ueberleben 30.05.2010, 21:10 Uhr 3 2

Tomaten. Kurze Abhandlung über die Leichtigkeit des Lebens

dein Kuss ist süß und deine Lippen tiefrot allmählich;das macht mich fertig,denn ich kann an nichts anderes mehr denken als den Tisch und die Tomaten.

Die Band hatte gespielt, Töne schwirren noch immer in mir und um mich herum, flirrend, süß, singend, klingend.
Sie haben mich nicht satt genug gemacht;
mein Bauch ist flach und eingefallen, ich fühle das, und alle Knochen darunter, als ich ein letztes Mal den weichen dünnen Stoff meines Shirts glattstreiche, bevor weiche,leichte, samtige Lippen mich berühren, ein Kuss, ich kenne dich eigentlich nicht, aber du bist schön, und ich mag diese Musik, und hoffe, du und deine Töne,sie bildeten eine Einheit und machten mich satt.
Es ist wie immer,wenn ich küsse, ich nehme sehr genau wahr und
nicht nur den anderen, sondern auch alles um mich herum, aber ich sehe all das nicht weil ich die Augen geschlossen habe, es muss wohl ein einziger wohlwissender analytischer Blick vorher gewesen sein, der mich diese Umgebung, in der ich dich gerade küsse, so krankhaft exakt
exakt,exakt,
wahrnehmen ließ, wir hatten nur Kaffee machen wollen,
es ist ein in hässlichem, undefinierbaren Holz getäfelter Raum, wohl nicht sonderlich schön und zweifellos für Abstellzwecke missbraucht; ein wackeliger, ziemlich schäbiger Küchentisch hatte uns den Weg zur Küchenzeile versperrt.
Ein bisschen rot darin, Farbkleckse;
und dann du,irgendwie so hübsch und in schönen Farben,und das gefällt mir,vielleicht ist es das, was mich dich im Endeffekt küssen lässt.
Und wir küssen noch immer,während ich nachdenke, nur so zwischendurch Gedankenfetzen, denn allmählich beginnt es schon zu brennen,
intensiv, du schmeckst gut, ich werde keinen Zucker in den Kaffee nehmen.
Ich bin immer noch nicht satt, seit wann habe ich nichts gegessen?-
Paralyse.
Augenliderflattern,Magenflattern,vielleicht ist es dieser plötzliche Gedankenblitz,vielleicht deine Hände die sich gerade ziemlich zielsicher an meinem Körper bewegen,
Tisch. Rot. Farbkleckse.
Ein perfektes Paradox. Der Tisch, seine raue, verbrauchte Oberfläche,schmutzig.
Meine Augenlider flattern abermals, diesmal ist es beides, deine Hände,
Atem ganz hektisch,
dieses Paradox, ich hatte die Augen zu lange geöffnet, denn jetzt ist der Gedanke ganz klar, die glatte,fast spiegelnde, tiefrote Oberfläche der Tomaten,so sauber, so süß,
auch dein Kuss ist süß, und deine Lippen tiefrot allmählich; das macht mich fertig, denn ich kann an nichts anderes mehr denken als den Tisch und seine Tomaten, das reflektierende Rot, lockend, bedingungslos, fast so wie du, nur dass man dich nicht essen kann,
Tränen, ich spüre deine Zähne ganz kurz,ganz gekonnt,auf meinen Lippen, ich schaffe es, mich zu lösen;mein Lachen klingt instabil aber das können genauso gut du,deine Hände und deine Lippen schuld sein;
scheisse, sage ich,
ich hab Hunger.
Und
scheisse, sagt er, du bist echt dünn, und ich löse eine der Tomaten von den mattgrünen Stielen und stecke sie in den Mund,ungewaschen,
gefühlte zehn Steine in meinem Magen, ich gehe verhalten hinaus [RENNEN] und überlasse die Tomate und deinen kalorienreichen schweren alles verbrennenden Kuss der Toilette [KOTZEN],
und dann bin ich leicht, tanze,auf der Musik, die irgendwo von der weit entfernten Bühne dringt, und deinem Kuss und deiner Schönheit und deinem Klang wieder zurück, und kann wieder schweben.

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3 Antworten

Kommentare

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  • 0

    ich hab mich noch nie so intensiv mit einem kuss auseindergesetzt. aber dazu wird man ja beim lesen gezwungen. und ich will nen Mann jetz...

    01.06.2010, 20:56 von saruschel
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich bekomme eine Gänsehaut bei deinen Texten..
    Und trotz allem weiß ich genau dass du morgen wieder lachend vor mir stehen wirst, mein starkes Mädchen :):*

    30.05.2010, 21:19 von wortkotze
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