war es, in entscheidenden beruflichen Situationen die emotionale Erregung so weit zu unterdrücken, dass der Tränenkloß erst gar nicht hochkommt. Nach dem Seminar dachte die Freundin in jeder Konferenz an Kohlsuppe mit Speck, weil man ihr als gedanklichen Trick empfohlen hatte, sich in schwierigen Situationen auf ihr Lieblingsgericht zu konzentrieren. Nach drei Wochen bat der Chef sie zu sich und fragte, was eigentlich mit ihr los sei, sie wirke so unengagiert. Die Freundin vergaß die Kohlsuppe und fing sofort zu heulen an.

Seitdem haben die Freundin und ich beschlossen, dass Abgewöhnen keine Option ist. Es war nicht leicht, sich das einzugestehen, wir mussten dazu ein gedankliches Modell konstruieren, das ich mit mittelmäßigem Erfolg nun auch benutze, um in Liebesbeziehungen die Sachlage zu klären. Das Modell, nennen wir es Flippermodell, geht davon aus, dass irgendwo in unserer Körpermitte ein Kloß liegt, der durch Emotionen nach oben in den Kopf hinter die Augen geschossen werden kann. Bei Frauen ist die Bahn nach oben frei, sodass schon ein leichter Schubs genügt, um das Ding mit Vollgas nach oben zu katapultieren, wo es gegen die Tränendrüsen donnert, sodass die sich nach vorne raus entleeren.

Bei Männern liegen Hindernisse auf dem Weg nach oben, warum auch immer. Die Hindernisse sorgen jedenfalls dafür, dass der Kloß viel stärker angeschubst werden muss, um überhaupt den Kopf zu erreichen. Sonst rollt er irgendwo im Mittelbau einfach wieder zurück. Soll heißen: Nicht der Emotionskloß ist bei Frauen größer, er donnert nur viel leichter gegen die Tränendrüsen. Das ist eine ganz einfache, eine mechanische Reaktion.

Dass wir uns eines so haarsträubenden Modells bedienen müssen, liegt natürlich daran, dass die wissenschaftliche Datenbasis bei diesem Thema immer noch sehr dünn ist. Fest steht laut den Studien der Augenärzte lediglich, dass der Unterschied zwischen Männern und Frauen beim Weinen mit der Pubertät einsetzt, davor heulen Jungen und Mädchen gleich viel. Was die Vermutung nahelegt, dass es mit den Hormonen zu tun haben könnte. Und natürlich ist es bestimmt auch so, dass wir das Weinen einfach besser gelernt und anerzogen bekommen haben. Selbstverständlich gibt es Frauen, die Tränen bewusst einsetzen. Und selbstverständlich habe ich das auch schon gemacht. Ich hab den Kloß einfach absichtlich schnell nach oben geschossen - die Bahn ist bei mir ja frei.

Der einzige Mann übrigens, der mit meinen Tränen richtig umgeht, ist mein Vater. Vielleicht, weil er mich schon als Baby kannte und man das Geheule bei Babys ja sowieso nicht so ernst nehmen darf. Vielleicht auch, weil er drei Töchter und eine Ehefrau hat. Richtig umgehen jedenfalls heißt: ignorieren. Mein Vater ärgert mich, wie man sich in Familien halt so ärgert - in Familien heult man ja sowieso am allerleichtesten los. Ich bekomme eine zittrige Stimme, er reicht mir ein Taschentuch und nervt mich seelenruhig, aber mit Nachdruck weiter. Nach ein paar Sekunden beruhigen sich meine Tränendrüsen, ich kann wieder lauter sprechen, und dann ärgern wir uns zu Ende. Ich glaube, wenn man ihn anschließend danach fragen würde, er könnte sich an meine Tränen überhaupt nicht mehr erinnern.

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